Unter dem Hijab ist das Ewigweibliche

Fotoausstellung von Harouna Marané

  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
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Mit „Sous le voile“ (Unter dem Schleier) präsentiert Harouna Marané, im Ausstellungsraum „Kunstraum 226“ des Goethe-Instituts von Ouagadougou, Fotografien von verschleierten Frauen in der burkinischen Hauptstadt. Und gibt ihnen damit eine Stimme. In einer Gesellschaft, die sich angesichts ostentativer Zeichen des Islams anspannt, rufen verschleierte Frauen ambivalente Gefühle hervor; sie ängstigen und beunruhigen die Menschen. Diese Ausstellung lüftet den Schleier der verschleierten Frauen.

Eine verschleierte Frau irritiert. Es ist weniger als ein Jahrzehnt her, als sie noch eine seltene Spezies in der burkinischen Landschaft war und dann, in den letzten Jahren, begannen sie sich zu vermehren und zahlreicher zu werden. Sie sind wie die Vögel des gleichnamigen Films von Hitchcock, die die Stadt Stück für Stück bevölkern und Panik bei den Bewohnern hervorrufen. Diese Frauen, von Kopf bis Fuß bedeckt, diese Schatten, zuweilen ohne Gesicht, sorgen für Unbehagen.

Der Schleier beeinträchtigt manchmal die Trennung von Religion und Staat in der Bürokratie und den öffentlichen Schulen. Diese Frauen rufen aufgrund der verschleierten Frauen, die Boko Haram als Attentäterinnen nutzte, Angst hervor. Feministinnen sehen sie als Opfer, gezwungen, ihre Weiblichkeit in diesen schwarzen Leichentüchern zu begraben. Kritiker des Islams führen sie als Beweis heran, dass der Islam die Frau unterdrückt. Doch wenn die Diskurse um den Schleier in der Öffentlichkeit zunehmen, die Diskurse der religiösen Institutionen über die Stimme der Imame, der staatlichen Institutionen, der Bürgen des Laizismus und der Feministinnen, dann sind die Stimmen ebendieser Frauen nicht zu hören. Sie sind Objekt der Diskurse, aber niemals sprechende Subjekte ihres eigenen Diskurses.

„Sous le voile“ zeigt diese stimmlosen Frauen und lässt sie selbst sprechen. Im „Kunstraum226“ wird es durch ungefähr zwanzig schwarz-weiß Fotografien ermöglicht, sie in ihrer Wirklichkeit zu sehen. Von weitem sind sie dunkle Flecken oder schwarze Löcher in mitten des Menschengewühls der Stadt; von Nahem sind es zuweilen junge Mädchen, plaudernd oder auf ihren Smartphones tippend. Sie sind wie alle Frauen dieser Welt. Tatsächlich offenbart sich unter dem vollständigen Schleier die Spitze eines pedikürten Fuß oder ein Schuh mit hohem Absatz. Sie tragen trendige Brillen, modische Handtaschen, wertvollen Schmuck. Manche sind geschminkt, andere nicht. Manchmal leuchtet selbst auf dem Gesicht eines jungen Mädchens ein aufreizendes Lächeln auf. Zwei Mädchen, vertieft in ihr Handy und entrückt von der Welt, zeigen ihre regelrechte Abhängigkeit von Smartphones. Man sieht Mütter, die ihre Kinder zur Schule begleiten. Anhand der unterschiedlichen Qualität der Schleier merkt man, dass sie allen sozialen Schichten entstammen: Putzfrauen, Schülerinnen und Studentinnen, junge Angestellte usw. Es sind Frauen und Mädchen unter dem Schleier, alte und junge, die leben, arbeiten, lieben, leiden, weinen, lachen. Keine vernachlässigten, aber gepflegte Körper. Glanz und Begehren. Körper, hinter dem Paravent des Schleiers, dem männlichen Blick entzogen. Sie sind Frauen. So weiblich. Einfach menschlich.

Durch diese Ausstellung will Harouna Marané den Blick auf verschleierte Frauen verändern. Deshalb lässt er drei von ihnen selbst zu Wort kommen, die erklären, dass das Tragen des Schleiers eine Empfehlung des Korans sei. Wäre seine Stichprobe größer gewesen, hätte er sicherlich andere Motivationen gehabt, die sich nicht primär auf Religion beziehen. Die Jugendlichen tragen den Schleier als Zeichen der Rebellion oder der Grenzüberschreitung, wie vor zwanzig Jahren, als andere in ihrem Alter Zigaretten rauchten oder ihre mit der Schere gekürzten T-Shirts zur Schau trugen, als Standarte ihrer Revolte. Wieder andere tragen diese schwarzen Kleider als Überzug, um ihre Frisur und Kleidung vor dem Staub Ouagadougous zu schützen. Am Ziel angekommen, befreien sie sich von ihr, wie eine Schlange von ihrer Haut.

Der Fotograf entschied sich für Abzüge in schwarz und weiß, seine Ausstellung jedoch zeigt, dass der Schleier nicht auf eine binäre Position reduzierbar ist. Weder schwarz noch weiß. Weder für noch wider. Es stimmt, dass diese Ausstellung nicht den Blick auf den Schleier verändern wird. Aber sie bietet an, andere Bilder und andere Stimmen über den Schleier zu hören und zu sehen, die sich nicht mit den gewohnten Bildern und Worten fügen. Er entschleiert verschleierte Frauen, indem er sie wie jede andere Frau fotografiert. Und unter dem Schleier entdeckt man … das Ewigweibliche. Oder sagen wir einfach Frauen, um weder die Feministen, noch die Lacanier vor den Kopf zu stoßen.