SECOND LIFE - von Kunst und Rost

  • Second Life 1 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 2 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 3 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 4 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 5 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 6 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 7 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 8 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 9 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 10 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 11 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 12 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  • Second Life 13 @ Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)

Im KUNSTRAUM226 des Goethe-Instituts in Ouagadougou war im Juni die Fotoausstellung „Second Life“ von Henri Thierry zu sehen. Der Fotograf zeigt Aufnahmen, die wie bemalte Leinwände wirken. Er erfasst die Wirkung von Rost auf Metalloberflächen. Und Überraschung! wir entdecken unerwartete Bilder, die in einer Fülle von Farben und Formen zwischen dem Abstrakten und dem Figürlichen schwingen. Ein bunter Zauber voller Poesie.

Wie nicht an Charles Baudelaire denken, wenn man den Ausstellungsraum betritt und sich diesen Fotos und der Enttäuschung des Schöpfers gegenübersieht, die in einem Vers des Gedichts „Le Guignon“ (engl.: „Bad Luck“) in den Blumen des Bösen zum Ausdruck kommt: „Bien qu’on ait du cœur à l’ouvrage/ l’Art est long et le Temps est court“ (engl.:„The heart is willing and wants to work but Art is long and Life is short“). Es heißt, Henri Thierry habe das Dilemma von Baudelaire gelöst, indem er der Zeit die Sorgfalt anvertraute, das Werk zu schaffen, und dem Fotografen die Kunst, es zu enthüllen. Zu Zeiten Baudelaires widmete sich das Foto dem Porträt und sein Freund Nadar dachte eher daran in den Porträts, die er von Baudelaire machte, Spuren der Psyche des Dichters wiederzugeben, die die Zeit auf seinem müden Gesicht hinterlassen hatte.

Woraus besteht Henri Thierrys Poetik? Darin die Arbeit der Zeit aufzuspüren, die sich als Oxidation am Metall manifestiert. Dank der Fotografie gelingt es ihm, diese Arbeit in künstlerischer Form auszudrücken. In dieser Arbeit der Zerstörung von Metall gibt es gleichzeitig den Prozess einer Metamorphose. Die Zeit zeichnet Formen, legt ihre reiche Palette an Farben und Schattierungen dar. Das Auge des Fotografen sucht auf dem rostigen Objekt diese Meisterwerke der Zeit und mithilfe der Vergrößerung, die die Kamera ermöglicht – wir restaurieren sie. Daher der Titel Second Life, um zu zeigen, dass die Zeit, die nach Charles Baudelaire "das Leben frisst", dem Objekt nach dem ersten Leben ein weiteres, zweifellos schöneres Leben gibt.

Vor jedem Bild sind die Betrachtenden wie in eine Reise aufgesaugt, auf der die eigene Fantasie den Weg und die Geschichten erfindet. Wie vor dieser blauen Szenerie, wo die Phantasie langgestreckte Charaktere sieht, die ockerfarbene Tuniken tragen, Köpfe mit goldenen Heiligenscheinen und in einer Art Sarabandentanz gefangen sind. Ein bisschen wie ein Auftakt zu Henri Matisses La Danse. Oder dieses Bild, bei dem eine große weiße Decke einen großen Teil des Fotos ausfüllt, auf der einige schwarze Linien erkennbar sind. Dieses Bild kann den Verstand zu Assoziationen von Mousse au chocolat führen oder von Schnee mit ockerfarbenen Kratzern wie Fußabdrücken der Lebenden auf dem Antarktismantel.

Die meisten Fotografien in dieser Ausstellung sind Fänge der Fantasie. Wir können daher mit diesen Fotografien sagen, dass sie cosa mentale sind, also mentale Dinge, eine Funktion, die Leonardo da Vinci der Malerei zuschrieb.

Für alle Kunstliebhaber und insbesondere für Fotografen ist das Werk von Henri Thierry einen Ausflug wert. Es zeigt, dass Fotografie von der Realität abweichen kann, um den Weg einer Abstraktion und Poesie zu beschreiten.