Digitale Hetze Gegen den Hass im Internet

Cybermobbing – viele sind davon betroffen
Cybermobbing – viele sind davon betroffen. | Фота (фрагмент): © Clark and Company/iStock

Cybermobbing und hetzerische Online-Kommentare haben schwerwiegende Folgen für die Betroffenen und fördern weitere Aggression. Die sprachliche Gewalt im Internet ruft in Deutschland auch Politik und Justiz auf den Plan.

Es klingt zunächst wie eine harmlose Posse aus einem deutschen Rathaus: Eine Wilhelmshavener Kommunalpolitikerin sagte dem Oberbürgermeister der Stadt eine außereheliche Affäre nach. Das Besondere: Sie tat es über das soziale Netzwerk Facebook. Der Fall kam vor Gericht, die Frau wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es, die Intim- und Privatsphäre des Oberbürgermeisters und seiner Familie sei durch den öffentlichen Vorwurf „aufs Übelste verletzt“ worden.
Cybermobbing gewinnt als Problem an Bedeutung. Das Perfide ist seine besondere Dynamik: Mobbing im Internet ist schwer kontrollierbar, die Inhalte – ob erniedrigende Kommentare, kompromittierende Fotos oder üble Beleidigungen – können sich rasant verbreiten. Zudem können sie jederzeit und überall gespeichert oder verändert werden.

Fast jeder fünfte Jugendliche ist betroffen

Besonders verbreitet ist das Phänomen unter Jugendlichen. „Du nervst, geh‘ sterben“ oder „Du bist so hässlich“: Fast jeder fünfte deutsche Jugendliche hat mit solchen Beleidigungen im Internet bereits Erfahrung gemacht. Zu diesem Ergebnis kam 2015 eine Studie des Telekommunikationsunternehmens Vodafone und des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Dabei gaben zudem etwa 34 Prozent der Befragten an, ein Freund oder ein Familienmitglied sei schon einmal im Internet gemobbt worden.
Doch auch Erwachsene bleiben nicht verschont, wie der Fall aus Wilhelmshaven zeigt. Laut einer Onlinebefragung des Bündnisses gegen Cybermobbing waren 2014 acht Prozent der deutschen Erwachsenen Opfer solcher Beleidigungen. Frauen sind besonders häufig betroffen. Meist bleibt es nicht bei einem einzigen Angriff, fast 40 Prozent der Mobbingattacken dauern länger als ein Jahr. Während die Betroffenen unter Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden können, gab fast jeder dritte Cybermobber an, „aus Spaß“ zu hetzen.  

Beleidigung von Flüchtlingen und ihrer Unterstützer

Eine weitere Form von sprachlicher Gewalt im Internet ist die sogenannte Hassrede. Im Gegensatz zum Cybermobbing richtet sie sich meist nicht gegen eine einzelne Person, sondern gegen eine Gruppe. Vor allem im Zuge der Flüchtlingsdebatte in Deutschland bedienen sich fremdenfeindliche Internetnutzer zunehmend einer aggressiven Sprache und fordern Gewalt. Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, beschreibt ein gefährliches Prinzip: „Hassrede ist nicht nur ein Problem des kommunikativen Umgangs oder der Verbreitung, Anstiftung, Förderung oder Rechtfertigung von Hass. Sie ist zentral an der Erzeugung des Hasses und der für den Hass notwendigen Denkmodelle beteiligt.“  
Die Verbreitung von Hassbotschaften über das Internet veranlasste den deutschen Justizminister Heiko Maas 2015 dazu, gemeinsam mit Facebook eine „Taskforce“ aus Internetanbietern und zivilgesellschaftlichen Organisationen zu gründen. „Fremdenfeindliche und rassistische Hassbotschaften, die gegen Strafgesetze verstoßen, müssen schneller und umfassender aus dem Netz verschwinden“, so Maas. „Die Meinungsfreiheit schützt auch abstoßende, geschmacklose und hässliche Äußerungen. Klar ist aber: Die Grenze ist dort erreicht, wo es um Gewaltaufrufe oder um Angriffe auf die Menschenwürde geht, die als Volksverhetzung strafbar sind.“

Hilfe kommt ebenfalls aus dem Internet

Vielen Beobachtern und Betroffenen gehen solche Initiativen nicht weit genug. Laut der Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing wünscht sich die große Mehrheit der Befragten auch ein härteres rechtliches Vorgehen. Viele Formen des Hasskommentars, von Beleidigung bis Nötigung, sind allerdings bereits durch das Strafgesetzbuch abgedeckt. Das ermöglicht es der Polizei, gezielte Aktionen gegen Hassredner durchzuführen. Im Juli 2016 etwa wurden bei einer bundesweiten Razzia 60 Wohnungen mutmaßlicher Verfasser von Hasskommentaren durchsucht. „Der Einsatz macht deutlich, dass die Polizei entschlossen gegen Hetze im Internet vorgeht“, so Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts. „Wir müssen einer Verrohung der Sprache Einhalt gebieten und strafbare Inhalte im Netz konsequent verfolgen.“ Allein im Bundesland Sachsen wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2016 mehr als 200 Verfahren wegen Volksverhetzung und Gewaltdarstellung im Internet eingeleitet. In Nordrhein-Westfalen verfolgt eine Sondereinheit der Polizei für Cyberkriminalität solche Fälle.
Das Medium, über das der Hass transportiert wird – das Internet –, ist zugleich eine wichtige Quelle für Informationen zu Hilfe und Beratung. Ob für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene – zu den Themen Cybermobbing und Hassrede bietet das Netz ein großes Unterstützungsangebot. Eine wichtige Anlaufstelle ist der Verbund „Safer Internet“. Seit Juli 2016 ist zudem die Internetpräsenz von „No Hate Speech“ online, einer Kampagne des Europarats. Sie wird in Deutschland von den Neuen Deutschen Medienmachern koordiniert, einem Zusammenschluss von Journalisten und anderen Medienschaffenden mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. Die Website soll vor allem Jugendliche beim Umgang mit Hasskommentaren in Online-Medien und sozialen Netzwerken stärken.