MOUSSOYA - Frau Sein

Ausstellung von Agnès T. TEBDA, Makamssa YAGO und Mariam SOUGUE (RIAM)

 

„Frau, steh auf und kämpfe für deine Rechte…!“
'' Ja, du Frau, steh auf und kämpfe für deine Rechte ... ''! So sprach Makamssa YAGO, während eine andere Frau nebenan (Mariam SOUGUE, RIAM) bei der Hausarbeit, sichtbar hochschwanger, bis zum Umfallen arbeitete, den Rhythmus hin und wieder von Sequenzen unterbrochen, in denen sie sich vor Schmerzen beugte. Um sie herum schleicht eine Maske einer Frau, die von einer anderen Künstlerin (Agnès T. TEBDA) getragen und animiert wird und deren Tanzschritte sie langsam in einen Rausch versetzen. Der Ausstellungsraum gefüllt mit verschiedenen Installationen und Werken des Künstlerinnen-Trios und das neugierige Publikum im Kunstraum226 antwortete auf den Ausruf: Willkommen bei MOUSSOYA!

Im Raum: Die Stimme von Makamssa donnert und Stimmen erheben sich, einige ernster als die anderen...
In weniger als einem Jahrhundert hat der Kampf der Frau um ihre Autonomie und ihre wirkliche Freiheit gewaltige Schritte unternommen; sie konnte sich aber noch nicht vollkommen aus dieser Situation befreien, vor allem in einigen Teilen der Welt, wo die Frau gezwungen ist, die schlimmsten Demütigungen zu erleiden und zu schweigen, weil manchmal soziale Normen lauter sprechen als die Vernunft… sicherlich aus diesem Grund tönte und donnerte die Stimme von Makamssa während ihres Auftritts bei der Eröffnung der Ausstellung.
Und die Stimmen werden lauter, die eine mehr als die andere (weil Männer im Publikum sind), die einen schärfer als die anderen. Die Interaktion Künstler-Publikum ist das Interessante an dem Spiel: die ein oder anderen Zuschauer_innen in diesen jahrhundertealten Kampf der Frau mit einzubeziehen, damit Freiheit über Willkür sozialer Normen herrscht. Die Stimme wird noch lauter, Stimmen erheben sich um diese Wahrheit zu stützen, um sie durchzusetzen: Frauen und Männer sollen gleich und frei geboren werden, wie es auch in den Skulpturen aus recycelten Gegenständen zu erkennen ist: eine Frau sitzt auf einem Stuhl direkt gegenüber einem Mann. Ein wahres Symbol für Gleichheit und Dialog, denn in bestimmten Traditionen sollte die Frau den Kopf gesenkt haben, wenn sie nicht auf den Knien ist.

Moussoya: Eine Ausstellung von Antithesen, die das Publikum schockieren und zum Nachdenken anregen soll?
Die Arbeiten in dieser Ausstellung sprechen für sich, von Gemälden bis zu  neuangeeigneten recycelten Objekten, mit Ausnahme eines der lebendigsten von allen, das einem bei der Eröffnung der Ausstellung zuerst ins Auge fällt: eine sitzende Frau mit einem Knebel. Sicherlich die Symbolisierung einer dieser merkwürdigen Gesellschaften, in denen Frauen Mitte des 21. Jahrhunderts immer noch nicht genügend Rechte haben, sei es zu sprechen, sich individuell auszudrücken, das Recht auf Eigentum, auf Emanzipation usw.
Die Frau ist die Mutter, sie ist aber gleichzeitig die Frau, die vergewaltigt und verstümmelt wird (das Blut auf einer Pappmaché-Skulptur symbolisiert die Beschneidung junger Mädchen) und sie ist die heiß geliebte und doch zum Schweigen verdammte, wenn sie nicht geschlagen wird... Und als ob man dieses Bild verschlucken wollte, ist der Raum eher von Männern als von Frauen gefüllt. Bedeutet das, dass der Kampf im Voraus verloren ist? Nein! Denn jenseits des Kampfes der Frau um Gleichheit und ihre Selbstbestimmung, das heißt die Fähigkeit  über ihr eigenes Leben zu entscheiden, ihren Körper und Geist, ist dieser Kampf auch ein Kampf der gesamten Menschheit. Es ist nicht nötig, hier daran zu erinnern, dass die Frau die Hoffnungen des Fortbestandes aller menschlichen Spezies in sich trägt (eine Anspielung auf RIAM, die uns während ihrer Performance bei der Vernissage daran erinnert). Und genau das fasst Louis Aragon zusammen, indem er sagt: "Die Frau ist die Zukunft der Menschen..."

Drei Künstlerinnen, die sich einen Monat lang im KUNSTRAUM226 einer kollektiven Arbeit widmeten, brachten dieses Thema zurück auf die öffentliche Bühne, das einige als überholt erachten könnten. Ihre Gemälde, Installationen und Kollagen von kämpfenden Frauen ermöglichen es, verschiedene Aspekte dieser „Frage der Frau“ neu zu thematisieren oder wiederzubeleben und in dieser Auseinandersetzung andere Denkweisen anzuregen. Und die Symbolik der Vereinigung ihrer kollektiven Arbeit zeigt, dass sich Frauen und Männer „gegenseitig an die Hand nehmen müssen"[1], um diesen Kampf zu führen, der seltsamerweise oft schwer verständlich ist.

Frau, Mann, steh auf und kämpfe für deine Rechte ...!
Ja, es ist notwendig zu verstehen, dass der Kampf, den die Frau seit Jahrzehnten führt, kein Bund gegen den Mann ist, sondern ein Kampf gegen einige unfaire soziale Normen. Und das zu sagen, das ist kein billiger Feminismus, sondern reiner Realismus. Denn man kann leicht bemerken, dass dieser Kampf auch die Unterstützung und Beteiligung vieler Männer kannte und kennt.
Die drei Künstlerinnen verdienen es, ihre Ausstellung „Moussoya“ auf eine Bühne zu stellen, die einen Ausdruck von akzeptierter Weiblichkeit darstellt, aber auch einen Ort zu schaffen, der zum Nachdenken anregt. Denn wir müssen die richtigen Fragen über den Status der Frau im 21. Jahrhundert in unseren Gesellschaften stellen und eine Einschätzung des Kampfes um die Beachtung der Frauenrechte vornehmen. Und die Ehrenmauer mit Porträts von Aktivistinnen wie Winnie Mandela, Miriam Makeba, Malala, Mutter Theresa, Michel Obama und vielen anderen zeigt, dass "nur der Kampf befreit ..." [2]. Denn du, Frau, steh auf und kämpf‘ für deine Rechte; es wird notwendig sein, stehen zu bleiben, damit der Kampf weitergeht. Denn selbst in der Kunstszene liegt der Fokus nicht wirklich auf dieser heiklen Frage – der Kunstraum226 legte die Grundbausteine und das Wasser begann sich zu bewegen, da „Moussoya“ auch nach Bobo-Dioulasso eingeladen wurde...


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[1] Tchicaya U Tam’si (kongolesischer Poet)
[2] Thomas Sankara