Rausch und Zorn Studie zum Autoritären Charakter

Rausch und Zorn
Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC

Diesen Text schreibe ich unter dem Vorbehalt, dass ich nicht als professionelle Vertreterin der darstellenden Künste, des zeitgenössischen Tanzes und Theaters, sprechen möchte, sondern als eine Zuschauerin mit den „üblichen“ Erwartungen an die Herausforderungen einer Live-Darstellung, als eine derjenigen Zuschauer_innen, die sich durch billige Wiederholungen und schlechte Imitationen gelangweilt fühlen. In diesem Fall aber kann von Langeweile keine Rede sein, sondern vielmehr von einem gut komponierten und choreographierten Werk, voller Rausch und ohne jede Spur von Zorn, bei dem das Publikum selbst Darsteller und Teilnehmer ist.
 
„Die Szene ist uns wohl bekannt: Leute versammeln sich und jemand erzählt ihnen etwas. Von diesen versammelten Leuten weiß man noch nicht, ob sie eine Versammlung bilden, eine Horde oder ein Stamm sind. Wir nennen sie aber ‚Brüder’, weil sie sich versammelt haben und weil sie derselben Erzählung lauschen“, sagt Jean-Luc Nancy.
 
Eigentlich geht es nicht einfach nur um Schauspieler_innen und eine Bühne. Denn RAUSCH UND ZORN. Studien zum autoritären Charakter ereignet sich erst mit allen Anwesenden. Diese Performance, die die Bühne verlässt und sich auf der Straße entfaltet, ist ein echtes Vergnügen, weil man sich als Publikum als der einzige Darsteller erweist.

Rausch und Zorn Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC Und Brecht meint:
„Die Studien heben das System Spieler und Zuschauer auf. Sie kennen nur mehr Spieler, die zugleich Studierende sind. Nach dem Grundgesetz ‚Wo das Interesse des Einzelnen das Interesse des Staates ist, bestimmt die begriffene Geste die Handlungsweise des Einzelnen’ wird das imitierende Spielen zu einem Hauptbestandteil der Studien.“
 
Die Vorstellung beginnt damit, dass man sich in einer Schlange anstellt, Telefon und Kopfhörer bekommt und taktvoll instruiert wird, was man danach zu tun hat. Man wird in Gruppen eingeteilt, ein großer Teil des Publikums verlässt das Foyer des Theaters und begibt sich auf die Straße in perfekter Komposition – Ordnung und Organisation vorhanden –, während ein anderer Teil, darunter auch ich, immer noch im Foyer herumirrt – als schlecht zusammengefügtes Szenarium, mit schlechtem Text und schlechten Schauspieler_innen. Es wird immer spannender, denn neben den eigenen Instruktionen folgen unsere Augen auch dem übrigen Ereignis, die Zusammenstellung der Gruppen ist immer noch nicht komplett, immer noch weiß niemand, was genau geschieht, die Neugierigeren befragen die Herumstehenden und bekommen natürlich keine befriedigende Antwort.
 
Man bekommt weitere Instruktionen:
„Sich irgendwo anlehnen? Den Blicken der anderen ausweichen. Eigentlich gar nicht dazugehören. Die Augen blicken nach innen. Aber ist das angemessen? Sie warten auf den Erlöser. Den Befreier. Wie zum Zeichen dafür könnten Sie den Körper verknoten. Die Beine überkreuzen und das vordere dabei so gegen das hintere pressen, dass sich der Körper leicht zur Seite windet. Jedes Fortkommen unmöglich machen, bis der Dichter kommt. Oder doch besser mit äußerster Anspannung auf den Punkt am Horizont starren, an dem das Erscheinen des Erwarteten am wahrscheinlichsten ist.“

Rausch und Zorn Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC
Spüren Sie die Helden der Zeit? Wir haben Aufgaben zu erfüllen. Wir überlassen uns dem, was sich ereignet. In einem Moment steigen wir alle auf die Bühne, auf der Stühle aufgestellt sind, die in vier Richtungen deuten und auf denen jeder seinen Platz finden soll. Ein Suchen und Herumlaufen beginnt, bis man an seinen Platz gelangt, ein leichtes und angenehmes Zögern, wer, wohin, warum soll man sich setzen, Köpfe drehen sich nach allen Seiten, wobei Neugierde kein Zeichen von schlechter Erziehung ist, im Gegenteil, es ist Merkmal der Achtung von Diversität. Der Text, den man über die Kopfhörer hört, liefert Tatsachen, die man teilweise vergessen hat, oder man wird in dem Moment daran erinnert.
 
Ein Fernsehkommentar aus der Zeit des Leipziger Prozesses:
„Der 24-jährige Stadtstreicher Marinus van der Lübbe. Ein Holländer. Halbblind. Ein politischer Wirrkopf. Er habe den Reichstag alleine angezündet. Darauf wird van der Lübbe später auch vor dem Reichsgericht bestehen. Richter: Bekennen Sie sich schuldig, das Reichstagsgebäude angezündet zu haben? Ja, sagt er.”
Soll man ihm glauben oder nicht?
 
Weiter:
„In seinem gut geschnittenen grauen Anzug und in lässiger Pose mit einer Art von balkanischer Grandezza. Sein Aussehen hätte ihn für eine Karriere als Filmschauspieler prädestiniert. Man brauchte kein Kommunistenfreund zu sein, wenn man der Haltung Dimitroffs vor dem Reichsgericht Bewunderung zollt. Martha Dodd erinnerte sich daran, wie Dimitroff Göring genau beobachtete. Göring stemmte, wie zum Schutz, die Hände in die Hüften.“
 
Im Programm und in der Ankündigung der Vorstellung steht folgendes:
„In Europa sind Parteien, die faschistische Herrschaftsformen propagieren, auf dem Vormarsch oder, wie in Ungarn, bereits an der Macht. Warum greift das Versprechen demokratischer, pluraler, integrierender Gesellschaften nicht mehr? Warum kann der Faschismus in Momenten der (vermeintlichen) Krise als Lösung gesellschaftlicher Probleme erscheinen? Welches Begehren verbindet sich mit Faschismus?“

Rausch und Zorn Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC
Weitere Zitate aus dem Text, den man über die Kopfhörer hört:
„Studienleiter Brecht weiß wie Sie, dass in unserem Staat das Interesse des Einzelnen keineswegs das Interesse des Staates ist. Ihre Handlungsweise wird entsprechend kaum durch die „begriffene Geste“ bestimmt. Aber wir sind – schauen Sie sich noch einmal um – im Theater: eine künstliche Situation, in der wir auf solche begriffenen Gesten hoffen dürfen, oder?“
 
Beim Hören von Texten über historische Ereignisse, Theorien und Analysen – der bekannteste Fall war für mich der Leipziger Prozess mit Georgi Dimitroff, weniger bekannt waren die Geschichten über faschistische Gruppen der jüngsten Vergangenheit oder der Gegenwart – werden historische Tatsachen präsentiert, und man wird taktvoll aufgefordert, durch Gesten Ereignisse zu interpretieren und sich dynamisch zu beteiligen. Man gerät entweder in eine Reihe von Angreifern, oder in eine sich verteidigende Gruppe, was an Szenen aus der Kindheit erinnert, als man Polizisten und Räuber spielte und Ereignisse nachahmte, die man sich bei den Erwachsenen abgeschaut hatte. Und da die Instruktionen – wohin man sich setzen, wann man den Platz wechseln oder aufstehen soll – nicht vorher geübt worden sind (das Publikum, d.h. wir alle, schaffen es trotzdem), spürt man eine gewisse Unzufriedenheit; hätte man geübt, wäre man besser. Daher auch das Gefühl des Unbefriedigtseins bei Perfektionisten oder der Befriedigung bei denen, die nur zuschauen, aber nicht teilnehmen. Ich glaube aber, dass sich beide Gruppen mit Sicherheit amüsiert haben. Wenn man nie an Militärübungen teilgenommen hat oder keinen Militärdienst geleistet hat, sagt man sich sicherlich: Schau mal, wie unsinnig alle Revolutionen organisiert sind, da tritt dir einer auf die Füße, entschuldigt sich, ein anderer schiebt dich zur Seite, jemand hat sich in der Menge verirrt und sucht sich einen geeigneten Platz. All diese Erlebnisse, besonders wenn sie auf der Bühne stattfinden und wir alle hin- und herrennen, bringen mich zur Überlegung, ob Revolutionen überhaupt helfen könnten und ob der autoritäre Charakter nicht erforderlich ist bei Krisen (was eigentlich die Autoren des Projekts als Provokation suggerieren wollen), um letztendlich eine Entscheidung zu treffen, egal was für eine.
 
Zitat:
„Das Theater, das ist die Nation. Hier bildet sich die Sprache, die richtige Aussprache.“

Rausch und Zorn Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC Während der Massenszene im Theater war ich froh, dass es nur Theater war, dass es nur eine Imitation war, dass ich nicht in eine echte Massenszene geraten war (wie z.B. bei demokratischen Demonstrationen), wo sich das Individuum immer betrogen fühlt.
 
Weitere Zitate aus dem Text:
„Der Verkehr kann warten. Die alte Ordnung kann warten! Sie wird ohnehin untergehen… Wessen Straße ist die Straße, wessen Welt ist die Welt?“
 
Außerhalb des Theaters, auf der Straße, als wir instruiert wurden, rücklings zu gehen, rechts oder links abzubiegen, hin und her zu laufen, hatte ich das Gefühl, an einer Massenszene in einer teuren Filmproduktion teilzunehmen. Wir agieren zwar in Kampfszenen, doch das Bild sieht aus wie eine Kinderproduktion von Walt Disney. Einzig und allein Vergnügen und Aktivität sind da, wir müssen uns nur der Freude am Geschehen hingeben, ohne uns zu fragen, ob es echt ist oder erfunden. Je größer das Ausmaß der Kampfszenen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie echt waren.
 
Und noch mehr Text:
„Und dann dieser Guido Keller. Haben Sie von ihm gehört? Ein Teufelskerl. Ja, ich weiß, er nimmt viele Drogen. Aber ich mache mir da keine Gedanken, das ist sein Lebensentwurf – und er macht auch viel Yoga. D’Annunzio? Ich weiß nicht, ob der Drogen nimmt, eher nicht, ist ja nicht Artaud. Artaud hätte aber auch nie versucht, mit einem Flugzeug im Feindesland Flugblätter abzuwerfen, wie D’Annunzio 1918 über Wien.“
 
Ein Teil dieses augenzwinkernden Wiederbelebens, dieser absichtlich elementaren Rekonstruktion von Massenszenen und weniger populären Ereignissen und Sozialbewegungen zu sein, dieses Erlebnis lässt mich auch heute, mehr als eine Woche später, hämisch lächeln. Wissend, dass man irgendwann der Ausbeutung ausgesetzt werden kann, ohne Anwendung von Gewalt und Kontrolle, oft auch mit unserer Zustimmung. Ich denke mir, dass man immer die Wahl hat. Ich denke auch, dass die Erfahrung mehr ist als das Nichtstattfinden.

Rausch und Zorn Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC Und weitere schicksalhafte Worte aus dem Text, den man hört:
„Ihr Schritte antworten! Die italienische Regierung hat Fiume im Stich gelassen. Vaterlandsverräter. Es ist unsere Aufgabe, die nationale Einheit wieder herzustellen. Wir dürfen Fiume nicht den Serben überlassen. Oder waren es Kroaten? Wie auch immer: Wir dürfen Fiume nicht den anderen überlassen. Die Stadt wartet auf die Erlösung.“
 
Oder das:
„Ohne Fiume ist der Friede ein verstümmelter Friede - das hat D´Annunzio immer wieder beklagt. Und heute Nacht wird er mit seinen Truppen, den Arditi, kommen und die Stadt für Italien in Besitz nehmen. Von der Regierung ist keine Mithilfe zu erwarten, sie beugt sich lieber dem internationalen Diktat. Verräter. Wie gut, dass es die Dichter gibt – Dichter wie D'Annunzio, der sein Schaffen nicht auf bedruckte Buchseiten und Theaterbühnen beschränkt.“
 
Die Neugierde und die Herausforderung, Teilnehmer und Darsteller zu sein, „Hauptheld“ zu sein, lässt das Publikum freiwillig am ganzen Geschehen teilnehmen. Für mich persönlich waren die schönsten Momente diejenigen, in denen jemand nicht verstand, was zu machen war und allein dastand, mitten in der Massenorganisation, sich komisch verhielt und versuchte, sich zu verbessern wie ein Schulknabe. Zur Zeit des Sozialismus war falsches Verhalten nicht Teil des Lebensspiels, es war Teil des ungerechten Schicksals, das einem auch das Leben kosten konnte.
 
Der hervorragende Text, die räumliche Kompositionsorganisation und die perfekte Entscheidung, die Choreographie den Zuschauer_innen zu überlassen, geben einem das Gefühl eines Ausnahmezustands, das man nur während des ANTISTATIC-Festivals erleben kann. Und man fragt sich: War der Händedruck zu Mussolinis Zeit in Italien wirklich aus Hygienegründen verboten, oder war es eine paranoide Anstrengung zur Erreichung irgendwelcher Ziele? Oder war es nur spekulative Werbung? Gehöre ich zu den Böswilligen, zu den Autoritären? Zu den Gläubigen? Zu den Rebellen? Zu den Psychopathen? Oder zu den Beobachtenden?

Rausch und Zorn Foto: Stefan Zafirov © ANTISTATIC Die Vorstellung ist zu Ende und verlässt uns auf der Straße, nachdem wir lange Zeit rückwärts gelaufen sind. Fast wie bei einer Kapitulation. Und man fragt sich, ob man nicht in einer Welt lebt „ohne Alternativen, einer Welt ohne Gespenster, ohne Stimmen wie meine, anwesend und nicht-anwesend, Stimmen, die diese fehlenden Alternativen heimsuchen, die einsprechen und andere folgenreiche Folgerungen erlauben, andere Handlungen und Begegnungen.“
 
Und trotz sich einschleichender Zweifel über den Erfolg einer organisierten und demokratischen Zukunft gingen wir alle vom Publikum begeistert ins Foyer des Theaters zurück, um Telefone zurückzugeben und Ausweise zurückzubekommen. Diese Organisation erinnerte mich daran, wie wichtig es ist, an guten Szenarien beteiligt zu sein. Um sich am Ende nicht betrogen und ausgenutzt zu fühlen.  Alle warteten geduldig in der Schlange.
 

Alle Zitate sind aus dem originalen Text der Performance „Rausch und Zorn. Studie zum Autoritären Charakter“.

Von und mit LIGNA (Ole Frahm, Michael Hueners, Torsten Michaelsen – Produktion, Text, Regie), Stephan A. Shtereff (Konzept, Regie, Produktion) und Emilian Gatsov (Musik).