Theater der Erinnerung Geschichtliches Gefühl

Milo Rau „Hate Radio“ (2011)
Milo Rau „Hate Radio“ (2011) | © Daniel Seiffert

Das Theater als Präsenzmedium eignet sich für Erinnerungsarbeit so gut wie kaum eine andere Kunstform. Die Bühne kann das Gestern gegenwärtig machen – ohne dabei bis ins letzte Detail den Fakten verpflichtet zu sein.
 

„Erfinden heißt erinnern“, stellt der Schauspieler Joachim Meyerhoff einmal in einem seiner Erinnerungsromane fest, die auf seiner autobiografischen Leseperformance Alle Toten fliegen hoch am Wiener Burgtheater basieren. In sehr freier Auslegung verbürgter Fakten fabuliert sich Meyerhoff da sein Leben zusammen. Interessanterweise aber deckt sich das Ergebnis mit den Erinnerungen seines Bruders, der dem Schauspieler bestätigt: Genau so wie beschrieben hätten sich die Dinge tatsächlich zugetragen. Offenbar gibt es so etwas wie eine gefühlte Wahrheit, zumindest im privaten Erinnern, die bestenfalls sogar von anderen Menschen aus dem persönlichen Umfeld geteilt wird. Wie aber steht es um die kollektive Erinnerung?

Historische und kollektive Erinnerung

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau öffnet in seinen Arbeiten immer wieder historische Erinnerungsräume. Tatsächlich spricht auch er von einem „geschichtlichen Gefühl“ und berichtet von einem Aha-Erlebnis. In seinem Stück Hate Radio (2011) befasste sich Rau mit dem Genozid in Ruanda 1994, insbesondere mit der Rolle des Hutu-Senders RTLM, in dem Radio-DJs zur Ausrottung der Tutsi-Minderheit aufriefen. Rau ließ so eine Sendestunde voller Hits und Hetze nachspielen. Dabei basierten die Texte des von Schauspielern verkörperten Moderatoren-Teams auf Recherchematerial, das allerdings stark verdichtet wurde. Um vor europäischem Publikum keinen Exotismus zu bedienen, baute Rau außerdem Songs von Nirvana und anderen in den 1990er-Jahren in Europa angesagten Bands in dieses „Reenactment“ ein – obwohl RTLM in Wirklichkeit afrikanische Musik spielte.

Hate Radio gastierte auch in der Hauptstadt Ruandas, in Kigali. Das Verblüffende nun war: Trotz der offenkundigen Abkehr von Teilen der historischen Fakten bestätigten auch hier Zeitzeugen: Genau so wie im Stück gezeigt, sei es 1994 gewesen. Das Theater, ist Milo Rau überzeugt, könne eine „Tonlage der kollektiven Erinnerung“ treffen, ein geschichtliches Gefühl eben, ohne der „Wahrheit der Einzelheiten verpflichtet“ zu sein.

Erinnerungsräume in der Musik

Musik als Emotionsträger spielt dabei oft eine große Rolle. Auch bei Christoph Marthaler, obwohl dessen Theaterarbeiten und die Milo Raus unterschiedlicher kaum sein könnten. „Für mich ist Theater Erinnerungsarbeit“, erklärt Marthaler, bei dem bekanntlich viel gesungen wird, vor allem im Chor. Musik, so Marthaler, eröffne die Möglichkeit, sich an Dinge zu erinnern. Mehr noch: Man könne sich damit sogar „an eine Zeit erinnern, die man gar nicht erlebt hat.“

So funktionierte sowohl Murx den Europäer!, Marthalers erste Inszenierung an der Berliner Volksbühne 1993, in der er dem Lebensgefühl der späten DDR nachspürte, als auch sein letztes Stück am selben Haus, Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (2016), in dem der Regisseur unter anderem das eigene Theaterschaffen zum Gegenstand der Erinnerungsarbeit machte.
 
Christoph Marthaler „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ an der Volksbühne Berlin


Im Theater, erläutert Marthalers bevorzugte Dramaturgin Stefanie Carp, sei die Gegenwart immer auch „mit Vergangenheit, mit Gedächtnis“ angefüllte Zeit. Der Chor sei dabei die „Verkörperung eines Ortes des kollektiven Gedächtnisses“. Lieder würden Assoziationsräume öffnen.

Bewusste Melancholie

Dass die von der Musik getriggerten Erinnerungen nicht selten sentimentaler Natur sind, überrascht kaum. Marthaler macht diese Melancholie bewusst zum Thema seiner Stücke. Erinnerungsarbeit findet bei ihm unter anderem statt, um das Verstreichen von Zeit und Vergänglichkeit spürbar zu machen. Womit er ans Existentielle rührt. Wo das Theater dagegen gesellschaftlichen oder politischen Fragen in den Fokus nimmt, kann Wehmut schnell den klaren Blick auf die Vergangenheit verstellen. Dann besteht die Gefahr der Verklärung, schlimmstenfalls der Geschichtsklitterung. Bestes Beispiel: die Betrachtung der DDR unter den Vorzeichen der (N)ostalgie.


Claudia Bauer „89/90“ Claudia Bauer „89/90“ | © Rolf Arnold
Am Schauspiel Leipzig ist Claudia Bauer dieser Gefahr entgangen. Mit ihrer Bühnenadaption des Wenderomans 89/90 von Peter Richter ist der Regisseurin ein nüchterner Blick auf diese Kapitel deutscher Geschichte geglückt, und das in einem Metier, das sich der Erinnerung bereits in der Kunstproduktion als Psychotrick bedient. Erinnere Dich an etwas Trauriges, bekommen Schauspielerinnen und Schauspieler gerne gesagt, wenn sie auf der Bühnen weinen sollen.

Gegen dieses Einfühlungstheater setzt Bauer den guten alten Verfremdungseffekt. Auch in ihrer Inszenierung wird viel im Chor gesungen, Heimatlieder, aber auch Punksongs aus der DDR, nie aber nah am Original, sondern stets in eigenwilligen Arrangements oder Neuvertonungen der Texte. So malt Bauer Geschichte weder in fröhlichen noch in finsteren Farben der Vergangenheit einfach aus, sondern zeichnet lediglich die Umrisse eines Gestern, in denen sich die Konturen unsere heutige Umbruchgesellschaft umso deutlicher wiedererkennen lassen. Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit dient hier der Bewusstseinsschärfung für die Gegenwart.

Darin liegt eine Kraft des Präsenzmediums Theater als Ort für Erinnerung. Anders als Film und Fernsehen, die das Publikum von Haus aus auf (technische) Distanz halten, wird die Vergangenheit im Theater Gegenwart, die Erinnerung zum Live-Erlebnis.

Für Milo Rau jedenfalls gehört das zum Wesen des Theaters: „Im Theater durchströmt uns die Erinnerung als etwas Untotes, Gegenwärtiges, Reales.“ Obwohl sie nur eine Erfindung ist.
 

Milo Rau wird aus einem Gespräch zitiert, das Christoph Leibold eigens für diesen Artikel mit ihm geführt hat.
 
Christoph Marthaler und Stefanie Carp sind zitiert nach Christoph Hetzenecker „Funktion und Arrangement von Musik im Theater Christoph Marthalers“, Diplomica Verlag 2015.