Standpunkt Wieviel Gedächtnis brauchen wir?

Denkmal der Sowjetarmee in Sofia
Denkmal der Sowjetarmee in Sofia | Foto: © Petar Georgiev

Der Streit um die Denkmäler aus der Zeit der totalitären Regime in Bulgarien geht nun 25 Jahre und scheint kein Ende zu nehmen. Einen solchen Streit mit einer derartigen Länge gibt es in keinem anderen postkommunistischen Land in Europa. Er ist ein Zeichen dafür, dass es in der bulgarischen Gesellschaft keinen Konsens darüber gibt, wie die kommunistische Vergangenheit in moralischer Hinsicht beurteilt werden soll.
Man muss vorwegnehmen, dass es bei dem Streit über die kommunistischen Denkmäler längst nicht um alle Denkmäler jener Epoche geht. Mit der Zeit konzentriert er sich hauptsächlich auf drei Denkmäler – auf das der Sowjetischen Armee, das zu „1300 Jahre Bulgarien“ in Sofia und auf das Aljoscha-Denkmal in Plovdiv. Alle drei sind riesige Monumente, die sich in der Hauptstadt oder der zweitgrößten Stadt Bulgariens befinden und den öffentlichen Raum dominieren.
Die öffentlichen Räume in den Stadtzentren sind immer symbolisch geladen. Dort befinden sich üblicherweise die Institutionen der Macht, die wichtigsten Kirchen und Denkmäler prominenter Personen oder Ereignisse der Vergangenheit, die zur Bildung der gemeinsamen Identität einer Gesellschaft beitragen und die die Werte zum Ausdruck bringen, die dem politischen und kulturellen Selbstbewusstsein zugrunde liegen.
Die Kultur und die Werte wandeln sich aber mit der Zeit und mit ihnen zusammen wandeln sich die Gesellschaften und deren politische Ordnung. Wenn diese Veränderung nicht extrem ist und die wichtigsten Werte und Vorstellungen der Vergangenheit erhalten bleiben, so werden auch die Denkmäler der Vergangenheit nicht in Frage gestellt. Wenn aber extreme Veränderungen passieren, dann kommt es zu einem Streit über die Denkmäler. Dieser Streit ist eine moderne Erscheinung. In der Antike oder im Mittelalter gäbe es ihn kaum, denn erst seit einigen Jahrhunderten gilt die Zerstörung der Denkmäler der Vergangenheit als unzivilisiert.
Die Entstehung eines modernen historischen Bewusstseins geht Hand in Hand mit der Herausbildung eines neuen ästhetischen Bewusstseins, das die Kunst als einen autonomen Bereich des Geistes etabliert, auf den keine externen Kriterien angewendet werden können. Die Kunstwerke stehen demzufolge in keinem Bezug zu Fragen, die die Wahrheit und die Moral betreffen. Aus dieser Perspektive wird der Wert eines Kunstwerkes kaum gemindert, nur weil es eine inzwischen verworfene Ideologie widerspiegelt.
Wenn wir die ideologische Botschaft der Denkmäler und die Frage, ob wir diese heute noch akzeptieren können oder nicht, außer Acht lassen, gibt es zwei Argumente, die die kommunistische Partei oder ihre Nachfolgerin, die BSP, immer bemühen: 1. Dass die Denkmäler Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit seien und dass sie erhalten werden so wie sie sind erhalten werden sollten; 2. Dass es sich dabei um Kunstwerke handelt, deren ästhetischer Wert nicht mit dem ideologischen Inhalt gleichzusetzen sei.
Ende des 19.Jh kritisierte Friedrich Nietzsche in seiner berühmten Schrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ das moderne historische Bewusstsein und die kritiklose Akzeptanz der Werte der Vergangenheit. Laut Nietzsche hat die Vergangenheit an und für sich keinen Wert. Sie gewinnt diesen Wert nur, wenn sie sich auf die Gegenwart und die Zukunft beziehen lässt. Die Individuen und die Gesellschaft bräuchten die Vergangenheit, um sich entwickeln zu können, Vergangenheit könne aber auch eine erstickende Wirkung haben.
Nietzsche fasst drei Typen von Beziehungen zur Vergangenheit zusammen: die monumentalische, die antiquarische und die kritische Beziehung. Die monumentalische Beziehung ist sinnvoll für das Individuum und die Gesellschaft, weil sie eine Inspirations- und Aktionsquelle ist, die antiquarische, weil sie an die eigene Tradition bindet, und die kritische – weil sie vor Idealisierung der Vergangenheit schützt.
Die drei Beziehungstypen gleichen sich gegenseitig aus und deswegen ist es wichtig, keinem einen besonderen Vorrang zu geben. Die übermäßige Bewunderung der glorreichen Vergangenheit kann die eigenen Handlungsmöglichkeiten lähmen. Die zu große Liebe zur eigenen Tradition ebenfalls. Durch die überkritische Beziehung zur Vergangenheit kann die Illusion entstehen, dass man von Null beginnen kann.
Die Vergangenheit und ihre materielle Ausprägung, so Nietzsche, sind dann wertvoll, wenn sie die Integrität des Individuums und der Gesellschaft bewahrt und ihre Fähigkeit stärkt, aktiv und schöpferisch zu handeln.
Diese Kritik des historischen Bewusstseins entkräftet das Argument, dass die Denkmäler der kommunistischen Vergangenheit so erhalten werden sollen, wie sie sind, da sie ein Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit seien. In Bezug auf diese Denkmäler sollte man allerdings die Frage stellen, wie und inwieweit sie erhalten werden sollen, damit sie uns helfen, nicht zu vergessen, dass unsere Gesellschaft heute mit der kommunistischen Vergangenheit zusammenhängt, gleichzeitig ein kritisches Verhältnis dazu zu entwickeln und unsere Handlungs- und Schöpfungsfähigkeit  zu behalten.
Ein Erhalt der kommunistischen Denkmäler so wie sie sind, insbesondere derjenigen, die die zentral gelegenen städtischen Räume dominieren, zeigt zweifelsohne die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, fördert aber kaum die kritische Auseinandersetzung damit und lähmt die schöpferische Handlungsfähigkeit der Gesellschaft, indem es die Dominanz der Vergangenheit unüberwindbar erscheinen lässt.
Was das Argument anbelangt, dass diese Denkmäler Kunstwerke seien und dass sie einen unumstrittenen ästhetischen Wert (nämlich ihre Form) hätten, der keinen Bezug zum ideologischen Inhalt habe, so ist das ein vorschnelles Urteil aus der aktuellen Debatte und keine selbstverständliche und offensichtliche Wahrheit. Die Form eines Kunstwerks kann nicht von seinem Inhalt gelöst werden, so wie auch der ästhetische Wert nicht vom ideologischen gelöst werden kann. In der modernen Kunsttheorie wird das sehr gut erklärt. Dabei sind die Denkmäler nicht nur Kunstwerke, sie sind nicht für die individuelle Wahrnehmung und Beurteilung bestimmt, sondern erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie sind nicht (nur) die freie Willensäußerung eines Künstlers, sondern (auch) ein öffentlicher Auftrag.
Das Denkmal der Sowjetischen Armee und das Denkmal vor dem Nationalen Kulturpalast zur 1300jährigen Geschichte Bulgariens sind eben nicht nur auf der Ebene des „Inhalts“, sondern auch auf der Ebene der „Form“ totalitär. Mit ihrer Größe und ihren Proportionen, die die umliegenden Wohnhäuser und öffentliche Gebäuden total dominieren, sind sie Beispiele für die Ästhetik des Totalitarismus. Auch mit dem „sozialistischen Realismus“ ihrer Figuren – immer monumental und immer in pathetischer Haltung.
Die Unmöglichkeit, die „Form“ vom „Inhalt“ zu trennen, sowie ihre öffentliche Funktion schließen die Möglichkeit aus, dass die Debatte über die Denkmäler als eine isolierte, ausschließlich von Experten geführte ästhetische Diskussion stattfindet. Die Fachleute (Bildhauer, Maler etc.) können diese Debatte anführen, allerdings nur wenn sie sich der moralischen und politischen Aspekte des Diskurses bewusst sind.
Weder die Werte der Vergangenheit, noch der ästhetische Wert an und für sich sind als Argumente stark genug, um die These zu beweisen, dass die kommunistischen Denkmäler und insbesondere die, die öffentlichen Räume dominieren, so erhalten werden sollen, wie sie sind. Vor der Vergangenheit darf man nicht weglaufen, noch soll man sie kritiklos hinnehmen, am wenigsten aber darf man zulassen, dass sie mit ihrem Gewicht die Gegenwart und Zukunft einer Gesellschaft erdrückt.
Die kommunistischen Denkmäler brauchen einen zusätzlichen Kontext, damit wir daraus lernen können, dass es absolut unzulässig ist, die Realität einer Ideologie unterzuordnen, die die Gesellschaft in „progressive Kräfte“ und „Feinde des Fortschritts“ teilt. Dieser Kontext kann auf sehr unterschiedliche Weise geschaffen werden. Eine Möglichkeit wäre, die Denkmäler in einem Museum der totalitären Kunst unterzubringen. Andere Wege sind auch möglich.
Die eigentliche Aufgabe, die unsere Gesellschaft den Architekten, Bildhauern, Konzeptkünstlern und Sozialdenkern zu stellen hätte, besteht darin, zu überlegen, wie diese Denkmäler als Zeugnisse der Vergangenheit erhalten bleiben und gleichzeitig das Verhältnis der Gegenwert zur Vergangenheit aufzeigen.