Ausstellung Natura Naturans. Die Natur der Kunst.

Alicja Kwade, Hemmungsloser Widerstand, 2018 © Alicja Kwade

Mi, 19.12.2018 -
So, 03.02.2019

Structura Gallery

Kuzman Shapkarev Str. 9
Sofia

Zeitgenössische deutsche Künstler

Structura Gallery und Goethe-Institut Bulgarien präsentieren:

natura naturans/Die Natur der Kunst

Norbert Bisky, Michael Sailstorfer, Alicja Kwade, Annette Kelm, Florian Meisenberg, Olaf Nicolai und Jorinde Voigt

Kuratorin: Maria Vassileva


19. Dezember 2018 – 2. Februar 2019
Eröffnung: 19. Dezember, 18:30 Uhr


Mit der Ausstellung wird eine der Linien in der Programmgestaltung der Structura Gallery fortgesetzt, nämlich erfolgreiche Beispiele zeitgenössischer Künstler auszustellen. Die Künstler_innen in der Ausstellung weisen bemerkenswerte Biografien auf, sie sind sowohl in den großen internationalen Foren (den Biennalen Venedig, Lyon, Sharjah, Riga-, der Documenta in Kassel usw.) als auch im Kunstmarkt präsent. Dieses Zusammentreffen ist uns wichtig, um Erfahrungen in konzeptionellen und ästhetischen Fragen zu sammeln und gemeinsam Mechanismen und Funktionen in der Kunstwelt zu erkunden.

Die Konstruktion der Ausstellung entwickelt sich aus dem Thema Natur, das in der deutschen Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Bildenden Kunst einen besonderen Stellenwert hat. Die Natur wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verschiedenen Interpretationen unterzogen, so steht sie auch schon im Mittelpunkt der wissenschaftlichen und poetischen Bemühungen Johann Wolfgang Goethes. Ihm zufolge reicht eine mechanistische Forschung nicht aus, auch Denken, Fühlen, Intuition, Vorstellungskraft und Inspiration müssen einbezogen werden. Nur im Zusammenspiel aller Elemente und Fähigkeiten entsteht eine Bedeutung. Wissen kann auch mittels Assoziationen gewonnen werden. Beobachtung ist sehr wohl der erste natürliche Schritt, aber da die Sinne nur die äußere Form zu erfassen vermögen, verlangt das Studium des Objekts laut Goethe „anschauende Urteilskraft“,  Einfühlungsvermögen, Intuition als eine Methode, die mit den „Augen des Geistes“ forscht. Rudolf Steiner, Goethes Schüler und Herausgeber seiner Schriften, bezieht sich ausdrücklich auf Goethes Methodik, was in der Folge zu einem lebhaften Austausch über die Natur in Wissenschaft und Kunst, damit auch bei Performance und Bildender Kunst führte. Das erlaubt schließlich auch den Letztgenannten, über die äußere Form der Dinge (natura naturata) hinauszugehen und deren inneren Natur (natura naturans) zu erkunden.

In einem Interview sagte Alicja Kwade:  „Ich versuche herauszufinden, was die Struktur der Realität sein könnte. Wir alle leben auf einem Ball, der herumfliegt. Das ist verrückt. Wenn man sich das vorstellt, scheint alles möglich zu sein. Wir können es trotzdem nicht verstehen. Wir sind einfache Tiere, unser Gehirn ist zu klein. Wir versuchen, die Konstellation, in der wir uns alle befinden, zu verstehen, sie ist einfach unglaublich“. Sie arbeitet mit verschiedenen Materialien, schafft Situationen und Illusionen, so dass wir an unserer Wahrnehmung und unserem Wissen über Form, Größe, Entfernung, Zeit und Schwerkraft zu zweifeln beginnen.

Annette Kelm stammt aus der Düsseldorfer Schule der künstlerischen Fotografie, die von Berndt und Hilla Becker, Candida Höfer und Thomas Ruff begründet wurde. Sie fotografiert Alltagsgegenstände, positioniert sie in einer ungewöhnlichen Umgebung und überprüft so die Konventionalität, Einfachheit und Nicht-Attraktivität der Objekte. Nicht zufällig arbeitet sie gerade in den traditionellen Genres Landschaft, Stillleben und Porträt. Ihre Bilder zeichnet eine eindeutige Klarheit aus, die deren Loslösung von dem gewohnten Kontext unterstreicht und neue Bedeutungszuweisungen ermöglicht.

Jorinde Voigt verwandelt zeichnend Naturformen in psychologische Phänomene. Ihre Arbeit unterliegt strengen Regeln, manchmal ähnelt sie geradezu einem Algorithmus, dabei erklärt die Künstlerin, dass sie einen Großteil ihrer Entscheidungen spontan, erst im Laufe des kreativen Prozesses trifft. Sie begann ihre Karriere als Fotografin, fuhr jedoch mit Malerei fort, weil sie ihr mehr Freiheit bot, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihre äußerst akribischen Zeichnungen ähneln oft Diagrammen, sind jedoch unmerklich mit unserer natürlichen Umgebung verbunden, sie wollen sie entwirren, indem sie zum Kern ihrer Konstruktion durchdringen.

Michael Sailstorfer arbeitet mit Skulpturen, Installationen, Fotografien, Videos, Gemälde, Performances. Er ist vor allem für seine riesigen fahrenden Konstruktionen bekannt, die unerwartet und unberechenbar wirken. Diese Maschinen gehen treten dabei zusammen mit verschiedenen natürlichen Elementen in oftmals seltsamen Gegensätzen auf. In „Antiherbst“ sammelt er Herbstlaub, färbt es ein und bringt es an seinen Platz zurück und simuliert so das frühe Erwachen des Frühlings. In dieser absurden, zugleich poetischen Arbeit betrachtet der Künstler unsere Beziehung zur Natur aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Norbert Bisky ist Maler und einer der interessantesten Vertreter seiner Generation. Thematisch drehen sich seine Arbeiten um Sexualität, Katastrophenszenarien und Zerstörung. Fragmente menschlicher Körper und figurativer Elemente sind in abstrakten Räumen und Formen verstreut, während weiche Pastelltöne mit lebendigen und grellen Farben kollidieren. Dabei wirken seine Aquarelle verspielt, leicht und transparent. Oft werden Gruppen nackter männlicher Figuren vor abstrakte Formen gestellt, die Assoziationen mit Stränden und Küsten erwecken und ein heroisches Idyll zu erschaffen scheinen. Die Art, wie er Landschaften und Figuren handhabt, stellt ihn in den Rahmen der europäischen Tradition. Die Geschichten vereinen Zitate aus der Kunstgeschichte, der christlichen Ikonographie, der homosexuellen Kultur und der Pornografie in einem apokalyptischen und zugleich natürlichen Ausbruch.

In seinen Arbeiten spielt Florian Maisenberg mit der Künstlichkeit von heute, indem er analog und digital kombiniert und moderne Ikonen mit vielfältigen kulturellen, religiösen und historischen Bezügen verbindet. In dem hier gezeigten Video verwendet er für seinen Titel ein Zitat aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“. Dadurch wird das starke visuelle Bild mit einer weiteren Symbolik aufgeladen.

Olaf Nicolai zählt zu den bekanntesten deutschen Konzeptkünstlern. Immer wieder erforscht er die Beziehung zwischen dem Bild und der Idee und bringt uns dazu, unsere eigenen Sichtweisen zu verändern. Er arbeitet mit Fotografie, Skulptur, Design, Installation und Performance, um stets einen kritischen Dialog mit der modernen industrialisierten Welt zu provozieren und kulturelle, soziale und wirtschaftliche Bezüge zu schaffen. Seine Reihe „Rainbows...“ (2017) portraitiert eine Interaktion zwischen Text und Bild und zeigt, wie Text die Wahrnehmung eines Bildes und die traditionellen Vorstellungen von Objekten verändert.

Die Ausstellung bietet verschiedene Blickweisen auf die Welt um uns herum und will dabei das Verständnis für die Bedeutungsmacht zeitgenössischer Kunst wecken. Denn, wie Goethe sagt: „Es werden Meisterwerke vom Menschen nach denselben wahren und natürlichen Gesetzen hergestellt wie die Meisterwerke der Natur“ (Goethe 1961-3, 11: 435-6).

 
Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative des Structura Gallery und des Goethe-Instituts Bulgarien und wird vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), der Galerie König und der Galerie Wentrup unterstützt.

 

Zurück