Das (wieder)kommende Afrika …

Über „MILLE 100 KARA“ von Adokou Sana

  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
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„Töten ist (…) die Geste derjenigen, die keine Vorstellungskraft haben“, schrieb Sony Labou Tansi [1]; die Mörder von Thomas Sankara hatten nur Macht über seinen Körper: seine Ideen überleben auch mehr als dreißig Jahre danach, denn Ideen kann man nicht töten. Und es ist nicht die Ausstellung „Mille 100 Kara“ von Adokou Sana, die das Gegenteil dieses Axioms behaupten könnte. Am 29. März 2018 eröffnete der KUNSTRAUM226 diese Ausstellung, die die Ideen eines Mannes aufleben lässt, dessen Charisma und Integrität aus ihm einen Helden der weltweiten Jugend gemacht haben.
 

Weckt den Sankara auf, der in euch schläft!

So hätte der große Sessel ertönen können, der den Besucher empfängt und ihn dazu zwingt, in das Spiel einzusteigen, seine Rolle als Beobachter zu vergessen und sich in eine aktive Position zu versetzen. Und das Mikrofon auf dem Tisch übergibt sofort demjenigen, der auf dem Sessel sitzt, das Wort im Angesicht einer Menschenmenge; eine Menschenmenge repräsentiert durch eine Wandmalerei ähnlich der Street Art – man könnte sagen, eines jener Werke das der Brite Banksy hier und dort hinterlässt – mit Köpfen in Form von Feuerzeugen (ein anderes Symbol der Revolte oder eher eines des Feuers als Wissen!?). Die Stimmung des Gemäldes ist nicht weit entfernt von jener der eigentlichen Demonstrationen in der sankaristischen Epoche oder auch des jüngsten burkinischen Aufstands. Der Künstler hat die Option gewählt, den Besucher in die Situation zu versetzen; eine Art Appell an die Bewusstwerdung und das Engagement eines jeden, in den vielfältigen Kämpfen die Afrika bedrohen. Darüber hinaus sagen die Stimmen, die aus den im Raum angebrachten Kopfhörern erklingen, ebenso viel über diesen Aufruf zur Einmischung eines jeden! Der Ton, der zum Bild und zum Objekt der Récupération angebunden ist, vermischt Traum, Entschiedenheit und Hoffnung: Afrika will sich bewegen, und Afrika bewegt sich!

Die Récupération (Recycling) und die (Neu)Schaffung: der Notausgang

Genauso komplex wie sein Universum und seine Art des Schaffens, könnte die Kunst dieses brodelnden 21. Jahrhunderts nicht ohne das Menschliche auszukommen. Sie muss den Weg durch die Stimme darstellen, Hoffnung durch träume säen, und der Menschheit ihren Platz geben durch die Vorstellungskraft und das Wissen… Denn wenn „man die Ideen nicht mit den Händen fasst“ [2], dann muss man den Mann und die Frau durch Ideen fassen, um ihn oder sie zu sich selbst zurückzubringen, dank der Hände, die schaffen. Das soll heißen, dass die Kunst der Récupération und der (Neu)Schaffung jeden Geist animieren sollte, damit man nicht in der Vergangenheit verhaftet bleibt, sondern schafft was kommen muss. Adokou Sana erleuchtet uns durch zwei mit gebrauchten Feuerzeugen hergestellten Werken, in deren Innerem man Fetzen von Zitaten, Briefen, Magazinen und Zeitungen finden kann… Der Künstler hat sich sicherlich nicht durch die Ideale des burkinischen Märtyrer-Präsidenten inspirieren lassen, um die Besucher oder die Akteure in die Epoche von Thomas Sankara zurückzuversetzen, sondern vielmehr, dass sich Letztere darin wiederfinden und sich befähigen „es zu wagen, die Zukunft neu zu erfinden“ [3]. Deshalb auch ohne Zweifel dieser imposante Sessel, der nicht nur einen Sitzenden erwartet, angesichts einer Masse in permanenter Wandlung. Eine Art zu sagen: „Sankara, das hättest auch du sein können, ihr könnt der Sankara eurer Epoche sein“!

„Mille 100 Kara“ werden nicht ausreichen…

Das Multidisziplinäre und die Symbolik dieser Ausstellung von Adokou Sana rütteln wach! Man könnte ihm vorwerfen eine Revolte anzuzetteln – die Symbolik des Feuers und der Stimmen, die zur Einheit aufrufen – aber „ist es dem Menschen zum Schaden, ihnen die Freiheit des Geistes zu geben?“ [4]. Die Botschaft des Künstlers ist klar: Ein Afrika, das (zurück)kommt, braucht „denkende Stimmen“ und eine Jugend, die es schafft sich trotz aller Schwierigkeiten durch die permanente Reflexion, Arbeit und Innovation zu erheben, - dank des menschlichen Geistes, eine der stärksten Waffen überhaupt. So kann sich Afrika von Sackgassen befreien, in einer von Ängsten erschütterten Zeit, einer Epoche in der sich der Terror verbreitet. Diese Jugend muss sich der kämpferischen Vergangenheit ihrer Väter bewusst sein, der vielen Aggressionen, die der Kontinent erleiden musste, um nicht am Notausgang vorbeizulaufen! Es handelt sich nicht nur um Afrika, sondern um die Gesamtheit der Menschheit. So reichen „Mille 100 Kara“ nicht aus, man braucht Millionen: Und die Kunst wird Wege schaffen, keine Sackgassen.