Öffentliche Bibliotheken – Orte der Diversität - Magazin - Goethe-Institut Bulgarien

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Inklusion
Öffentliche Bibliotheken – Orte der Diversität

Workshop zum Thema Inklusion am Goethe-Institut Bulgarien, 6. Februar 2020
Workshop zum Thema Inklusion am Goethe-Institut Bulgarien, 6. Februar 2020 | Foto: © Iliyan Ruzhin

Die Bibliothek des Goethe-Instituts Bulgarien, die momentan eine Neugestaltung erfährt, organisierte einen Workshop zum Thema Inklusion, zu dem Bibliothekar*innen aus dem ganzen Land eingeladen waren. Zwei Teilnehmerinnen, Velitchka Petrova und Violeta Georgieva von der Regionalbibliothek in Pazardzhik, haben wir gebeten, mit uns über ihre Erfahrungen bei der Bibliotheksarbeit für Menschen mit Behinderungen zu sprechen.

Von Therese Fuchs

Warum haben Sie sich entschlossen, die Arbeit Ihrer Bibliothek durch Angebote für Menschen mit Behinderungen zu erweitern?

Velitchka Petrova: Es ist diskriminierend, Menschen mit Behinderungen zu benachteiligen – oder noch schlimmer, sie als Bibliotheksbenutzer*innen auszuschließen. In unserer Bibliothek hat man 1995 mit der Arbeit an einem Programm zum Thema „Bibliotheksdienstleistungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ begonnen. Es wurde in Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek „St. Kyrill und St. Method“ sowie der Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ in Pazardzhik ausgearbeitet. Dabei wurden die Standards der internationalen Vereinigung bibliothekarischer Verbände (IFLA) eingehalten. Das Programm war eines der ersten dieser Art in Bulgarien. Es war zunächst für ein Jahr geplant (1995-1996) und sollte allen Menschen mit Behinderungen im Stadtgebiet von Pazardzhik von Nutzen sein. Heute arbeitet die Regionalbibliothek in Pazardzhik mit Menschen, die sehbehindert, gehörlos oder schwerhörig sind sowie mit Menschen, die eine kognitive und/ oder eine körperliche Behinderung haben.

GI: Welches Inklusionskonzept hat Ihre Bibliothek, wodurch unterscheidet sich Ihre Bibliothek von anderen Bibliotheken, und wie nutzen Sie Ihr Potential?

Velitchka Petrova: Unser Konzept geht von der Auffassung aus, dass in der demokratischen Gesellschaft alle Bürger*innen einen gleichberechtigten Zugang zu Information haben sollten. Das gilt auch für Menschen mit Behinderungen. Wir glauben, dass es außerordentlich wichtig ist, die Bibliothek in eine Art „dritten Raum“ zu verwandeln (nach Zuhause, Schule oder Arbeitsstelle). Unsere Erfahrungen zeigen, dass gerade dieser „dritte Raum“ für Menschen mit Behinderungen etwas ganz besonderes ist – ein Raum, der die Eigenschaften eines Zuhauses hat.

Die Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ unterscheidet sich kaum von den anderen 26 Regionalbibliotheken im Land. In Bezug auf die übrigen öffentlichen Bibliotheken in unserer Region gibt es jedoch erhebliche Unterschiede. Zweifellos verfügt unsere Regionalbibliothek über größere Ressourcen. Dies bedeutet für  uns aber auch, dass wir eine größere Verantwortung im Vergleich zu den kleineren öffentlichen Bibliotheken der Region haben. Wir sind bemüht, unser Potential maximal zu nutzen – in der Verbesserung der Architektur und dem physischen Zugang zum Gebäude, in der Anschaffung von Bibliotheksmedien und technischen Hilfsmitteln für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und in unserer Ausbildung als Bibliothekar*innen.

Wie ist in Ihrer Bibliothek der Zugang für Menschen mit Behinderungen gewährleistet?

Violeta Georgieva: Für Menschen mit besonderen Bedürfnissen gibt es in der Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ eine Rampe, eine Rollstuhlhebebühne, ein Aufzug zum zweiten Stock, eine spezielle Tür und eine sanitäre Einrichtung im Erdgeschoss unmittelbar neben dem Hauseingang. Mit Ausnahme der Rampe wurden alle anderen Hilfsmittel durch die Förderung der Agentur für Menschen mit Behinderungen gesponsert. Unter dem Thema „Die Bibliothek – ein öffentliches Informations- und Kulturzentrum – allen Bürgern zugänglich“ hat sie mit einer Gesamtsumme von 45 168 Lewa die Ausstattung für Leser*innen mit körperlichen Behinderungen unterstützt. Die Stiftung Open Society hat zudem ein Informationszentrum eingerichtet, das aus zwei barrierefreien Computerlesestationen besteht und über eine Software für Menschen mit Seheinschränkungen verfügt.

Welche Bibliotheksmaterialien bieten Sie nur für Menschen mit Behinderungen an oder gibt es andere Materialien, die auch von Menschen mit Behinderungen genutzt werden können?

Velitchka Petrova: In der Kunstabteilung der Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ gibt es eine besondere Sammlung von Hörbüchern auf Tonkassetten oder CDs, die vorwiegend Belletristik enthält – Romane, Erzählungen, Lyrik und Märchen. Ihre Anschaffung begann 1995, und sie ist grundsätzlich für Menschen mit Sehbehinderungen vorgesehen. Bemerkenswert ist, dass die Anschaffung der Hörbücher anfänglich noch durch Überspielen und Kopieren der Originalaufnahmen geschah. Die Originalaufnahmen entstanden in Kooperation mit Sehbehinderten in Sofia. Heute wird diese Sammlung durch CDs ergänzt. In der Kunstabteilung steht den Bibliotheksbesucher*innen die Phonothek zur Verfügung. Sie können Musik hören oder Filme ansehen sowie CDs und DVDs ausleihen. In den Lesesälen haben wir einen Bestand mit illustrierten Büchern und Zeitschriften für Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Teil unseres Service ist, dass wir als Bibliothekar*innen Menschen mit besonderen Bedürfnissen an zwei barrierefreien Computerstationen helfen, im Internet zu recherchieren oder nach verschiedenen elektronischen Ressourcen in lokalen Datenbanken zu suchen.

Haben die Bibliothekar*innen Ihrer Bibliothek die notwendige Ausbildung und Erfahrung für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen?

Velitchka Petrova: Die Bibliothekar*innen unserer Bibliothek, die mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen arbeiten, haben eine universitäre bibliothekarische Ausbildung absolviert und haben somit ein Grundwissen über die Besonderheiten der Arbeit mit unterschiedlichen Benutzergruppen, darunter auch die der Menschen mit Behinderungen. Ich halte es aber trotzdem für außerordentlich wichtig, dass zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten konkret zu dieser Thematik angeboten werden, denn auch in unserem Bereich ist eine systematische Weiter- und Fortbildung unerlässlich.
Die Kolleg*innen, die direkt mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, haben die notwendigen Erfahrungen vor allem durch ihre konkrete Arbeit in der Praxis gewonnen.
An unserer Bibliothek haben wir nur eine Mitarbeiterin, die tatsächlich eine zusätzliche Qualifikation erlangt hat. Sie hat an der Universität Plovdiv im Bereich der angewandten Psychologie, Neurologie und Psychotherapie studiert und zudem nützliche Erfahrungen von ihrer früheren Arbeitsstelle als Psychologin und Arbeitstherapeutin mitgebracht.

Bitte erzählen Sie uns von einer Begegnung in der Bibliothek, an die Sie sich gern erinnern und die Sie beruflich und menschlich bereichert hat.

Violeta Georgieva: Jede Begegnung und jeder Umgang mit Leser*innen mit Behinderungen ist einmalig und unvergesslich. Es geht mit diesen Begegnungen eine Offenheit und Herzlichkeit einher, die ich sehr schätze. In mein Gedächtnis hat sich ein besonderes Ereignis während des Besuchs einer Gruppe besonders stark eingeprägt. Leser*innen vom Verein Menschenliebe hatten sich spontan entschlossen in die Bibliothek zu kommen. Es entstanden spontane Gespräche, und plötzlich gab es diese feierliche Stimmung, eine geteilte Freude, Lieder wurden mit Klavierbegleitung gesungen. Gerade in der Bibliothek sind diese Menschen ruhig und selbstbewusst aufgetreten, ohne Angst vor Spott und Kritik haben sie uns ihre verborgenen Gaben und Talente vorgeführt. Diese Menschen konnten sich so sehr entspannen und amüsieren, dass sie auch uns angesteckt haben.

Werden in Ihrer Bibliothek Veranstaltungen zum Thema Inklusion durchgeführt.Welche konkreten Anliegen stehen dabei im Zentrum des Interesses?

Violeta Georgieva: Wir, die Bibliothekar*innen aller Abteilungen, haben Interesse daran und veranstalten regelmäßig Gruppenbesuche und Lehrgänge verschiedener Zielgruppen von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Von der Ausleihabteilung für Erwachsene werden z.B. Menschen mit Bewegungseinschränkungen und Senioren mit Büchern zu Hause versorgt. Diesen Service bieten wir unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Zentren für soziale Rehabilitation und Integration Hephaistos und Menschenliebe, sowie für Sehbehinderte an. In unserer Arbeit mit diesen Zielgruppen verfahren wir individuell, durch Ankündigungen im Informationsblatt der Gemeinde Pazardzhik und durch persönliche Beziehungen und Kontakte auf Manager- oder Direktorenebene. Unsere bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass dies der richtige Weg ist, diesen Menschen näher zu kommen.

Jede Woche wird auch eine Videovorführung in der Videothek der Kunstabteilung organisiert, wobei die Filme sehr sorgfältig je nach Zielgruppe ausgewählt werden. Nach der Vorführung werden die Besucher*innen eingeladen, sich im Lesesaal der Kunstabteilung die wunderbaren Alben anzuschauen oder, wenn sie möchten, Klavier zu spielen. Und auch der Computerleseplatz, der mit Kopfhörern für Musik ausgestattet ist, bleibt selten unbesetzt. Zuletzt möchte ich auf die kreativen themengebundenen Hands-on Aktivitäten hinweisen, die wir zu verschiedenen Anlässen wie Weihnachten,  Valentinstag, Erster März, Frauentag, Palmsonntag, Ostern, Tag der Erde, Tag des Buches und vielen mehr anbieten.

Worüber soll, Ihrer Meinung nach, eine Bibliothek verfügen, um wirklich allen Mitgliedern unserer Gesellschaft von Nutzen zu sein?

Velitchka Petrova: Ich bin der Meinung, dass vor allem die Aktualität und Sinnhaftigkeit der Veranstaltungen und Dienstleistungen ausschlaggebend ist. Die Qualität jedes Endprodukts ist das Zusammenspiel komplexer, miteinander verbundener Aktivitäten. Mit anderen Worten  ist die sorgfältige Vorbereitung besonders wichtig, um erfolgreich für alle da zu sein. Die öffentlichen Bibliotheken sind heute nicht nur moderne Informationszentren, sie sind zugleich auch in sehr hohem Maße demokratische Einrichtungen, die sich um den gleichen Informationszugang aller Bürger*innen bemühen. Die Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ in Pazardzhik will auch in Zukunft eine aktive Politik zur Einbeziehung aller marginalisierten Gruppen in das soziale Leben verwirklichen.
 

Velichka Petrova Velitchka Petrova arbeitet in der Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ in Pazardzhik als Abteilungsleiterin „Katalogisierung“. Sie ist aktiv beteiligt an Veranstaltungen, die vor allem mit Lehrgängen für Senioren verbunden sind. Sie leitet Computerworkshops für Senioren und unterrichtet unter anderem im Rahmen der Programme „Ich kann“, „Ich kann mehr“ und „Vouchers für Beschäftigte“, die eine Berufsqualifikation im Bereich des Bibliothekswesens anbieten; Sie ist außerdem Mentorin in einer Reihe europäischer Projekte.

Violeta Georgieva Violeta Georgieva arbeitet in der Regionalbibliothek „Nikola Furnadzhiev“ in Pazardzhik als Bibliothekarin der Kunstabteilung. Sie ist zuständig für den Lesesaal, für die Videothek und für die  Phonothek sowie für die Arbeit mit sozial benachteiligten Menschen. Sie bringt ihre Erfahrung aus ihrer früheren Arbeit als Psychologin und beim Krisentelefon im Zentrum für soziale Rehabilitation und Integration „Menschenliebe“ mit. Sie hat zudem als Arbeitstherapeutin im Atelier für Arbeitsrehabilitation von Menschen mit psychischen Problemen gearbeitet.

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