Standpunkt Das Amphitheater von Serdika – panem et circenses aus der Perspektive des 21. Jh.

Das Amphitheater von Serdika
Das Amphitheater von Serdika | Foto: © Ivan Shishiev

Hitze. Die Sonne scheint dermaßen stark, dass die seit Tagen nicht gefütterten Tiere versuchen, den Zaun zu überspringen, um über die Zuschauer herzufallen. Eine Frau in einer Palla[2] wischt sich mit dem Kleidungsstoff den Schweiß vom Nacken. Jemand bläst ins Horn. Die Menschenmenge kündigt mit ihrem Gebrüll das Eintreffen der Retiarier und Venatoren[3] an. Die Tore der antiken römischen Stadt Serdika schließen sich hinter ihnen. Der Kampf um Leben und Tod gegen Löwen, Bären und Krokodile beginnt…

Ein Sonntag in Sofia. Die Hitze des 21. Jh. überrascht niemanden, der im Fernsehen von der globalen Erwärmung gehört hat. Im Nationalmuseum für Archäologie allerdings ist es kühl. An einer seiner Wände hängt eine Steinplatte mit dem Abbild eines Kampfes zwischen Gladiatoren und exotischen und weniger exotischen Tieren (wenn wir die Löwen, Bären und Büffel darunter zählen, welche damals auf dem Territorium des Balkans zu finden waren). Das steinerne „Plakat“ mit der Werbung des Amphitheaters von Serdika wurde vor fast einem Jahrhundert gefunden – im Jahre 1919. Der Entdecker der unbezahlbaren Platte versuchte, sie zu zerstören, indem er sie zerbrach. Per Zufall allerdings gerieten ihre Scherben ans Archäologiemuseum Sofias, wo sie wieder zusammengefügt wurde. Schließlich wurde in Archäologenkreisen eine brennende Frage aufgeworfen: Wo in der bulgarischen Hauptstadt liegt dieser Ort, an dem jene berühmten Gladiatorenkämpfe stattfanden?
Während des Hotelbaus in der Budapeshtaer Straße fanden Bauarbeiter 2004 eine massive Wand, welche offensichtlich der antiken Zeit der Stadtgeschichte angehörte. Ein Team begann unter der Leitung des Archäologen Jerin Velichkov vor Ort mit den rettenden Ausgrabungen. Es wurden Sitzplätze sowie Konstruktionen freigelegt, die zur Schlussfolgerung führten, es handele sich um nichts anderes als um ein Amphitheater. Zwei Jahre später macht der Archäologe eine weitere eindrucksvolle Entdeckung – das Amphitheater von Serdika wurde über einem noch älteren antiken Theater gebaut, welches wahrscheinlich aus der Mitte des 2. Jh., der Zeit des römischen Kaisers Marcus Aurelius Caracalla (211-217 n. Chr.), stammt. Die dazugehörige Kampfarena entstand ein Jahrhundert später – Ende des 3. Jh. unter der Herrschaft des Kaisers Diokletian (284-305). Auf diese Zeit führt man auch die Entstehung der „Plakat“-Platte zurück.
Außer der Entdeckung, dass sie über einem älteren Amphitheater gebaut wurde, beeindruckt noch eine weitere Tatsache: die Größe der Konstruktion. Sie hat eine Länge von 60,5 und eine Breite von 43 Metern. Genauer gesagt liegt die Größe mit 10 Metern  unter jener des Amphitheaters der Flavier[4] von Rom, welches als zweitgrößtes Europas (und als deutlich größer als die Amphitheater in Nimes und Pompeji) gilt. Und als drittgrößtes innerhalb des gesamten Römischen Reiches – nach jenem von Ephesus. Es wird angenommen, dass die Kapazität von Serdikas Amphitheater 25.000 Sitzplätze umfasst.
Das Toleranzedikt von Mailand zur Duldung durch den Kaiser Konstantin des Großen (306-327 n. Chr.) führte innerhalb des gesamten religiös-historischen Status Quo zu einer drastischen Wende. Das Christentum breitet sich frei aus, als es nach dem Tod des Kaisers Julian I (mit dem Beinamen „der Abtrünnige“) zur offiziellen Religion des Imperiums erklärt wird. Die blutigen Spiele im Amphitheater galten von nun an als barbarisch, ihr Fortbestehen war somit bedroht. Im Jahre 394 wurden sie mit dem Verbot heidnischer Rituale durch Theodosius I offiziell beendet. Das Amphitheater von Serdika macht keine Ausnahme.

Das Vergessen der alten Götter als auch der Arenen führte zu deren Zerstörung. Im Gegensatz zum Kolosseum, an dem viele christliche Märtyrer den Tod fanden,  und das in eine Kirche umgewandelt wurde und dadurch bis heute erhalten geblieben ist, hatte das Amphitheater von Serdika weniger Glück. Sein Baumaterial - Marmorplatten, Steinblöcke, wertvolle Ziegel und sogar Statuen - wurde Stück für Stück von den Leuten weggestohlen, die ihre eigenen Häuser damit bauten. Ausgegrabene Wohnungen und ein Backofen an der Stelle des Amphitheaters vom 5.-6. Jh. sowie die späteren osmanischen Überbauungen zeugen davon. Somit entwickelte und nährte sich die Lieblingsstadt von Konstantin dem Großen aus ihren eigenen Gebäuden heraus, während sie auf den “Knochen“ ihrer einstigen öffentlichen Stätten aufgebaut wurde. Diese Entdeckung wird auch durch die Höhe der neueren Schicht der Stadt von 12 Metern unterstrichen, welche seit dem 4. Jh. bis heute entstand. Dies bedeutet, dass der Raum der Straßen „Moskovska“, „Budapeshta“, „Malko Tarnovo“ und des Boulevards „Dondukov“ vor 1700 Jahren um 12 Meter niedriger lag. Wenn wir uns vorstellen, dass an der Stelle des Jugendtheaters (Mladezhki Teater), des Goethe-Instituts und des Zentrums der Thrakologie keine Gebäude stünden, würden wir dort das Kolosseum Sofias sehen.
Nach dem Abschluss der Ausgrabungen des Amphitheaters von Serdika am Hotel „Arena di Serdica“ machte die Stadtverwaltung Sofias den groben Fehler, die Fortsetzung des Hotelbaus zu erlauben. Nach dessen Fertigstellung gerieten Teile der Wand, der Umkleideräume von Künstlern, die in antiken Veranstaltungen auftraten, und Sitzplätze ins Untergeschoss des Gebäudes. Andere Teile der antiken Konstruktion, welche direkt an der Nordwand des Goethe-Instituts als auch an der Ostseite des Jugendtheaters Nikolay Binev liegen, wurden der Willkür der Zeit überlassen, wobei häufiges Hochwasser von mehreren Monaten Dauer in den Untergeschossen ernsthafte Schäden in beiden Gebäuden anrichtete, von denen das eine als Kulturdenkmal der Stadt gilt und das andere als großartige zeitgenössische Schauspielbühne.
Nun schreiben wir das Jahr 2015. Die Stadtverwaltung gibt die Idee zum Abriss von mindestens drei der Gebäude auf dem Territorium der Ruinen des Amphitheaters von Serdika bekannt – unter ihnen auch des Hotels, dessen Bau vor zehn Jahren erlaubt wurde. Das Ziel ist nicht nur das Restaurieren des Komplexes, sondern auch seine Verwandlung in eine Sommerbühne. Die Idee ist nicht neu und wurde bereits erfolgreich in Städten wie Plovdiv, Pula (Kroatien), Nimes (Frankreich) und sogar im Kolosseum von Rom realisiert – mit dem Unterschied, dass die Arena diesmal nicht bloß restauriert, sondern auch größtenteils wiederhergestellt werden soll, infolge dessen das Gebäude des Kulturdenkmals Goethe-Institut bedroht wird. Es steht nun die Frage im Raum, ob das Gebäude im Zentrum des Amphitheaters bleiben kann oder ob es verlagert oder gar ganz abgerissen werden soll, so wie es bereits bei zwei anderen Kulturdenkmälern der Fall war – beim Schriftsteller-Café an der Rakovski Straße, Ecke Tsar Osvoboditel Boulevard und der Fabrik der Brüder Proshek.
 
Die letzten Fragen sind mit dem Amphitheater von Serdika selbst verbunden – was bringt ein solcher Wiederaufbau in kultureller Perspektive mit sich? Und lohnt es sich, eine der bedeutsamsten Konstruktionen des Römischen Reiches unkorrekt zu restaurieren, wie es mit vielen anderen Überbleibseln in Bulgarien passiert ist? Leider würden die falschen Entscheidungen infolge der Bebauung dieses Ortes auch bei einem Abriss der Gebäude Verwirrung stiften. Der einzige Ausweg wäre, nur soviel wie nötig abzureißen, um die Ruinen des Kolosseums von Serdika gut zu präsentieren - ohne den sinnlosen Traum der Stadtverwaltung von einer Sommer-Arena zu verwirklichen, die mit den westlichen Amphitheatern konkurrieren soll, die aber niemals überbaut worden waren.
 
Es riecht nach Blut. Die Menschenmenge jubelt. Ihre Helden haben gesiegt; sie haben die Tiere zur Unterhaltung der römischen Bürger getötet. Nur zwei der Retiarier kamen ums Leben. Aber so ist der Alltag in einem der größten Amphitheater Europas.

[1] Lat. für „Brot und Spiele“
[2] Palla – Leinen, Seide – 1,5 m breit und 3,5 m langer Mantel, den die Frauen um sich wickelten. Darunter trugen die Frauen im alten Rom eine ärmellose Tunika.
[3] Retiarier – mit einem Dreizack, Netz und Dolch bewaffnete Gladiatoren. Venatoren – mit Speer oder Messer bewaffnete Gladiatoren, die oftmals gegen Tiere kämpften und daher am häufigsten ums Leben kamen.
[4] Das Amphitheater der Flavier (vom Lat. „Amphitheatrum Flavium“) – 70 n. Chr. als Spielstätte gebaut, angefangen durch Vespasian und beendet durch dessen Sohn Titus, wobei dessen Bruder Domitian einige Änderungen daran vornahm. Besser bekannt als „das Kolosseum“.