Eine Reise von El Marto

EINE REISE ODER EIN NAMENLOSER GERICHTSHOF?
 

Vom 4. Oktober bis 3. November 2019 war im KUNSTRAUM226 die Ausstellung des Künstlers El Marto mit dem deutschen Titel „Eine Reise“ zu sehen. Die Ausstellung ist in zweierlei Hinsicht außergewöhnlich: sowohl die künstlerische Herangehensweise als auch die interdisziplinäre Verbindung der 3e, 5e, 8e und 9e arts (Kunstrichtungen) zeichnen sie aus. Es ist eines der seltenen Male, dass sich Nützliches mit Angenehmem oder Sympathischem verbindet, um die jüngste Geschichte unserer Welt in Frage zu stellen. Eine Welt, dessen Wahnsinn in großer Zahl unbekannt bleibt oder ignoriert wird.

Eine Reise: eine interdisziplinäre Reise
Der von El Marto realisierte graphic novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ entstand während seiner achtmonatigen Studien zwischen Afrika und Deutschland in 2017 in Zusammenarbeit mit dem deutschen Journalisten Frederik Richter von Correctiv[1]“ und basiert auf den Untersuchungen der beiden Autoren im Fall Ignace Murwanashyaka, dem ehemaligen Anführer der FDLR-Bewegung (Demokratische Befreiungsbewegung Ruandas). Die Ausstellung „Eine Reise“ zeichnet die verschiedenen Stadien der Recherche und der Entstehung des Buches nach und ermöglicht dem Künstler diese sichtbar zu machen. So wird der/die Betrachter*in auf eine konkrete, aber auch künstlerische Reise mitgenommen. Das Resultat wird durch den Titel hinreichend beschrieben: jenseits der Geschichte und der aufgezeigten Fakten reist der/die Besucher*in durch verschiedene Künste, die die eigene Sensibilität auf die Probe stellen, um dann aber über die dargestellten Grausamkeiten hinauszugehen und die künstlerische Leistung zu schätzen.

Eine künstlerisch interdisziplinäre Reise
"Eine Reise" ist auch eine künstlerisch interdisziplinäre Reise. Wenn Sie den KUNSTRAUM226 betreten, entsteht erst der Eindruck, dass sie sich im Arbeitszimmer eines Ermittlers befinden, bevor sie dann von dem Wandgemälde gefesselt werden - einem Selbstporträt des Künstlers, der sich in seinem Sessel zurücklehnt. Über dem Gemälde thront die Frage: Diktatoren, politische Morde, Bürgerkriege, warum ist die Geschichte der afrikanischen Länder so blutig? Diese Frage und die Platzierung der verschiedenen Exponate nehmen ein wenig die Anspannung. Dann lassen wir uns noch auf die beiden Leinwände ein, die durch die kontrastierende Darstellung menschlicher Knochen und einer ästhetischen digitalen Grafik unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einen Teil der Arbeit des Künstlers nachzeichnen. Dies ist die „Reise“: ein Kontrast und eine erfolgreiche Gegenüberstellung von Welten, die die Besucher*innen zwischen ehrbarer Schönheit von Farben, Geschichte und Unmenschlichkeit, schönen Designs und einer schweren Atmosphäre der Kriegsgeschichten oder sogar Völkermorden wandern lässt. Es ist sicherlich ein ziemlich komplexer Weg, aber darin liegt der intermediale Aspekt des künstlerischen Ansatzes, der die interdisziplinäre Verbindung zwischen der 3e art – der bildenden Kunst, der 5e art – der Literatur, der 8e art – der Medienkunst und zuletzt auch des Comics, der 9e art herstellt.

Ein namenloser Gerichtshof?
Was in der Demokratischen Republik Kongo durch die Verbrechen der FDLR geschehen ist, dass fast 7 Millionen Menschen gestorben sind und mehrere tausend Frauen vergewaltigt wurden, passierte, ohne dass die UNO oder andere Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte ernsthaft einschritten. Es herrscht seit Jahrzehnten ein mysteriöses Schweigen über die Situation und die Grausamkeiten dauern bis heute vor allem in Béni, Goma und Katanga an. Die Akteure oder die Attentäter wechseln, aber die Massaker gehen weiter. Mit der Kunst werden diese Verbrechen aufgedeckt und bestimmte Geheimnisse ans Licht gebracht, wie die Verwicklung und Untätigkeit der Bundesregierung Deutschlands. Und doch haben die Enthüllungen über den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, nämlich der Völkermord an den Herero und Nama (in einem Auszug des Buches wurde die Frage laut) der von den Kräften des Zweiten Reiches verübt wurde, den KUNSTRAUM226 nicht in einen Gerichtshof verwandelt. Aber war es der vom Künstler erwartete Effekt? Die Schwere der Verbrechen wird durch den Comic-Effekt gemildert, der die eigentlich flachen Figuren in den Grafiken voluminös wirken lässt - El Martos Geheimnis - und ihnen fast etwas von 3D verleiht (Stichwort 3D! Der Künstler hätte diese Technik gut integrieren können!). Diese Art von Euphemismus macht das Sympathische aus, das dem Nützlichen dieser Kunst hinzugefügt wird, die keine Gerechtigkeit eines Gerichts schaffen will, sondern Mehrdeutigkeit erlaubt und den/die Betrachter*in „weißer werden lässt oder schwärzt, je nachdem ob sie reich sind, mächtig oder elend, arm und schwach“[2]…

Und dann!
Mit „Eine Reise“ hat sich der KUNSTRAUM226 nicht in einen Gerichtshof verwandelt – hier liegt nicht der Sinn der Kunst –, sondern zunächst in der Herausforderung von Interdisziplinarität. Die Ausstellung erlaubt Besucher*innen zu lernen, eine Vorstellung von den Dramen zu bekommen, die in der Welt passieren und sich in einige Situationen zu versetzen. Denn am Ende des Besuchs steht die Frage: Können wir, nachdem wir das alles wissen, neutral bleiben?
 

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[1] Gruppe von investigativen Journalist*innen, deren Ziel es ist, Ermittlungen gegen Ungerechtigkeiten und Machtmissbrauch vor allem in Deutschland, aber auch im Rest der Welt durchzuführen.
[2] Paraphrase von Jean de La Fontaine in Die kranken Tiere der Pest (Fabeln)