Skulptur Projekte Münster 2017 Die Skulptur als ein weiter Begriff

Ayşe Erkmen, Auf dem Wasser /  © Henning Rogge, Skulptur Projekte Münster
Ayşe Erkmen, Auf dem Wasser / © Henning Rogge , Skulptur Projekte Münster

Die Ausstellung „Skulptur Projekte Münster“ wird seit langer Zeit erwartet, ist für die zeitgenössische Kunst von großer Bedeutung und wirft an manchen Stellen Fragen auf. Sie findet nur alle zehn Jahre statt – warum das der Fall ist, scheint heute aufgrund der Schnelllebigkeit der Gesellschaft besonders wichtig.

Die Organisator_innen begründen dieses relativ lange Zeitintervall damit, dass dadurch Veränderungen der Skulpturen und der Gesellschaft am besten festgehalten werden können. „Skulptur Projekte Münster“ ist somit eine Ausstellung, die Prozesse beobachtet und dokumentiert - sie blickt einerseits auf wichtige aktuelle künstlerische und soziale Themen, andererseits auf die vielseitigen Beziehungen zur Gastgeberstadt Münster, die die Ausstellung erst so besonders macht. Die Projekte fügen sich in den strukturellen, geschichtlichen und sozialen Kontext der Stadt ein, indem sie gleichzeitig die globale Gegenwart betreffen, sich aber auch über das Konzept der Skulptur sowie über die Fragen der Verbindung zwischen öffentlichem und privatem Raum Gedanken machen. Das Hauptziel der Ausstellung besteht darin, Projekte im städtischen Raum umzusetzen, die kostenfrei zugänglich sind und hauptsächlich mit öffentlichen Mitteln finanziert werden.

Die Ausstellung findet erst zum fünften Mal statt
 

Die Ausstellung wurde im Jahr 1977 von Klaus Bußmann und Kasper König gegründet und findet in diesem Jahr – vom 10. Juni bis zum 01. Oktober - erst zum fünften Mal statt. Sie wurde aufgrund der negativen Reaktion der Öffentlichkeit auf Werke zeitgenössischer Kunst in den Siebziger Jahren in Münster ins Leben gerufen. Somit war es Ziel der ersten Ausgabe, die Zuschauer_innen aufzuklären und ihr Interesse an zeitgenössischer Kunst zu wecken. Zwar gestaltete sich der Anfang als nicht so einfach, im Laufe der Jahre verschwand das konservative „Schutzschild“ der Einwohner_innen allerdings. Die ersten eingeladenen Künstler_innen spiegelten in ihren Arbeiten die experimentellen Trends der Zeit wider. Damals waren sie noch jung und für das internationale Publikum unbekannt, heute sind ihre Namen ein essentieller Teil der Kunstszene des 20. und 21. Jahrhunderts. So stellten dort bereits Donald Judd, Claes Oldenburg, Carl Andre, Ulrich Rückriem, Richard Serra, Richard Long, Michael Asher und Joseph Beuys aus; es ist also deutlich, welch hohes Niveau die Künstler_innen haben, die nach Münster eingeladen werden. Meistens sind es Personen, die einem innovativen Ansatz folgen, indem sie auf irgendeine Weise Vorstellung, Maßstab, Form und Ausdrucksmittel von Skulpturen verändern. So unterscheiden sich in der diesjährigen Ausgabe die speziell dafür geschaffenen 35 Skulpturen durch Video-Installationen und Performance-Darbietungen. Die Kunstwerke sind in ganz Münster verteilt, außerdem zum ersten Mal auch in der benachbarten Stadt Marl ausgestellt. Damit die Besucher_innen sie überall, auch an versteckten Orten, finden können, sind eine Landkarte, Geduld und ein Fahrrad unabdinglich.
 
Skulptur wird als ein weiter Begriff verstanden
 
Seit der Gründung der „Skulptur Projekte Münster“ ist Kasper König der künstlerische Direktor, der für jede Ausgabe mit einem unterschiedlichen Kuratorenteam zusammen arbeitet. Im Jahr 2017 besteht dieses Team aus Britta Peters und Marianne Wagner. Charakteristisch ist hierbei, dass bei der üblicherweise zweijährigen Organisation kein gemeinsam festgestecktes Ziel verfolgt wird. Die Skulptur wird als ein weiter Begriff verstanden und in Verbindung mit dem öffentlichen Raum und dem städtischen Umfeld untersucht. Die Dichte der Konzeption entsteht durch eine Vielzahl an Projekten, angeboten von den Künstler_innen durch die Themen und Probleme, die sie behandeln. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen beispielsweise folgende Fragen: Worin besteht das Interesse der gegenwärtigen Künstler_innen? Wie wird die Gegenwart von ihnen interpretiert? Wie sehen sie Münster? Die Künstler_innen werden ausgewählt, nachdem sie Münster besuchen, um ihre Werke vorzustellen.

Die Bedeutung der Ausstellung zeichnet sich durch ihren experimentellen Charakter aus, der zum Beispiel danach fragt, wie sich Skulpturen entwickeln können. Kunstwerke sind üblicherweise temporär und existieren für die hundert Tage der Ausstellung, es sei denn, die Gemeinde oder eine Privatperson entscheidet sich, eines der Werke zu kaufen. So sind im Laufe der Jahre mehr als 35 Kunstwerke dauerhaft als öffentliche Sammlung in Münster geblieben – sie bieten einen Überblick über Werke aus den Siebziger Jahren bis heute.
 
Projekte mit Vielschichtigkeit und Größe

 
Thomas Schütte, Nuclear temple / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Thomas Schütte, Nuclear temple / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Es gibt 2017 einige Projekte, die sich durch ihre Vielschichtigkeit und ihre Größe auszeichnen. Wir sprechen lange nicht mehr über die Skulptur im traditionellen Sinne, sondern vielmehr über eine Arbeit mit Raum, Wahrnehmung, Empfinden und einer Provokation der Denkweise. Um ein Beispiel für eine Arbeit anzuführen, ist der „Nuclear temple“ von Thomas Schütte zu nennen. Außerdem die Arbeit von Gregor Schneider, der einen Raum im Raum eines örtlichen Museums schafft, indem er eine Wohnung erbaut, bestehend aus Räumen, die unterschiedlich belichtet und aromatisiert werden; ein anderes Werk ist der „Glockenturm“ von Cerith Win Evans, der mit einer Klimaanlage ausgestattet ist, um die Glocke unterschiedlich klingen zu lassen.

Das Langzeit-Projekt von Jeremy Deller, „Speak to the Earth and It Will Tell You“ ist eine kulturell-anthropologische Untersuchung, die auf dem Alltag der Arbeiterklasse basiert. Der Künstler ist von der bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Praxis fasziniert, kleine Grundstücksparzelle an Arbeiter zu verteilen, damit sie dort eigene Gärten anlegen und so die Natur in das industriell-städtische Leben integrieren. 2007 nimmt Deller Kontakt zu 50 Gartengemeinschaften auf, mit der Bitte, dass diese ein Tagebuch über einen Zeitraum von 10 Jahren führen, indem sie botanische, klimatische, aber auch soziale und politische Daten dokumentieren. So enthalten diese Tagebücher Angaben über Veränderungen aufgrund des Klimawandels, aber auch Zeugnisse darüber, wie die Einwohner_innen vor Ort arbeiten und wie ihr Alltag organisiert ist. Als ein Teil der Ausstellung sind in einem der Gärten alle Tagebücher ausgestellt, die in 22 Bänder zusammengefasst sind. Ebenso pflanzt Deller einige Bäume, die alle 10 Jahre blühen.

Jeremy Deller / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Jeremy Deller / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Zu den spektakulärsten Arbeiten in diesem Jahr zählt das Werk von Pierre Huyghe, das sich auf einer ehemaligen Eisbahn am Rande Münsters befindet. After ALife Ahead ist ein lebendiger Organismus, befüllt mit Algen, Bakterien, Bienenstöcken und Chimären-Pfauen. Im Zentrum des biotechnologischen Systems steht ein Glasinkubator mit sich teilenden menschlichen Krebszellen der Linie HeLa. Huyghe zerstört den Betonboden und schafft eine hügelige Landschaft aus Erdboden, Sand, Kies und Betonschutt. Im Dach sind spezielle pyramidenförmige Dachgauben eingebaut, die sich öffnen und schließen, indem sie einem Algorithmus folgen, der vom Wachstum der Krebszellen, der Feuchtigkeit und der Lufttemperatur abhängig ist. Die Geschwindigkeit der Reproduktion der Zellen ist verbunden mit der Bewegung der Bienen, dem Niveau von Kohlenstoff und den Bakterien.

Pierre Huyghe / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Pierre Huyghe / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Das Werk, das die meisten Besucher_innen anzieht, ist von Ayşe Erkmen und trägt den Titel „Auf dem Wasser“. Erkmen verbindet zwei Flussufer durch eine Plattform aus Metall, die knapp unter der Wasseroberfläche ist und auf der man den Fluss zu Fuß überqueren kann. Die beiden Ufer sind Teil des Binnenhafens von Münster - zwischen dem mit Gaststätten, Cafés und Luxus-Wohnungen belebten Nord-Pier und dem industrialisierten Süd-Pier. Durch diesen Bruch deutet Erkmen auf Probleme der soziologischen und städtischen Planung hin und stellt Fragen wie: „Wie werden Grenzen auf den Karten festgelegt und wie schafft man einen sozialen und kulturellen Zugang zur festgelegten Grenze? Wie kann man existierende Hindernisse überwinden – körperlich, sowie metaphorisch?“.
 
Michael Smith schafft mit dem Werk „Not Quite Under Ground“ eher Spaß und Unterhaltung. Er eröffnet ein „Offizielles Tattoo Studio“ der „Skulptur Projekte Münster 2017”. Es kann sowohl als Installation, als auch als Performance wahrgenommen werden, da es vor allem Personen anspricht, die über 65 sind. Wollen diese sich ein Tattoo mit speziell entworfenen, kleinen Motiven von Kunstwerken der „Skulptur Projekte Münster“ oder aber selbsterdachten Motiven stechen lassen, kriegen sie enorme Preisermäßigungen. Das Projekt basiert auf Ideen der Popkultur und demographischen Beobachtungen; es spielt mit dem Alter der Besucher_innen, indem das Verständnis von „vorrübergehend“ und „dauerhaft“ in Frage gestellt wird.

Sollte auch die Mehrzahl der Werke nicht mit politischen und sozialen Problemen verbunden sein, so sind einige der Künstler_innen direkt davon betroffen. Mika Rottenberg behandelt mit dem Film „Cosmic Generator“ interessant und farbenreich das Problem der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Das Projekt versetzt uns in einem ehemaligen asiatischen Supermarkt, mit Regalen, die mit den üblichen Kunststoff-Waren befüllt sind. Der Film und die ready-made Installation basieren auf dem Gerücht, dass es einen geheimen Tunnel zwischen den Städten Kalexico in Kalifornien und Mexicali in Mexiko gäbe. Der Tunnel führt in Läden und Restaurants im La Chinesca, dem chinesischen Viertel von Mexicali. Das Werk ist eine Allegorie der Lebens- und Arbeitsbedingungen in einer globalen Gesellschaft und betrifft Fragen des illegalen Handels, der Ausnutzung von Arbeitskräften und dem unsichtbaren Transfer von Konsumgütern.

Mika Rottenberg / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Mika Rottenberg / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Oscar Tuazon positioniert sich ebenso indirekt zu sozialen und politischen Fragen. Er präsentiert eine Skulptur aus Beton in der Form eines Zylinders, der gleichzeitig als öffentlicher Kamin zum Grillen und Warmmachen, als Treffpunkt, und als Obdach benutzt werden kann. Das Werk wird sofort als Gebrauchsgegenstand mit enger Verbindung zum Alltag erkannt, obwohl er in der Form im regulierten städtischen Raum nicht möglich wäre.

Oscar Tuazon / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Oscar Tuazon / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Lara Favaretto greift ebenso eine soziale und politische Thematik in ihrem Kunstwerk der Serie „Momentary monument” auf. Ein großer, handbearbeiteter, hohler Vier-Meter-“Stein” liegt mitten in der Stadt. Durch eine spezielle Öffnung können die Besucher_innen Geldmünzen und Geldscheine einwerfen, wobei er am Ende zerstört und die Werkstoffe recycelt werden. Der gesammelte Betrag geht daraufhin zu Gunsten einer Organisation für Geflüchtete, die festgenommen wurden und auf ihre Abschiebung warten.

Lara Favaretto / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Lara Favaretto / Foto: Henning Rogge, © Skulptur Projekte Münster Sollten wir jedoch auf der Suche nach einer politischen Gesamtaussage der Ausstellung sein, müssen wir auf die Details schauen. Die Organisator_innen bieten keine unmittelbare Untersuchung oder Thematisierung des Problems der Flüchtlingskrise an, präsentieren jedoch eine eigene Lösung. Die Ausstellung bietet Rundgänge in verschiedenen Sprachen, unter anderem in arabisch, türkisch, Dari/Farsi und in einfacher deutscher Sprache, um damit die vielfältige soziale Struktur des gegenwärtigen Deutschlands aufzugreifen.
 
Der Unterschied der „Skulptur Projekte“ in diesem Jahr im Gegensatz zu den vorherigen Ausgaben besteht darin, dass nicht nur in der Stadt Münster, sondern auch im Skulpturenmuseum „Glaskasten“ in Marl ausgestellt wird. Wenn auch nah beieinander gelegen, haben beide Städte eine ganz unterschiedliche Architektur, eine unterschiedliche Kulturtradition und andere Erfahrungswerte; sie stellen somit einen interessanten Gegensatz dar. Das Projekt "The Hot Wire" besteht in der Ausstellung von kleineren Modellen aus früheren Ausgaben der „Skulptur Projekte“ - inklusive nicht umgesetzter Werke und einer Video-Installation.
 
Die Ausstellung „Skulptur Projekte Münster“ ist bei Weitem mehr als nur eine Präsentation von Kunstwerken in einem Raum. Neben der Erfüllung eines Bildungsauftrags gibt es hier den Wunsch, Bedingungen für kritisches Verstehen und Erfahrung zu schaffen, die nicht nur auf die Kunst begrenzt sind. Vielmehr soll eine Verbindung zu sozialen, philosophischen und politischen Fragen gesucht werden. Die Werke der gegenwärtigen Ausgabe sind ein intensives Erlebnis, das wir bis zur nächsten Ausgabe von „Skulptur Projekte Münster“ im Jahr 2027 überdenken und diskutieren können.
 

*** Die Publikation wurde vom Goethe-Institut Bulgarien im Rahmen der Partnerschaft mit der Webseite für Kunst und Kritik Artnewscafe Bulletin (www.artnewscafe.com/bulletin) gefördert.