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Lyrik
César Antezana / Flavia Lima

César Antezana / Flavia Lima
César Antezana / Flavia Lima | Foto: © Bea Jurado

Von César Antezana/Flavia Lima

César Antezana/Flavia Lima, geboren 1979 in La Paz, ist seit 2004 im trans/kulturellen Kulturraum ALMATROSTE aktiv, seit 2007 auch beim gleichnamigen Verlag sowie im Herausgeberteam des Fanzines “La zurda siniestra”, das zu den Organisator*innen der FLIA, der Messe für unabhängig und in Eigenregie verlegte Bücher in La Paz zählt.
Antezana/Lima hat den Erzählband “Zzz…” und die Gedichtsammlungen  “El Muestrario de las pequeñas muertes” (Almatroste), “Cuerpos imperfectos” (im Rahmen des zweiten Lyrikwettbewerbs Edmundo Camargo) und “Masochistics” (Nationaler Lyrikpreis Yolanda Bedregal 2017) veröffentlicht. Er/sie ist Doktorand*in der Literaturwissenschaft an der UMSA in La Paz, glaubt an die anarchistische Praxis und bekennt sich, nach eigenen Worten, zum QUEEREN Feminismus in seiner ganzen Monstrosität.
 
 

César, in deinen Gedichten erkundest du Stimmen von Frauen und hast dir sogar eine Art weibliches Alter ego erfunden. Wir kam es dazu und was war die Idee dahinter? Vielleicht kannst du dazu auch aus einem deiner Gedichte zitieren?
 
Diese Erkundung ist natürlich auch eine persönliche und geht aus tief sitzenden Impulsen hervor, die ich seit meiner Kindheit verspüre – verschleiert, in gewisser Weise unterdrückt. Mein Schreiben, mein Auftreten allgemein, das Alter ego, das du erwähnst (Flavia Lima), sind das Resultat meiner Auseinandersetzung mit diesen Impulsen. Zudem zweifellos das Resultat verschiedener Lebenskrisen, die mich durchliefen und ihren Widerhall in meiner künstlerisch-politischen Arbeit hinterlassen haben.
 
 
“desfalleces debajo de mi falda más bonita
 
te quedas atónito y no sabes de dónde te llega la somnolencia
 
en que habita mi familia
 
mi madre me arrullaba con este delantal en el que ahora
 
eyaculas impreciso
 
(…)
 
mi cuerpo ejercita una grafía apresurada y nerviosa
 
sobre tu cuerpo aún convulso
 
y algo se corporiza de súbito
 
algo que desconozco a pesar de contemplarte tanto
 
así desnudo
 
algo que envilece y se contiene y se degrada
 
algo que no puede televisarse
 
que no puede…
 
(…)”
 
 
Welche zeitgenössische bolivianische Lyrik interessiert dich, und warum? In welche Traditionen schreibst du dich selbst ein: in die weibliche Lyrik, in die männliche – oder schwebt dir ein Transgender-Schreiben vor, und wenn ja, wodurch würde es sich charakterisieren?
 
Sehr interessiert mich die Lyrik von Monica Velásquez und Humberto Quino, aber auch jüngere Poesie, José y Joan Villanueva, Jessica Freudenthal, Muriel Buenaventura, Anahí Maya Garvizu, Roberto Oropeza, Inti Villasante, Iris Killa und Edgar Soliz,, mit denen ich in sehr fruchtbarem Austausch stehe. Ich mag die Vorstellung vom Schreiben als kollektive Arbeit, als Zusammenkunft in der Intertextualität, im ständigen Austausch mit anderen Schreib- und Sprechweisen. Ich habe eine tiefe Abneigung gegen das individualistische Konzept des »Schöpfers« und dergleichen.
Dass ich für Trans stehe, ist ja klar. Zurzeit verlockt mich eine Lyrik, die im Werden ist, in unablässiger Bewegung, ohne Genre oder in einem Spiel mit den Genres, das zu deren Paroxysmus führt, zu ihrer vollständigen Verformung, sodass von all dem nur austauschbare Figürchen bleiben oder verwischte, bloß noch referentielle und fließende Begriffe, biegsam, durchlässig, offen für Erfindungen. Das gilt natürlich ebenso für das/mein Leben.
 
Du bist auch in der Queer-Bewegung aktiv und hast den »trans/kulturellen Raum Almatroste« gegründet. Kannst du uns ein wenig erklären, was diese Kreuzung zwischen Trans und Kultur für dich bedeutet und zu welchen Aktivitäten dir der Raum dient?
 
Das Almatroste gibt es in La Paz schon seit 15 Jahren, zugleich ist es ewig im Bau. Angefangen haben wir mit Theater, Folkloretanz und vertonter Lyrik, alles sehr bohémien. Als Anhänger*innen der Befreiungstheologie und Antikapitalist*innen übernahmen wir später auch einen libertären und feministischen Diskurs und haben uns in den letzten Jahren sehr dem Queer-Punk zugewandt. Diese Vitalität begeistert mich, und vielleicht ist sie der Grund, warum so viele Spielarten der Subkultur dieser Stadt hier, auf unserer Bühne, ihren Raum finden: Hip-Hop. Hardcore, Jazz, elektronische Musik, Noise, Metal, Cumbia etc. Außerdem treffen wir uns hier mit anderen Kollektiven, mit Kinoleuten, Gay-Aktivist*innen, Fanzine-Macher*innen, Veganer*innen und vielen anderen mehr.
Diese Aktivitäten finanzieren auch zum Teil die Publikationen unseres Kleinverlags Almatroste: Mit 15 veröffentlichten Büchern seit 2007 wollen wir die führende Adresse für neue Autor*innen und bildende Künstler*innen sein, die keinen Zugang zu großen Verlagen haben.
Wir glauben, dass das poetische Wort die Welt verändern kann. Wir glauben, das tut es auch bereits.

 

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