Chronik Altavoz
Mily Ponce (Mily Cuentera)

Altavoz Foto: © Gabriela Fajardo

Förderung der Geschlechtergleichheit durch Kunst und Kultur, Bolivien

„Man könnte auch denken, der erste Erzähler sei ein Reisender gewesen. Tatsächlich ist die Reise einer der zentralen Erzählstrukturen: jemand verlässt die Alltagswelt, begibt sich auf die andere Seite und erzählt, was er sieht, erzählt von den Unterschieden.“[1]

Von Buenos Aires, Argentinien nach La Paz, Bolivien zu reisen, ist immer ein Abenteuer. Die gewaltigen Anden erscheinen so nah, der Illimani hypnotisiert mich majestätisch; für die Indigenen Aymara, Mehrheit der Einwohner von La Paz ist der Illimani der Beschützer der Stadt. Die Viertel an den Hängen der Hügel auf- und absteigend entfalten eine Farbexplosion bis zu ihren Treppen und Vorhängen, die saubere Luft in 4095 Metern Höhe lassen mich schweben mit einem etwas schnelleren Herzschlag, die intensiven Aromen frischer Früchte und Gewürze umhüllen mich, und die Gespräche mit den freundlichen Menschen dieser Stadt, die stolz darauf sind, diesen Ort zu teilen, heißen mich willkommen.

Diese Begebenheiten und Details wahrzunehmen, um sie nach meiner Rückkehr erzählen zu können, ist Teil meines Berufs als mündlicher Erzählerin. Das Erzählen und Hören von Geschichten, der Austausch von Erzählungen, Fabeln, Legenden und Poesie verbindet mich mit einer uralten Übung, die wir seit den Anfängen unserer menschlichen Spezies machen, indem wir das Wort und damit unsere Kultur und Lebensweise weitergeben. Das Erzählen und Zuhören von Geschichten ermöglicht es mir, durch meine Vorstellungskraft in die reale Welt einzutreten; mich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu verbinden und ihnen näher zu kommen, um über Liebe, Respekt, Gleichheit und Vielfalt zu sprechen. Aus diesem Grund reiste ich nach Bolivien, um die dortige Förderung der Geschlechtergleichheit durch Kunst und Kultur kennen zu lernen.

Das Projekt Alta Voz „Förderung der Gleichstellung der Geschlechter in Bolivien durch Kultur und Kunst" hat mich ebenfalls willkommen geheißen und mir viel zu erzählen gegeben; dieses Projekt, das von der Delegation der Europäischen Union finanziert und vom EUNIC-Cluster verwaltet wird, zielt darauf ab, die Gleichstellung der Geschlechter als Menschenrecht und die Achtung der sexuellen Vielfalt zu fördern und darüber nachzudenken. Eine vorangegangene Kartierung kultureller, künstlerischer und sozialer Akteure, die die Gleichstellung der Geschlechter fördern und verteidigen, brachte fünfundvierzig Vertreter*innen aus den neun Hauptstädten Boliviens am 13. und 14. Februar zu einem "Nationalen Treffen" in der Stadt La Paz zusammen. Es waren zwei Tage intensiven Austauschs von Ideen, Erfahrungen, Wissen und Lehren, die durch Präsentationen, Arbeitsgruppen und die Planung regionaler künstlerischer und kultureller Initiativen gewonnen wurden. Als eingeladene internationale Expertin am Nationalen Treffen des Alta-Voz-Projekts zu arbeiten und zusammen mit Lillith Border, Managerin und Künstlerin aus der Stadt Medellín, Kolumbien, und Andrée-Anne Côté, kanadische Journalistin und Freizeitaktivistin, ein Referat zu halten, ermöglichte es mir, die Erfahrungen meines Berufs als Aktivistin für mündliche Erzählungen für die Gleichstellung der Geschlechter und das Recht auf Identität zu teilen und mich von Aktionen und Ideen zu nähren, die auf internationaler Ebene aus verschiedenen künstlerischen Disziplinen durchgeführt werden. In diesen Präsentationen hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, sich Instrumente des Kulturmanagements anzueignen, die ihnen die Planung und Durchführung ihrer Projekte in jedem ihrer Bereiche und Regionen erleichtern würden.

Einige der offenen Fragen, die während des Nationalen Treffens angesprochen wurden, bezogen sich auf die Notwendigkeit, soziale und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Mitgliedern der LGTBQ-Gemeinschaft + die Anerkennung und Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit menschenwürdiger Arbeit, die Möglichkeit, kommerzielle Geschäfte zu tätigen, das Recht zu heiraten und eine respektvolle Behandlung in den Medien und in der Gesellschaft im Allgemeinen zu  garantieren. In einem Land, in dem indigene Wurzeln, die von der andinen Weltanschauung genährt werden, mit der westlichen Evangelisierung koexistieren, werden kulturelle Ausdrucksformen in einem Gleichgewicht gehalten, das durch konservative Überzeugungen genährt und erhalten wird. Das Banner der sexuellen Vielfalt und Geschlechtergleichheit zu hissen, ist ein revolutionärer Akt. Dies durch künstlerische Projekte zu tun, ist ein kreativer, fester, schöner und liebevoller Ansatz. Die Künste sind ein solides Vehikel, um die Probleme der LGBTQ+-Bevölkerung durch Film, Theateraufführungen, Radioprogramme, Wandmalerei, poetische Aktionen und die Wiedergewinnung historischer Archive im Zusammenhang mit der Geburt und Entwicklung der LGBTQ+-Bewegung in Bolivien sichtbar zu machen.
 
Der nächste Schritt bei der Gestaltung regionaler künstlerischer und kultureller Aktionen, die in diesem Nationalen Treffen diskutiert wurden, wird neue Bewertungen und mehr Arbeit auf diesem Gebiet erfordern, um deren Planung und Durchführung zu artikulieren und zu spezifizieren.
 
Dieser Besuch war für mich eine Reise im Rahmen einer Reise. Es stärkte die Perspektive auf die Relevanz von Kunst als Vehikel für kulturelle Transformation, sozialen Wandel und Unterstützung der LGBTQ+ Gleichberechtigungsagenda. Es nahm mich mit auf eine regionale Reise durch ein multikulturelles und plurinationales Land, bereichert durch die Vereinigung von Nationen in einem Land, genährt durch die Geschichte, Traditionen und Bräuche, die ich mit nach Hause brachte, um sie zu erzählen, wie dieser "erste Geschichtenerzähler".
 
*Diese Chronik wurde von EUNIC in Auftrag gegeben und kann auch unter diesem Link gelesen werden: www.eunicglobal.eu.
 

[1] Piglia R. in Hirschman S, Gente y cuentos ¿A quién pertenece la literatura?, (2011) (dt. Menschen und Erzählungen, wem gehört die Literatur?) Fondo de Cultura Económica