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Chile
Die schlaflose Armee

Foto: Pedro Hamdan

Die chilenische Autorin Nona Fernández denkt über die Ängste und Albträume nach, die während der Coronavirus-Ausgangssperre entstanden sind – sowie über die sozialen Proteste im Land.

Von Nona Fernández Silanes

Es ist erst sechs Uhr morgens und ich kämpfe gegen die Zeit. Ich starre an die Decke. Checke mein Handy. In meinem Kopf spielen die Gedanken verrückt. Ich bin nicht die Einzige. Wir sind tausende von Schlaflosen in diesen Nächten des Eingesperrtseins. Als Kind hatte ich Angst vor der Dunkelheit. Meine Eltern schalteten das Licht aus, damit ich schlafe. Und diese zehn Minuten, bis ich wirklich eingeschlafen bin, waren immer ein echter Albtraum. Eine Zeit, in der sich eine Wolke für meine schlimmsten Ängste zusammenbraute. Giftschlangen und unförmige Monster unter meinem Bett. Jetzt lebt das alles mit der Pandemie wieder auf. Schon wieder dieses Gefühl von der Dunkelheit, diese halb geöffnete Tür zum Wahnsinn.

Am 18. Oktober 2019 begann in Chile ein sozialer Aufstand, den ich mir nie hätte vorstellen können, selbst mitzuerleben. Die Bürger waren des jahrzehntelangen ungebremsten und missbräuchlichen Neoliberalismus überdrüssig geworden. Sie begannen plötzlich für ihre Würde aufzustehen. „Chile ist aufgewacht!“ ist der Slogan. Denn der gewalttätige und schwierige Alltag im Land war schon lange zu einem Albtraum geworden. Aber nach fünf Monaten andauernder Demonstrationen gegen eine Regierung, die unfähig ist, auf die Forderungen der Bevölkerung einzugehen, und eine diskreditierte politische Elite traf uns die Corona-Krise und wir mussten die Straßen verlassen. Wir mussten uns zurückziehen und die Entscheidungen genau dieser Personen hinnehmen, gegen die wir gerade noch protestiert hatten. Zu Beginn sagte man uns, dass die Quarantäne nicht nötig wäre, weil es möglich sei, dass das Virus mutieren und unschädlich werden könnte. Doch als ob nicht schon die letzten Monate der sozialen Proteste die Unzufriedenheit über die mangelnde Versorgung der Bevölkerung gezeigt hätten, hat diese Gesundheitskrise das Ausmaß der staatlichen Verwaisung, in der wir uns befinden, nur noch bestätigt.

Als man die Situation dann doch endlich ernstnahm, ging es mit den Auflagen los. Gründliches Händewaschen, um sich nicht anzustecken – völlig unbeirrt von der derzeitigen Trockenheit und der Tatsache, dass viele Orte in Chile keinen Zugang zu fließend Wasser haben. Abstand halten, ohne zu beachten, dass Tausende von Menschen auf engstem Raum in kleinen Wohnungen in Städten zusammenleben. An öffentlichen Orten Gesichtsmasken tragen, mit dem Wissen, dass viele Kliniken und Arztpraxen nicht einmal genug haben, um ihr eigenes Personal zu schützen. Den Test machen, wenn ein Verdacht auf Ansteckung besteht, obwohl das für die Mehrheit unbezahlbar ist. Unsere Kinder sollen online am Schulunterricht teilnehmen, wobei Tausende Familien weder einen Computer noch Internetanschluss besitzen. Wir sollen uns die Arbeitslosenversicherung auszahlen lassen, aber Millionen von uns arbeiten selbstständig oder privat. Und im Gegenzug schreibt das chilenische Gesetz vor, dass Arbeitgeber in Zeiten der Pandemie keine Löhne zahlen müssen. Man erwartet von uns, bitte ganz korrekt zu sein und alle Rechnungen, Steuern und die Miete am Ende des Monats zu überweisen. Aber mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat gar kein Einkommen.

Die Unwissenheit in der Politik über die Realität unseres Landes ist so groß, dass das Misstrauen wächst und die schlimmsten Befürchtungen geweckt werden. Was auf uns zukommt, könnte dramatisch werden. Sie schreien es uns entgegen aus der Zukunft in Europa und den Vereinigten Staaten. Gesundheitssysteme, die deutlich weniger prekär ausgestattet sind als das unsere, sind schon jetzt überfordert. Trotzdem werden in Chile die Schutzmaßnahmen bereits gelockert und die Behörden erklären dies damit, dass die vollständige Quarantäne nicht sinnvoll sei, da die Grundversorgung der Bevölkerung so nicht gewährleistet werden könne. Und wir glauben ihnen nicht. Denn andere Länder schaffen es, sich trotz Quarantäne zu versorgen. Und so vermuten wir, dass es wieder nur ein und dasselbe ist. Dass schon wieder die Interessen einer kleinen wirtschaftlichen Elite über die Sicherheit der Menschen dieses Landes gestellt werden. Wenn wir ihnen früher schon egal waren, warum sollten sie sich dann ausgerechnet jetzt für uns interessieren? Was sie wollen, ist, dass wir das Licht ausmachen, dass wir uns die Pille geben, dass wir uns dumpf machen und in diesen Zustand des Schlafwandelns eintreten, in dem sie uns seit Jahrzehnten geführt haben.

Aber es ist zu spät: Chile ist aufgewacht. Die verdammte Schlaflosigkeit hat uns wach gemacht. Wir kennen jetzt das Gesicht unserer schlimmsten Ängste. Wir kennen die Namen der Giftschlangen, und wir kennen die Macken der Monster unter dem Bett. Wir sind eine eingesperrte und schlaflose Armee, die über ihren Waffen ruht. Denn wenn wir hier rauskommen, werden wir dem echten Albtraum gegenüberstehen.
 

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