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Brasilianischer Modernismus und Bauhaus
„Die Ideen des Bauhauses gab es auch anderswo”

© Juan Camilo Roa 2018

Die Architektin und Städtebauerin Sônia Marques über mögliche Einflüsse des Bauhauses auf brasilianische Architektur, ausgehend von Werken des Architekten Luiz Nunes im Recife der 1930er Jahre.

Frau Marques, ist es eigentlich möglich, einen direkten Einfluss des Bauhauses auf die lateinamerikanische Architektur auszumachen?

Der Begriff Einfluss wird im Bereich der Architektur meist verwendet, um auf visuelle Ähnlichkeiten hinzuweisen. Direkte Einflüsse einer Schule oder Bewegung auf eine andere zu behaupten, ist immer gefährlich. Doch natürlich lassen sich Einflüsse bisweilen nachweisen, durch historische Tatsachen, wie etwa Biografien, die nahelegen, dass Einzelne etwa an der einen oder anderen Erfahrung beteiligt waren. Auf das Bauhaus und die Brasilianer trifft das nicht zu. Doch man sollte berücksichtigen, dass das Bauhaus zwar einzigartig und außergewöhnlich war, aber doch Teil einer breiten Bewegung der Erneuerung ästhetischer Muster. Es gab die Ideen des Bauhauses also auch anderswo.

Ideen und Kanons verbreiten sich in der Architektur auf sehr unterschiedliche Weise: ein Bild, eine Publikation, Begegnungen, Reisen. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Überall auf der Welt finden sich Einflüsse Brasílias in Werken von Architekten, die dort nie waren. So gesehen glaube ich nicht, dass man der lateinamerikanischen Architektur einen direkten Einfluss von Bewegungen und Personen, die am Bauhaus beteiligt waren, zuschreiben kann. Ubiquitäre, diffuse Bezüge gibt es allerdings schon. Die zeigen sich in der Übernahme von Kanons der bildenden Kunst, diverser „-ismen“ und im experimentellen Bauen. Im Fall der modernen brasilianischen Architektur basiert dieses Experimentelle auf der Formbarkeit von Beton, dem modernen Baustoff, der uns zur Verfügung stand. Experimente mit anderen Materialien wie Metall oder behandeltes Formholz gab es in der brasilianischen Architektursprache bis dahin nicht, aufgrund unserer extensiven Nutzung von Arbeitskraft und dem geringen Industrialisierungsgrad des Bauens.

Ob direkt vom Bauhaus beeinflusst oder nicht, stechen brasilianische modernistische Bauten im internationalen Vergleich hervor durch Verwegenheit und unglaublichen Mut zur Avantgarde. Vier absolute Pionierbauten würde ich besonders hervorheben: den früheren Pavillon der Gerichtsmedizin „Pavilhão de Óbitos“ in Recife von Luiz Nunes, die Pampulha-Kirche von Oscar Niemeyer sowie den Wasserturm von Olinda und die Escola Alberto Torres in Recife, beide ebenfalls von Nunes.

Lassen sich die Bauten von Luiz Nunes, insbesondere in Recife, dem Bauhaus irgendwie zuordnen? Welche Bedeutung hat seine Architektur für die Stadt?

Nunes bleibt unter vielen Gesichtspunkten rätselhaft. Seine Entwürfe und Bauten zeugen vom Avantgardismus des damaligen professionellen Milieus in Recife. Die Bedeutung seiner Bauwerke ist enorm und geht weit über Recife hinaus. Als ich seinerzeit die brasilianische DOCOMOMO (Vereinigung für die Dokumentation und den Erhalt von Bauwerken und städtebaulichen Ensembles im Stil der Moderne) leitete, organisierten wir eine Veranstaltung mit Agnes Caillau, der damaligen Präsidentin des französischen DOCOMOMO. Als sie den Pavillon der Gerichtsmedizin von Luiz Nunes besuchte, staunte sie: Der Bau ist von 1937 und hatte schon alles! Als er geplant wurde, war Le Corbusiers Villa Savoye noch keine zehn Jahre alt, kein nennenswerter Zeitraum für die Verbreitung von Architektur, und hatte in Frankreich selbst weniger Widerhall gefunden.

Wie verhält sich die öffentliche Hand in Brasilien zum Erhalt dieser Bauten?

Die Denkmalschutzbehörde IPHAN (Institut für das nationale historische und künstlerische Erbe) hat sich schon früh für den Erhalt modernistischer Werke eingesetzt, doch die Mittel für Denkmalschutz sind begrenzt. Als wir 2015 die erste Veranstaltung des brasilianischen DOCOMOMO durchführten, eröffneten wir mit einem runden Tisch mit Journalisten. Vor allem mit einem schockierenden Video von Júlio Cavani, dessen Artikel über ein in der Stadt übrig gebliebenes wunderbares modernistisches Wohnhaus dazu geführt hatte, dass dieses auf Betreiben des Eigentümers abgerissen wurde, der fürchtete, es würde sonst unter Denkmalschutz gestellt. Die Architekten selbst sind oft diejenigen, die aus Gier nach neuen Projekten, Bauten des Modernismus oder der ersten, noch eklektizistischen Moderne, herabwürdigen beziehungsweise in der Denkmalwürdigkeit „herabstufen“, um im Jargon zu bleiben. So ist es etwa beim Edifício Caiçara in Boa Viagem geschehen.

Kann man in den ebenfalls von Nunes stammenden Bauten des Militärhospitals (Hospital da Brigada Militar) und der Milchbearbeitungsanstalt (Usina Higienizadora de Leite) von 1934 und 1935, mit Flachdach und ornamentlosen glatten Flächen, Bezüge zum Bauhaus erkennen?

Flachdächer, glatte, ornamentlose Flächen, wird man an vielen Orten bereits vor Bauhaus und lange nach Bauhaus finden. Am Robie House, gebaut von 1906 bis 1909, des nordamerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright etwa sind die Flachdächer der Terrassen bereits beeindruckend, sowohl wegen ihrer Technik als auch in ihrer Eigenschaft als gestalterisches Element. Zum Beispiel schrieb Adolf Loos bereits 1908 Ornament und Verbrechen, eine Theorie über das Verhältnis von Architektur und Dekoration, baulichen und gestalterischen Mitteln. Loos stellte zur selben Zeit auch die Raumplantheorie auf, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Flachdach beschäftigt. Le Corbusier schuf seine Theorie vom freien Grundriss 1926.

Ich sage das nicht, um die Bedeutung des Bauhauses zu schmälern, sondern eher als Würdigung einer Bewegung, der es gelang, die Ideen, die in der Luft lagen, in einem bestimmten Moment zu kanalisieren. Es war übrigens Walter Gropius, der sich als erster gegen die Idee eines „Bauhausstils“ wehrte, der kopierbar und imitierbar wäre und Einfluss ausüben würde. Es ist ein zu einfacher Begriff, der zu substanzlosen Büchern führt, die meiner Meinung nach von kompletter Unkenntnis zeugen darüber, was ein architektonischer Entwurf ist. Allerdings lässt sich, was die Arbeitsorganisation angeht, eine Nähe des Bauhauses zur D.A.U (Direktion für Architektur und Städtebau) feststellen, wo Nunes tätig war. In ihren Teams waren Baumeister und Arbeiter, die unmittelbar Einfluss auf die Entwürfe nahmen, also empirische Erfahrung mit der eher akademischen Kenntnis der Architekten und Ingenieure verbanden.

Könnten Sie das etwas näher erläutern?

Ich kenne kein Dokument, das beweisen würde, dass die Arbeitsweise der D.A.U auf Nunes zurückgehen würde. Meiner Meinung nach lag diese vielmehr in der Zuständigkeit der Ingenieure. Zweifellos kann man jedoch gleichzeitig verallgemeinernd sagen, dass der Erfahrung der D.A.U. einschließlich der Herstellung der berühmten luftdurchlässigen, vorgefertigten Betonelemente „Cobogó“ die Rationalisierung durch Ingenieure zugrunde lag. Deren Experimentierfreude entspricht der des Bauhauses in seiner ersten, nicht der zweiten, Phase. Im Anschluss experimentierten viele brasilianische Architekten meist aus politischer Motivation mit der Rationalisierung von Baustellen und vorgefertigten Elementen, wie etwa die Gruppe Arquitetura Nova.

Kann man also im heutigen Recife noch das Erbe der Arbeit von Luiz Nunes und seiner Vorstellungen von der Stadt erkennen?

Für mich weist nichts darauf hin, dass Luiz Nunes die Stadt im Sinne einer sich entwickelnden Gesamtheit „gedacht“ hätte, nicht zuletzt, weil auch der Architekt Lúcio Costa dies meiner Meinung nach nicht tat, was in der Rückschau auf seinen Entwurf für Brasília deutlich wird, in dem der Bezug zum Boulevard des 19. Jahrhunderts und Haussmanns Paris klar erkennbar ist. 1937 war Urbanistik noch Sache der Ingenieure, und städtebauliche Überlegungen gingen eher in Richtung Verschönerung, Wasserversorgung und Kanalisation, Infrastruktur und Verkehrswegenetz. Daher glaube ich nicht, dass es dieses Erbe gibt. Es wird oft postuliert, bis hin zur Erfindung einer angeblichen „Schule“ von Recife. Manche mögen sich als Anhänger dieser Linie bezeichnen, aber für mich ist es eine Konstruktion der Historiker.
 

Sônia Marques lehrte nach ihrer Promotion an der École des Hautes Études en Sciences Sociales an verschiedenen Universitäten in Brasilien und im Ausland. Sie war 1979-1980 Präsidentin des Instituto de Arquitetos de Pernambuco und von 1994 bis 1996 technische Regionalleiterin der nationalen Denkmalschutzbehörde. 2004 war sie Mitglied des Internationalen Bildungskomitees des DOCOMOMO und 2014-2015 Generalkoordinatorin des DOCOMOMO Brasilien. Derzeit forscht sie über die Beziehung von bildender Kunst und Architektur der Gegenwart.

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