Ausstellung Licht, Luft und Sonne in der Peripherie

Периферна светлина, въздух и слънце © Даниел Кьотер и Красимир Терзиев

Fr, 24.02.2017 -
Sa, 11.03.2017

Goethe-Institut Sofia

Budapesta Str. 1
1000 Sofia

Ausstellung von Krassimir Terziev & Daniel Kötter

Eröffnung: 24. Februar, Freitag, 18:30 Uhr in Anwesenheit der Künstler


Die Zusammenarbeit der beiden Künstler begann 2016, als Krassimir Terziev für einen Monat zu einem Forschungsaufenthalt in Berlin und Daniel Kötter dann für einen Monat in Sofia war. Die beiden teilen dasselbe Interesse an städtischen Vororten, wie das Leben dort strukturiert ist und wie die Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie aussieht. Als Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit wählten sie dIe Orte Ljulin (Sofia) und Gropiusstadt (Berlin).

Das Goethe-Institut war von Anfang an ein wichtiger Partner für das Projekt und freut sich nun, die Ausstellung „Licht, Luft und Sonne der städtischen Peripherie“ zu präsentieren. Die Ausstellung zeigt eine 4-kanälige Videoinstallation, in der Szenen aus Ljulin und Gropiusstadt gegenübergestellt werden. Die Ausstellung umfasst auch eine Publikation von 70 Fotografien, Texten und Karten. Die Ausstellung wird am 24. Februar um 18:30 Uhr in Anwesenheit der beiden Künstler eröffnet. Sie kann bis zum 11. März besucht werden.

Am Tag nach der Eröffnung, am 25. Februar um 16:00, findet am Goethe-Institut ein Treffen mit den Künstlern statt. Weiterhin wird es ein Gespräch mit den Künstlern, Herrn Enzio Wetzel, dem Institutsleiter des Goethe-instituts, Frau Iara Boubnova, der Direktorin des Instituts für zeitgenössische Kunst Sofia, und dem Architekten Ljubo Georgiev geben. Das Thema des Gesprächs sind die städtischen Peripherien und deren Leben am Beispiel von Ljulin, Gropiusstadt und anderen Vororten in Deutschland und Bulgarien.

„Licht, Luft und Sonne in der Peripherie“ ist die zweite Ausstellung, in der die beiden Künstler die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit zeigen. Die erste gemeinsame Ausstellung „Geist, die Treppe herabsteigend“, die am 13. Januar eröffnet wurde, kann bis zum 25. Februar am Institut für zeitgenössische Kunst Sofia besucht werden.

 
Ausstellungstext:

In den meisten europäischen Städten leben heute mehr Menschen in der Peripherie als in der Innenstadt. Die Verhältnisse am Stadtrand stoßen jedoch noch immer auf deutlich weniger öffentliches Interesse als die ikonographischen Orte im Zentrum einer Stadt, die ihren Platz im weltweiten Städteranking bestimmen.

Trotz dieses Mangels an Aufmerksamkeit ist gerade die städtische Peripherie die treibende Kraft für urbanes Wachstum in den zeitgenössischen Metropolen. Diese Kraft wird getragen von einer doppelten und komplementären Bewegung aus der Stadt heraus und in die Stadt hinein. Peripherie ist dort, wo Menschen aus den ländlichen Regionen sich niederlassen, um ein neues Stadtleben zu beginnen. Gleichzeitig ist Peripherie der Ort, an dem die Städter Zuflucht vor der Dichte und den Verschmutzungen der Innenstadt suchen.

Es sind die Grenzräume, die Innen von Außen trennen, in das, was dazu gehört und was ausgeschlossen bleibt. Das Verhältnis der Räume beiderseits der Grenze ist nicht symmetrisch, denn die Stadt produziert Dinge, die sie aus ihrem Inneren auslagern muss, um die Funktionalität des gemeinsamen Miteinanders gewährleisten zu können: Abfälle, Leichen, Verbrecher und sozial ausgegrenzte Menschen. Der Raum jenseits der Grenze ist zur Lagerung, Ansiedlung und Beseitigung von all dem bestimmt, was sozial peripher ist. Andererseits stellt die Peripherie das imaginäre „Andere“ der Stadt dar, entsprechend dem Bedürfnis nach Freizeit und Erholung in einer kulturalisierten Form von „Natur“.

Einer der paradigmatischen Räume der Peripherie, den man heutzutage in zahlreichen Städten Europas vorfindet, ist eine unmittelbare Folge des modernistischen Projekts von „Licht, Luft und Sonne“: der Plattenbau, anfangs als kostengünstige Wohnlösung für die Nachkriegsgeneration konzipiert.
Das Projekt Peripheral light air and sun vergleicht zwei soziale Großwohnsiedlungen der 1970-er Jahre – Gropiusstadt in Berlin und Ljulin in Sofia – und kartiert die verschiedenen räumlichen Schichten und Ablagerungen zwischen Zu- und Abwanderung. Vier verschiedene Kamerabewegungen sezieren dabei die Bewegung von innen nach außen und von außen nach innen. Die vier resultierenden Filme folgen dabei dem Prinzip der schnittlosen Sequenz und vermitteln so die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Realitäten, die sich parallel in dem peripheren Raum ohne fixierte Definition entwickeln.
 

Gropiusstadt, Berlin

Jagdrevier, Mülldeponie, geplanter Friedhof, Gefängnis, Grenze zwischen gegensätzlichen politischen Systemen und schließlich eine Wohnsiedlung für bedürftige und sozial schwache Familien. Das Areal wurde erst nach dem Krieg urbanisiert, als Teil des nach außen abgeschlossenen Territoriums West-Berlins, in dem jeder Zentimeter Land eine wertvolle Perspektive darstellte, um die alternde städtische Infrastruktur zu erweitern durch den Bau von neuem Wohnraum innerhalb des von den neuerrichteten Grenzen umschlossenen Binnenlands: Die Konturen des im Süden der Stadt liegenden Stadtteils wurden von der 1961 errichteten Berliner Mauer bestimmt.

Die Anlage des Areals, benannt nach Walter Gropius, dem Planer der im Zeitraum 1962-1969 errichteten Wohnsiedlung, verfolgt dabei die modernistischen Ideen für “Licht, Luft und Sonne“, die von Le Corbusier, einem weiteren zentralen Architekten des Modernismus, aufgestellt wurden.


Der Turm

In der Geschichte des Areals als städtische Peripherie wurden Menschen stets horizontal verteilt; erst der Urbanisierungsprozess forderte die vertikale Ver-dichtung. Das einzige von Walter Gropius persönlich entworfene Bauwerk in Gropiusstadt ist das 31 Stockwerke hohe Ideal-Hochhaus – bis in die 1990er Jahre das höchste Wohnhaus in Deutschland. Der Ausblick von einem Turm bietet die Möglichkeit zur panoptischen Beobachtung des Umfelds. Von außen betrachtet, vermittelt der Turm dagegen den Eindruck der Repräsentation von Macht. Durch die unmittelbare Nähe zur Berliner Mauer verkörperte das Ideal-Hochhaus ein visuelles Regime, welches diese zwei Perspektiven auf zwei fundamental verschiedene politische Systeme aufteilt. So sehr der Aus- und Überblick vom Turm eine reiche visuelle Erfahrung bereitstellt, so wenig vermittelt er ein Gefühl für die sozialen Verhältnisse, die der Turm beherbergt. Jeder Versuch einer Kontaktaufnahme mit der Außenwelt erfordert das zeitraubende Heruntersteigen einer endlosen Zahl von Stufen.


Die Mülldeponie Großziethen

Die Mülldeponie stellt einen weiteren paradigmatischen Raum der Peripherie dar: sie verdaut und entsorgt, was die Stadt bereits ausgeschieden hat. In den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde sie zur symbolischen Bühne eines besonderen Abkommens zwischen der BRD und der DDR: Da West-Berlin nicht über genügend Raum verfügte, zahlte es für die Nutzung dieser Stelle als Deponie für Hausmüll. Die Müllwagen durften die Berliner Mauer an einer gesonderten Kontrollstelle passieren und erreichten die Mülldeponie durch einen streng bewachten Sonderkorridor. Nach dem Mauerfall breitete sich die wiedervereinte Stadt gen Süden aus und es entstanden neue Siedlungen mit Einfamilienhäusern, für die die nahliegende Mülldeponie ein Gesundheitsrisiko darstellte. Deshalb begann 1995 das Unternehmen Hafemeister eine Art Sarkophag zu bauen, um die Verschmutzung und die giftigen Gase zu neutralisieren. Auch hier schluckt die Peripherie, was die Stadt im Prozess ihrer Erneuerung ausscheiden musste: Der Sarkophag wird aus Bauschutt und Abrissarbeiten von den Baustellen Berlins aufgeschüttet. Bis 2020 wird die ehemalige Mülldeponie sich in einen grünen Hügel in Form einer Pyramide verwandelt haben – ein Monument der artifiziellen Natur.


Ljulin, Sofia

Ljulin, von den Einwohnern umgangssprachlich „Beton-Dschungel“ genannt, ist die größte Wohnsiedlung in Sofia. Der städtebauliche Masterplan der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte einen zentralen Bereich für öffentliche Dienstleistungen, Sportanlagen und kulturelle Einrichtungen vorgesehen – nichts davon wurde errichtet. Somit blieb das Herz des Areals bis 1989 unbebaut. Im Osten grenzt das Gebiet an den Westpark, der durch einen kleinen Bach als natürliche Grenze von ihm isoliert bleibt. Während sich der Park auf der einen Uferseite in einen urwüchsigen Wald verwandelt, wurden auf der anderen Uferseite auf dem Streifen Brachland zwischen kleinen Industrie-einrichtungen kleine Hütten errichtet; auch Schafhirten nutzen das Land als Weide für ihre Herden. Die kürzlich sanierte Ringstraße trennt die Stadt im Süden nicht nur vom umliegenden Land, sondern auch von Filipovzi – einer ehemaligen Siedlung, vorwiegend von Roma bewohnt.


Kiosk

Nachdem 1990 der Freiraum im Inneren von Ljulin zur Bebauung freigegeben wurde, schloß sich die Lücke schnell durch neue Bauvorhaben, die ohne einen vereinheitlichenden Masterplan entstanden und in starkem Kontrast zur rigiden aber bereits maroden Struktur der Häuserblocks in der Umgebung stehen. Rosalin Park ist dabei das einzige Bauwerk jenseits der Straße, die Ljulin vom angrenzenden Westpark und dem danebenliegenden Brachland als endgültige Stadtgrenze trennt. In dieser exponierten, extra-urbanen Lage wäre die Aussicht über das Flusstal und bis zum Vitoscha-Gebirge frei, wäre sie nicht teilweise durch den verlassenen Rohbau eines zweiten Wohnhausflügels verdeckt. Die Asphaltstraße endet in einer Sackgasse. Genau an der Grenze zwischen der bebauten Fläche und dem Brachland steht ein einsamer Kiosk, als informelles und temporäres Bauwerk, das Produkt eines wirtschaftlichen Vakuums der postsozialistischen Ära und letztes Zeugnis einer informellen Wirtschaft, die heute längst von der formellen Wirtschaft und den großen Einkaufszentren verdrängt wurde.


Der Karren

Eine Vielzahl von Pferde-Karren machen sich jeden Morgen auf den Weg von der Roma-Siedlung Filipovzi auf der anderen Seite der Ringstraße in Richtung Ljulin, um aus den Mülltonnen auf den dortigen Straßen alles, was irgendwie verwendbar ist, zu holen. Eine der Vorgaben des neubeigetretenen EU-Mitglieds Bulgarien für die ökologische Verantwortung war die Übernahme des Modells der Mülltrennung. Trotz der hohen Zahl der Unternehmen, die sich mit dieser Dienstleistung beschäftigen, verläuft das getrennte Sammeln von Abfall nicht reibungslos. Man sagt, dass der Inhalt der verschieden-farbigen Müllcontainer letztendlich an ein und demselben Ort landet. Allein die Pferde-Karren, die mit der ständigen Androhung des Verbots konfrontiert sind, scheinen imstande, das ökologische Abfallmanagement richtig anzuwenden. Ihre tagtägliche Bewegung zwischen dem Städtischen und Nichtstädtischen kartiert das periphere Gelände der Stadt und zeichnet so eine spezifische Dynamik von Transport und Arbeit im Verhältnis zu den Straßen, dem Verkehr, den Menschen.


Daniel Kötter und Krassimir Terziev

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