Das rote Monster von Abass Zoungrana

Das Rote Monster: So lautet der Titel der Ausstellung, die der burkinische Künstler Abass Zoungrana vom 27. November bis 21. Dezember 2019 im KUNSTRAUM226 des Goethe-Instituts in Paspanga, einem populären Stadtteil der burkinischen Hauptstadt, präsentierte. Die Ausstellung erzählt die Geschichte eines alten gierigen Sünders, der sich in Siréba verwandelt hat, das heißt in eine männliche Mehrjungfrau.
 

Abass begann als Autodidakt bereits in seiner Kindheit zu malen. Er ist leidenschaftlicher Maler, aber auch ein erfahrener Bildhauer. Um über die Runden zu kommen, macht er manchmal die Dekorationen für Bars in Ouagadougou. Aber es ist die Malerei, die ihm einen Grund zum Leben gibt. Abass tritt im burkinischen Kunstmilieu als einsamer und untypischer Maler auf: als „Schwarzer, der im Stil der Weißen malt". In der Tat heben sich sein Stil, seine Themen und die Ästhetik seiner Gemälde von den meisten burkinischen Malern ab. Saïdou Alcény Barry, ein burkinischer Kunstkritiker, nennt ihn "Maler des inneren Chaos". Malen ist für ihn ein Ventil, eine Therapie, mit der er sich von seinen Ängsten und Sorgen befreien kann.

Abass malt sowohl sein eigenes als auch unser aller Unwohlsein. Das Rote Monster ist der Ausdruck dieser inneren Stimme, eines "Dämons", der ständig mit ihm spricht und ihn zum Malen drängt. Seine Ausstellung, die auf bewundernswerte Weise Malerei und Skulptur kombiniert, indem sie gleichzeitig Sand, Ton, Leinwand und Ölfarbe inszeniert, erscheint als Ästhetisierung von Angst, Leiden und unseren inneren und äußeren Dämonen. Durch die Kraft des Bildes und die Lebendigkeit der Farben hebt das Rote Monster unsere Schwächen hervor (Eifersucht, Gier, Überschuss aller Art), die uns dazu bringen können, Meerjungfrauen zu werden, das heißt Siréba[1].

Diese Ausstellung drückt die Heftigkeit menschlicher Emotionen aus. Als ich sie besuchte, überkam mich ein Gefühl von Angst und Entsetzen; aber gleichzeitig eine Art Erleichterung, die mich dazu brachte, sowohl "Scheiße als auch Danke" sagen zu wollen. Beim Besuch dieser Ausstellung dachte ich auch an den Spanier Salvador Dali, einen der berühmtesten Surrealisten des 20. Jahrhunderts. Die Ähnlichkeit der Stile ist verblüffend. Abass ist ein geborener Surrealist. Und als er ziemlich spät Dali entdeckte, freute er sich endlich sein Doppel zu finden und hält sich seitdem für die Verkörperung Dalis Gedankengut.

Bemerkenswert ist die Hybridität, in die uns diese Ausstellung stürzt; sie spiegelt die ungeheure Phantasie und Vorstellungskraft des Künstlers wider. Das Rote Monster lässt uns zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der terrestrischen und marinen Welt, der von Menschen und von Meerjungfrauen hin und herschweifen, während leicht angedeutet wird, dass es Menschen sind, die durch ihr Verhalten zu Meerjungfrauen werden. Abass identifiziert sich mit dem Roten Monster, aber in Wirklichkeit lebt dieses Monster in uns allen. Es ist eine Ausstellung, die den/die Betrachter*in nicht in Gleichgültigkeit oder grenzenloser Bewunderung lässt. Er oder sie wird die Ausstellung zwingend mit einer inneren Unruhe verlassen; dies versetzt Abass in die Spuren des französischen Malers und Bildhauers Georges Braque, für den "Kunst zum Stören gemacht ist".

Abass‘ Bilder laden mithilfe des Roten Monsters den/die Betrachter*in dazu ein, im Leben aufmerksam zu sein, denn man kann sich jederzeit in eine Mehrjungfrau verwandeln, sowohl der Körper als auch der Geist.

Auch jenseits dieser Ausstellung erscheint Abass‘ künstlerisches Schaffen als Lebensphilosophie, in der Bild, Farbe, Schatten und Licht Ideen verkörpern, die versuchen, die Tiefen der menschlichen Existenz einzufangen.

[1] Siréba: Wortschöpfung aus dem Französischen „sirène“: Mehrjungfrau und Bambara: „-ba“: groß (als Steigerung); führende Person, auch Vater