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17:30 Uhr

Ein Fenster zu den Seelen

Ausstellung|Ausstellung in Erinnerung an die Künstlerin Mila Miltschew

  • Städtische Galerie "Vladimir Dimitrov - Majstora", Kjustendil , Kjustendil

Mila Miltschew Mila Miltschew

Mila Miltschew‘s Leben kennt kaum seinesgleichen in Bulgarien: eine Künstlerin behauptet sich im Kampf gegen die politische Ungerechtigkeit zur Zeit des kommunistischen Regimes und bahnt sich mit ihrem Talent den Weg im Sumpf des sog. „sozialistischen Realismus“. Allerdings übernimmt sie das Risiko der Emigration, um einen günstigen Nährboden für ihre kreative Entwicklung im Westen zu finden und sich als eigenständige Künstlerin durchzusetzen, aber mit ihren Wurzeln in Bulgarien bleibt sie auf immer verbunden. Ähnlich verläuft auch der Lebensweg des heute für seine Rauminstallationen weltberühmten bulgarischen Künstlers Christo Javaschev (Christo), der eine Zeitlang zu ihren Kommilitonen an der Kunstakademie in Sofia zählte. Nachdem Mila zu Beginn der 60er Jahre die Kunstakademie in Sofia absolviert hatte (ihre Diplomarbeit, eine Monumentalkeramik, wurde mit summa cum laude bewertet), gewann sie mehrere Wettbewerbe für die künstlerische Gestaltung großer Architekturobjekte, darunter der Turnhalle und des Textilkombinats in Haskovo. Dieses Projekt erhielt 1967 den Jahrespreis des Architektenverbandes in Bulgarien. Ihr vielseitiges Talent äußerte sich auch im Bereich der Malerei und insbesondere im Porträt. Ihren erfolgreichen Start setzte Mila Miltschew in Deutschland fort, wo sie seit 1969 lebte. Dort zeigte sie 1971 ihre erste selbständige Ausstellung, 1974 gewann sie die internationale Ausschreibung des städtischen Baureferats in München für die monumentale künstlerische Gestaltung einer neuerrichteten Schule. Die frisch zugereiste Imigrantin überwand die Konkurrenz Dutzender deutscher und ausländischer etablierter Künstler, ihre zahlreichen Wandmelareien, figuralen und ornamentalen Kompositionen, perfekt ausgeführt im Einklang mit der Architektur, erstrahlten in Farbe und Form. Die Auftraggeber und die Öffentlichkeit waren in ihrer Einschätzung einmütig: Diese Schule ist eine Sehenswürdigkeit. Wegen ihrer Ästhetik wurde diese Schule 25 Jahre später zum schönsten Ort der Grundschulausbildung in ganz Bayern erklärt. 1981, wieder nach einem Wettbewerb, erschuf die Künstlerin eine 16 Meter lange und 3 Meter hohe Wandmalerei im neuentstandenen modernen Krankenhaus Bogenhausen. Sie malte Sonne! - titelten begeistert die Zeitungen. Das war eine „goldene Zeit“, als die Stadt bedeutende Mittel in öffentliche künstlerische Projekte investierte. Unterdessen erhielt Mila Miltschew eine Dozentur für Ölmalerei, Zeichnen und Porträt an der Münchener Volkshochschule und so begann eine 35-jährige außerordentlich fruchbare pädagogische Tätigkeit. In dieser Zeit hat sie kein einziges Mal vom Unterricht gefehlt. Für ihre Hingabe und die excellenten Leistungen erhielt sie 2012 die Goldene Nadel, eine Ehrenauszeichnung für verdiente Pädagogen in Bayern.
 
EIN FENSTER ZU DEN SEELEN ist eine Ausstellung (diese wird ab dem 7. Dezember 2017 in der Kunstgalerie „Vladimir Dimitrov - Maistora“ in Kjustendil zu sehen sein), wo einerseits Porträts, die weit über die Vorstellung der klassischen Musterbeispiele hinausgehen, andererseits aber Illustrationen zum THE OWL BOOK (ein Kinderbuch) gezeigt werden. Dieses Kinderbuch ist ein Ergebnis der langjährigen Freundschaft und schöpferischen Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin und dem weltbekannten Slawisten und Bulgaristen in Harvard Prof. Dr. Thomas Butler (1929-2014). Zu den kurzen poetischen Texten in Englisch malte die Künstlerin die Porträts der Tiere, der Hauptfiguren in diesem Kinderbuch. Sie sind wie ein Fenster zur Kinderseele. Wer malt denn heute Illustrationen mit Ölfarben? Diese Bilder wurden von den Wandmalereien in der oben erwähnten modernen Schule in München inspiriert. THE OWL BOOK, erschienen beim Verlag Bessmartni missli (Unsterbliche Gedanken), Sofia, 2000, hat als Meisterbeispiel für excellente Illustration und polygrafische Gestaltung einen Platz in der weltweit größten Bibliothek für Kinder- und Jugendliteratur im Schloß Blutenburg bei München gefunden.
 
Schon als Kind beeindruckte die künftige Künstlerin Mila Milschew Verwandte und Bekannte der Familie mit ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit sich selbst zu porträtieren. Später in der Kunstakademie in Sofia und danach in ihrer zweiten Heimat Deutschland entwickelte sich ihre Begabung weiter und die Künstlerin wurde zur Meisterin des Porträts. Die Zeitschrift München Mosaik, Heft 1, 1997, schrieb über sie: Ihr Stil fasziniert, der Zuschauer begreift nicht gleich, dass unter dem anmutigen Gesicht viele Pinselschichten, eine feine, hochsensible Kunst, stecken, aber auch eine tiefgründige Erforschung des Charakters und des Gemütslebens ihres Modells. So bleibt das Gesicht für ewig auf der Leinwand, mit einem transzendentalem Alter – alterslos – irgendwie kosmisch motiviert und das Wesen des Porträtierten erfassend.
 
Die in Bulgarien geborene Malerin beeindruckte das ausländische Publikum auch mit ihrem an die Volkskunst ihrer Heimat angelehnten sicheren Gefühl für Farbkompositionen. In ihren Bildern verschmelzen der Hauch der Antike mit dem thrakischen, römischen und byzantinischen Erbe. Die Farbenharmonie ist ein wesentlicher Faktor in ihrem Schaffen. Sie suchte und fand neue Wege in der Porträtmalerei, die den Schwerpunkt ihrer Arbeit bildete. Sie war bestrebt, mit Mitteln unserer Zeit und aufgrund zeitgenössischen Denkens weit über die Vorstellung des klassischen Porträts hinauszugehen. Ein markanter Ausdruck ihres neuen Stils waren die Bilder, gezeigt auf den Ausstellungen Kunst-89 und Kunst-90 im Haus der Kunst in München: Das Mädchen mit den goldenen Augen und Mila mit der Messlatte. Ihr avantgardistischer Geist und die präzise Ausführung sogten für Furore, die Kritik bezeichnete sie als „monumentale Porträtmalerei“ (Maße 2.50 x 1.50 m) und „Porträtkompositionen“. Als ob die magischen Augen in diesen Porträts tief in die Seele des Betrachters einzudringen vermögen und ihn zur Lebensbilanz auffordern. Das andere Bild vermittelt den Eindruck, als wolle die Künstlerin mit der Messlatte sowohl sich selbst als auch die ganze Welt vermessen.
 
Bald wandte sich Mila der Mischtechnik zu, bei der sie in Anlehnung an die alten Meister Blattgold in ihre Arbeiten aufnahm. Es entstanden Ölbilder mit Blattgold sowie Blattgold auf Holz wie es bei der Ikonenmalerei üblich ist. Eine große Popularität brachte ihr die stilisierte Replik des berühmten Löwen von Stara Zagora, ebenfalls mit Blattgold gemalt, die später für den Buchdeckel der bilingualen MONUMENTA BULGARICA - Anthologie altbulgarischer Texte 9.-19. Jh. verwendet wurde. Auf ihre Bitte hin wurde diese Anthologie von ihrem alten Freund Prof. Dr. Thomas Butler verfaßt. Die Texte in diesem 1996 erschienenen Buch, von denen manche zum ersten Mal in Englisch veröffentlicht wurden, werden von Bulgaristen in der ganzen Welt verwendet. Der Autor und sein Werk erhielten zahlreiche bulgarische und internationale Auszeichnungen, darunter die Ehrenmedaille Marin Drinov der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Und immer wieder wurde auf die außerordentlich gelungene Gestaltung des Buches durch Milas Hand hingewiesen. Ihren Namen finden wir in verschiedenen deutschen Ausgaben des Personenlexikons Who is who?, das die bekanntesten Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur in Deutschland vorstellt.
 
Über ihr Schaffen meinte Mila Miltschew: Meine Kunst führt mich in die Welt der Schönheit und Harmonie, wo das Gute dominiert. Die stilisierte Linie und die leuchtenden Farben prägen meine Werke, in denen ich all dies den Menschen weitergebe. Das ist meine Botschaft an die Liebe.
 
Mehr als 40 Jahre lang lebte Mila Miltschew unter dem Kupfergewölbe eines hundertjährigen Jugendstil-Hauses im berühmten Münchener Stadtteil Schwabing, einem Ort der Kunst und der lokalen kunstschaffenden Boheme. Ihr Haus war zugleich ihr Atelier und ein kleines Museum für bulgarische Volkskunst, das sie stets mit der heimatlichen Farbenpracht umgab. Sie wurde oft von vielen ihrer Studenten besucht, die im Laufe der Jahre zu ihren engsten Freunden geworden waren. Dort erlosch auch ihr Leben, das sie der Kunst und der Liebe zu den Menschen gewidmet hatte – ihr Credo bis zum letzten Atemzug. Geblieben sind ihre Werke – ausdrucksstark, neuartig, unvergänglich …
 
Christina Miltscheva
Assen Miltschev
 
Übersetzung ins Deutsche:
Maja Stefanova