Theater-Übersetzung Internationale Übersetzer- werkstatt in Mülheim

Übersetzerwerkstatt in Mülheim (2018)
Foto: © Archiv Mülheimer Übersetzerwerkstatt 2018

Das Theaterfestival „Stücke“ findet jedes Jahr in Mülheim an der Ruhr statt. Im Rahmen des Festivals wird eine Lernwerkstatt für Theater-Übersetzung organisiert, die darauf abzielt, zusätzliche Kompetenzen bei den Übersetzern aus dem Deutschen zu entwickeln. Gergana Dimitrova erzählt über Ihre Eindrücke von der Lernwerkstatt.

 

Im Frühsommer 2018 nahm ich zum dritten Mal an einer der bemerkenswertesten Werkstätten für Übersetzer teil. Im Rahmen der Theatertage „Stücke“ traf sich eine Gruppe aus elf internationalen Übersetzern in der malerischen Stadt Mülheim an der Ruhr um die neuen Stücke, die am Wettbewerb „Bestes deutschsprachiges Stück“ teilnahmen zu übersetzen und zu diskutieren. Erstmalig fand dieses Festival im Jahr 1976 statt. Damals war es das einzige seiner Art, da in seinem Fokus nicht die Inszenierung, sondern die Texte der jeweiligen Theaterstücke standen. Es hatte ein klares Ziel: Die Entwicklung der Dramaturgie in den deutschsprachigen Ländern – also in Deutschland (damals noch BRD und DDR), in der Schweiz und Österreich – zu fördern, welche eine gemeinsame Theaterlandschaft bilden.

Um die Nominierung der teilnehmenden Stücke kümmert sich ein Auswahlgremium. Zugelassen werden nur Stücke von deutschsprachigen Gegenwartsautoren, die während der jeweiligen Theatersaison uraufgeführt wurden. Der Mülheimer Dramatikerpreis, dotiert mit 15 000 Euro, wird von einer Preisjury aus Theaterschaffenden, Kritikern und Dramatikern vergeben. Außerdem gibt es einen nicht dotierten Publikumspreis. Auch wenn sich die Wahl des Publikums oft von der Wahl der Jury in der Regel unterscheidet, verleihen beide Preise den Autoren und den Theaterstücken Prestige und Popularität. Bald nach seiner Begründung entwickelte sich das Festival zu einem der renommiertesten Theaterforen. Bereits die Teilnahme eines Stückes am Festival spricht für seine hohe Qualität. Denn eingeladen sind nur die kuriosesten und interessantesten Autoren, welche fernab von Kitsch und Werbespot die deutsche Theatersprache und Wahrnehmung des Theaters entwickeln.
 
Die jährliche Durchführung dieser Initiative schafft allmählich eine professionelle Theaterumgebung, die einen idealen Rahmen für das Zusammentreffen von Dramatik-Übersetzern darstellt, die aus dem Deutschen in eine andere Sprache übersetzen. Ab 1985 organisierte das Deutsche Zentrum des Internationalen Theaterinstituts (ITI) die Treffen der Dramatik-Übersetzer in Mühlheim. Die Förderung und Stärkung dieser professionellen Workshops, die auch Bildungspanels zur Unterstützung der Qualifikation der Dramatik-Übersetzer bieten, stand in engem Zusammenhang mit der Aufgabe, die deutschsprachige Gegenwartsdramatik im Ausland zu verbreiten.

Zu Beginn waren diese Treffen hauptsächlich darauf ausgerichtet, die Teilnehmenden mit neuen deutschen Theaterstücken vertraut zu machen sowie ihnen Theaterbesuche und Treffen mit den Autoren, Regisseuren, Schauspielern, Dramatikern und Theaterverlagen zu ermöglichen. Allmählich wurden sie jedoch zu einer Lernwerkstatt für Theater-Übersetzung, die darauf abzielte, zusätzliche Kompetenzen bei den Übersetzern zu entwickeln. Intensiviert wurde vor allem die Arbeit an der Übersetzung von Theaterstücken. Ab 1995 fanden die Treffen im Zweijahresrhythmus statt. Seit 2017 gibt es ein jährlich stattfindendes Treffen, dabei handelt es sich um eine Veranstaltung des Deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts und der Mülheimer Theatertage NRW „Stücke“. Unterstützt wird es vom Goethe-Institut.
 
Jährlich zum Jahresende veröffentlichen das Deutsche Zentrum des Internationalen Theaterinstituts und das Goethe-Institut eine Einladung zur Teilnahme an der Übersetzerwerkstatt in Mühlheim. Außer ca. zehn Dramatik-Übersetzer aus der ganzen Welt, die aus dem Deutschen übersetzen, lädt das Goethe-Institut auch einen internationalen Gast der Theaterpraxis ein, der ein Stipendium dafür bekommt. Für dieses Stipendium können sich beispielsweise Theaterschaffende, Kulturmanager, Journalisten, Theaterlehrer und andere, die sich mit der Verbreitung von Theaterstücken und dem Theaterleben ihres jeweiligen Heimatlandes beschäftigen, bewerben. 

Eine Bewerbung lohnt sich, denn neben der persönlichen Weiterentwicklung bringt die Teilnahme am Treffen viel Spaß und Motivation. Nachdem ich selbst diese Erfahrungen machen durfte, wünsche ich mir nun, dass solche langfristigen, nachhaltigen und strategischen Initiativen auch in Bulgarien stattfinden. Ziel dieser könnte es sein die Entwicklung, Förderung und Verbreitung der Dramatik in Bulgarien zu unterstützen sowie den Aufbau einer Gemeinschaft von Übersetzern zu fördern. Wie wichtig diese wäre, zeigt folgendes Beispiel: Vor einem Monat wurde ich von einem finnischen Festival angeschrieben, mit der Bitte für sie ein Stück aus dem Englischen zu übersetzen. Grund für dieses Anliegen war die Tatsache, dass sie zwei Monat lang erfolglos nach einem Übersetzer vom Bulgarischen ins Finnische gesucht haben.
 
Folgendes ist beim letzten Treffen passiert:
 
Zu Beginn eines der seit Jahren heißesten Sommers in Deutschland, zwischen 25. Mai und 3. Juni, fand die 19. Dramatik-Übersetzerwerkstatt im Rahmen der 45. Ausgabe des Festivals statt. Zehn Übersetzer aus zehn verschiedenen Ländern und ein Regisseur aus Südkorea wurden sehr herzlich von den Organisatoren begrüßt – Andrea Zagorski, Stefanie Steiner und Finja Feddes, unter der fachkundigen Leitung der Seminarleiterin Barbara Christ, die durch die verschlungenen Pfade der Theater-Übersetzung führte. Gemeinsam wurden Aufführungen besucht und Treffen mit Autoren, Kritikern, Verlegern und Preisjurymitgliedern abgehalten. Es wurden Stücke in verschiedenen Sprachen übersetzt und in der jeweiligen Muttersprache der Teilnehmenden gelesen – Japanisch, Polnisch, Koreanisch, Bulgarisch, Tschechisch, Ukrainisch, Griechisch, Lettisch, Spanisch, Französisch (Kanada), Arabisch und Ägyptisch-Arabisch. Neben der Arbeit kam auch der Spaß nicht zu kurz: Es wurde gelacht, gekocht und geplaudert, so dass im Laufe der Tage nicht nur Wissen weitergegeben, sondern auch neue Freundschaften geschlossen wurden.
 

Eindrücke der Teilnehmer aus der Theaterwerkstatt für Übersetzer in Mülheim an der Ruhr:

Barbara Christ - Übersetzerin (Deutschland)

Zum vierten Mal durfte ich in diesem Jahr als Seminarleiterin die Internationale Übersetzerwerkstatt im Rahmen des Festivals „Stücke ‒ Mülheimer Theatertage NRW“ begleiten. Meine Aufgabe war wie immer, in Absprache mit dem ITI die zu behandelnden Stücke auszuwählen, die Textarbeit im Seminar zu strukturieren und inhaltlich vorzubereiten, die Seminargespräche unter den Teilnehmer*innen zu moderieren und für die notwendigen Informationen ‒ auch über Inhalte des Festivals ‒ zu sorgen.

Am Schluss der Werkstatt schienen die Teilnehmer_innen rundum zufrieden mit der ergebnis- und erfolgreichen Arbeit. Sehr erfreulich für mich war darüber hinaus auch die menschliche, soziale Seite der Werkstatt. Für mich war die 18. Übersetzerwerkstatt des ITI eine sehr beglückende Erfahrung, aus der auch ich viel mit nach Hause nehme.

Jacek Kaduczak - Übersetzer (Polen)

Am besten fand ich die Seminare, wo wir am Text arbeiten konnten. Bei den Übersetzer-Werkstätten für ein bestimmtes Sprachpaar legt man in meisten Fällen den Fokus auf die Übersetzung, und diskutiert oft die konkreten Lösungen. Diesmal haben wir aber hauptsächlich den Originaltext analysiert. Es hat mit sehr viel geholfen, und neue Wege gezeigt, wie man die Stücke lesen kann und soll.

Da ich vor allem für das Theater übersetze, und mich für die neuesten deutschsprachigen Dramen interessiere, war es für mich auch sehr wichtig, dass wir nicht nur die besten Texte gelesen haben, sondern auch die Inszenierungen gesehen haben, und auch die Möglichkeit hatten, mit den Autoren zu sprechen.
 
Monika von Moldoványi - Dozentin für Theaterpädagogik an der Universidad de Talca, Regisseurin und freie Theatermacherin (Chile)

Übersetzten ist ein intimer und verantwortungsvoller Vorgang! Wir sollen, dürfen, müssen uns so tief wie möglich in die Gefühls- und Gedankenwelt des Autors einfühlen und hineindenken. Über diese Tatsache waren wir Übersetzerwerkstattteilnehmer uns gleich einig. Und in dieser Gruppe der Übersetzer, die wir uns von überall her zusammengefunden haben, konnten wir unter der feinfühligen und sicheren Leitung Barbaras und der liebevollen Betreuung von Andrea und Finja, sehr bald unsere Übersetzerseele „gefahrlos“ öffnen.

So ergab sich der glückliche Moment, dass sich eine offene und vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre entwickeln konnte, die sehr wohltuend und anregend war.
Auch waren die Gespräche inhaltlich weit gefächert und bald spürte man, dass eine gewisse „Intimität“ und Komplizenschaft im Austausch zustande kam, die wiederum die Zusammenarbeit sehr fruchtbar machten. Ich denke, jeder konnte für sich viel Wertvolles mitnehmen und der Begriff BEGEGNUNG wurde wirklich real umgesetzt.

Nevine Fayek - Übersetzerin (Ägypten)

Wie ich schon erwähnt hatte, kam ich mir manchmal als Belletristikübersetzerin wie privilegiert vor, da man bei Literaturtexten sich hauptsächlich mit den sprachlichen Ebenen beschäftigt, und dafür auch bezahlt wird. Die Verantwortung darf man dann am Ende einfach weitergeben. Doch bei Theater habe ich bemerkt, wie die Verantwortung sich vertieft, und wie man als Übersetzer - vielleicht indirekt aber immerhin - in dem ganzen Prozess der theatralischen Umsetzung mitreingenommen wird. Was für eine Falle!

Inga Rozentāle - Übersetzerin, Theaterwissenschaftlerin (Frankreich/Lettland)

Eine Übersetzung ist immer eine Interpretation, in extremen Fällen fast Neuschaffung des zu übersetzenden Werkes. In der Werkstatt haben wir unter anderem versucht diese Interpretationgrenzen aufzuspüren. Meist arbeitet der Übersetzer alleine und muss die Entscheidungen entsprechend auch alleine treffen. In der Werkstatt hatten wir den Luxus, unter professioneller Leitung gemeinsam diese Fragen zu erörtern. Das hat mich in meinen bisherigen Überzeugungen bestärkt, sowie auch maßgeblich bereichert.