Cultural Panels Die Kultur und unser gemeinsames Europa

Cultural Panels
© Veselin Trachev

Im Rahmen der ersten bulgarischen EU-Ratspräsidentschaft startet das Projekt „Cultural Panels“, das durch eine Reihe von Paneldiskussionen wichtige Fragen zur Zukunft Europas und der damit im Zusammenhang stehenden Rolle der Kultur stellen will. Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative der Kulturinstitute des Netzwerkes EUNIC in Bulgarien. Beteiligt sind das Goethe-Institut, die Österreichische Botschaft, der British Council, das Institut Cervantes, das Polnische Institut, das Ungarische Institut und das Tschechische Zentrum in Sofia.

Das Projekt „Cultural Panels“ versteht sich als Forum für verschiedene Diskussionsformate und will als eine Plattform für die Debatte über die zeitgenössische Kultur und ihre Zukunftsperspektiven im europäischen Kontext fungieren. Internationale und bulgarische Spezialist_innen nehmen daran teil, von entscheidender Wichtigkeit ist jedoch, das breite Publikum in eine umfassende Debatte über unseren gemeinsamen Kulturraum Europa einzubinden.
 
Das Projekt wird verschiedene Sichtweisen aus den Bereichen Kulturpolitik, Kunst, Theater, Soziologie, Philosophie und weiteren vorstellen. Europa soll dabei als weiter Begriff jenseits der geografischen und politischen Definitionen gedacht werden, die Debatte über Kultur umfasst nicht nur die 28 Mitgliedstaaten der EU, sondern auch andere Länder wie etwa die Türkei, die Ukraine und Georgien. 
 
Die Diskussionen spiegeln die Hauptimpulse in der Gesellschaft wider und suchen in der Kultur Konfliktlösungen zwischen der Idee politischer Einigung und der Verteidigung der eigenen nationalen Identität - Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Die Kultur verfügt über die Ressourcen, um nicht nur zwischen den polaren Überzeugungen der Gegenwart, sondern auch zwischen den Werten der gemeinsamen europäischen Vergangenheit Brücken zu bauen, wie auch immer dies in geopolitischer, sozialer oder ökonomischer Hinsicht aussehen mag.
 

„Cultural Panels“ an der Tagesordnung

Die Kulturdiskussionen bieten die Möglichkeit, ein ganzes Spektrum von Fragen zur heutigen europäischen Kultur im Rahmen des Dialogs zwischen führenden Spezialist_innen und Bürger_innen zu streifen. So berücksichtigt das Programm gleichermaßen abstraktere Parallelsetzungen zwischen Kultur und Wissenschaft, Kunst und Politik sowie auch die paktischer angelegte Suche nach Perspektiven zur Bewahrung des Kulturerbes, zum Umweltschutz in Zeiten des Klimawandels, zur Verbesserung der Fremdsprachenausbildung und zu anderen Aspekten.
 

Club „Cultural Panels“

Club © Foto: Goethe-Institut Bulgarien Der Club „Cultural Panels“ ist eine Gruppe von Persönlichkeiten aus unserer heutigen Wirklichkeit, die sich durch ihre Aktivitäten für die Entwicklung des kulturellen Lebens in Bulgarien hervorgetan haben und die Aufgabe übernehmen, als Mediator_innen zwischen den Bürger_innen und den zum Dialog eingeladenen Spezialist_innen im Rahmen der Diskussionen zu fungieren. Ihre Aufgabe ist es, dabei zu helfen, Lösungen für die aufkommenden Fragen zu finden und diese zu verbreiten. Zu diesem Zweck nehmen sie vor und nach den einzelnen Foren an regelmäßigen Treffen teil, bei denen sie Bedingungen für eine produktive und positive Diskussion erarbeiten, die hinterher in der heutigen europäischen Wirklichkeit zur praktischen Anwendung kommen sollen.
 

#1 Cultural Panel: Die Zukunft Europas

Cultural Panels
Ivan-Alexander Kyutev
Im Rahmen des ersten Diskussion trafen die Ansichten der Schriftstellerin Theodora Dimova und des Politologen Ivan Krastev über die Zukunft Europas und der damit zusammenhängenden Rolle der Kultur aufeinander, Mediator der Diskussion war Dr. Rumen Petrov von der NBU.[1]
 
Enzio Wetzel, Direktor des Goethe-Instituts Bulgarien, eröffnete die Veranstaltung. Er bedankte sich bei den anderen EUNIC-Mitgliedern für ihre Unterstützung bei der Realisierung der Initiative. Im Hinblick auf die bevorstehende Diskussion betonte Enzio Wetzel, dass das Projekt sich auf Bulgarien fokussiere. Damit die Foren realen Einfluss im Land haben könnten, sei die Vereinigung der Bürger_innen im Namen des gemeinsamen Ziels unbedingt erforderlich. Danach übergab er Rumen Petrov das Wort, der kurz die Gesprächsteilnehmer_innen und das Thema Europas Zukunft vorstellte.

Cultural Panel 1 © Goethe-Institut Bulgarien Theodora Dimova eröffnete den thematischen Teil der Veranstaltung mit einer inspirierenden Rede, in der sie den Zuhörer_innen das Bild vom Gefühl für Europa ins Bewusstsein rief. Sie erinnerte an den Traum von einer fernen und fast surrealistischen Welt, der sich nach und nach im Skeptizismus des Alltags verloren habe:
 
„Anfangs waren wir wie trunken. Nach den Jahren der Zeitlosigkeit schienen uns die Veränderungen schwindelerregend. Unsere Erwartungen gingen in Richtung Zauberwelt – die Freiheit würde wie ein Kaninchen aus dem Zylinder springen, und wir würden applaudieren. Dem Grau entflohen, waren wir vom Licht geblendet. Doch wie sich zeigte, werfen wir die Ketten der langjährigen Isolation von Europa nur schwer ab. Wir nörgeln oft und sind unzufrieden. Unser Weg nach Europa erwies sich als schwerer, als wir uns vorgestellt hatten. Viel schwerer.“
 
Bei der Entwicklung ihrer Ausführungen anhand des Bildes vom Denkmal „Famine“ in Dublin nahm die Autorin eine optimistische Position ein und argumentierte, der heutige Europäer könne eine solche menschliche Tragödie nicht verstehen, da in ihm das Gefühl für Europa lebendig sei als Gefühl für Sicherheit, als Gefühl für ein Zuhause, als Gefühl für Gemeinschaft, erbaut auf dem Fundament kultureller und moralischer Werte und, vor allem, gebaut auf dem Grundpfeiler der Solidarität.
 
Ivan Krastev begann die Darlegung seiner Vision von Europas Zukunft ebenfalls mit einem literarischen Bild, mit der Geschichte der Blinden Vaysha aus der gleichnamigen Erzählung von Georgi Gospodinov, die mit dem einen Auge nur die Vergangenheit, mit dem anderen nur die Zukunft sieht. So versinnbildlichte der Politologe den Riss zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die Notwendigkeit, den Riss im Namen der Überwindung der Herausforderungen für Europa zu erkennen. Bei der Analyse der vier Hauptkrisen der EU in den letzten Jahren[2] bezeichnete Ivan Krastev sie als Erscheinungen des gegenwärtigen Europa, als „Identitätskrise“:
 
„Die Europäische Union kann sich selbst nicht einfach als Fortsetzung dessen denken, was bisher war. Mehr noch, daraus folgt nicht, dass die EU zerfallen wird, daraus folgt nicht, dass es irgendwelche Alternativen zur EU gäbe; für die meisten Mitgliedsländer ist es das nicht. Aber auf einmal stellt sich heraus, alle Fragen, bei denen wir das Gefühl haben, sie früher für uns beantwortet zu haben, sind sinnlos. Auf einmal wird klar, dass neue Fragen auftauchen.“
 
Ivan Krastev wies auch auf den Vorzug von Ländern wie Bulgarien innerhalb des Krisenzusammenhangs hin, dort sei es nämlich möglich, sie als „Zerbrechlichkeit“ von Europa zu denken:
 
„Nicht zufällig... ist das Gespräch über Europa in Bulgarien, so surrealistisch es dem Charakter nach auch ist, zum ersten Mal auch ein Gespräch über uns. Vorher haben wir über Europa immer wie über einen anderen Ort gesprochen.“
 
The Future of Europe © Goethe-Institut Bulgarien In das Gespräch über Europa schaltete sich auch das Publikum ein. Die Zuschauer_innen im Saal und diejenigen, die die Diskussion über den Livestream verfolgten, hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Am meisten wurde über die Visionen von Theodora Dimova und Ivan Krastev zur Zukunft Europas bezüglich der Aspekte Wirtschaftswachstum, Emigration, der gemeinsamen Identität und Solidarität diskutiert.
 
Es folgen Auszüge aus der Diskussion mit besonders interessanten Ansichten und Ideen der Diskutant_innen im direkten Dialog mit dem Publikum:
 
„Das Paradox der europäischen Identität ist, dass Europa sich immer als die Welt gedacht hat; es hat sich als die Welt gedacht, die sie wie sich selbst ändern wird... Auf einmal denkt Europa sich als Ort, zudem als einen Ort, der bedroht ist.“
I. Krastev

 „Ich meine, ein großes Problem ist überhaupt, dass wir immer überzeugt sind, besonders wenn etwas Negatives geschieht, so etwas könnte nur hier passieren; jedes Problem ist damit verbunden, dass es hier ist und dass es bulgarisch ist...
Ein großer Teil der Probleme, mit denen unser Land zu tun hat, sind keine bulgarischen Probleme. Sie hängen damit zusammen, dass sich nicht nur Bulgarien verändert hat. Meiner Meinung hat sich die Welt sehr verändert.“
I. Krastev
 
„Wir haben eine gemeinsame kulturelle Identität, wie sollten wir nicht? Diese historischen Schichten, all die Jahrhunderte...
Nehmen wir nicht alle zusammen an dieser Geschichte teil? Nehmen wir.
Die Kunst, die geschaffen wurde, die Literatur, die geschaffen wurde... Sind wir nicht jeder für sich miteinander verbunden?
Das ist unser gemeinsamer Ort.”
Т. Dimova
 
„Еine Tendenz, die wir zu übersehen scheinen, ist, dass wir gute Bildung immer mehr auf der pragmatischen Achse denken... Aber ich meine, in den nächsten 20 oder 30 Jahren kommt etwas als Problem zurück, wie das Interesse an den Hauptthemen der Philosophie. Die Frage nach der Grenze ist schon lange nicht mehr einfach nur nach der Grenze zwischen Staaten, sondern nach der Grenze zwischen dem Menschlichen und Unmenschlichen, allein das Auftauchen der Idee von künstlichem Intellekt und wie der Mensch damit umgeht, weckt auf einmal Interesse an Fragen, für die sich die Menschen vor 50, 60, 70 Jahren interessiert haben, dann schienen sie nicht mehr wichtig zu sein, aber ich denke, jetzt werden sie wieder interessant. Von diesem Standpunkt aus können die Geisteswissenschaften vielleicht wieder ein wichtiger Teil der Bildung der Menschen werden; auf einmal werden die Bücher ganz anders gelesen. Denn das, was meiner Meinung nach verschwunden ist, ist der Mensch, der in der Welt lebt, in der er lebt. Auf einmal werden all diese Fragen zurückkommen, die so alt sind, dass wir ihre Antworten vergessen haben.”
I. Кrastev

„Zu den optimistischen Dingen, die wir heute Abend sagen können, gehört, dass es in der Kultur keine Grenzen gibt, Gott sei Dank, dort scheint es keine großen und kleinen Länder zu geben, dort sind die Grenzen gefallen... In diesem Sinn ist die Kultur etwas, was die wie künstlich aufgebauten Unterschiede zwischen uns angleicht. Dass es dort keine Grenzen gibt, ist wirklich beruhigend.“
Т. Dimova

 

FussNoten:

[1] Eine Videoaufzeichnung von der ganzen Diskussion ist hier zu finden: https://www.facebook.com/culturepanels/videos/1787005131594177/
[2] Finanzkrise 2008-09, Russland-Ukrainekrise 2013-14, Brexit Krise seit 2016, Emigrantenkrise seit 2017.


Die nächste Debatte des Projekts findet am 28. Februar zum Thema „DNA der Kultur“ statt. Weitere Informationen finden Sie unter folgendem Link ​ #2 Cultural Panel: DNA of Culture