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Interview mit Liliana Sánchez
„Wir müssen wieder Räume der Unsicherheit beziehen“

gymonthorax
© Erika Torres, 2019

Die kolumbianische Künstlerin Liliana Sánchez zeigt im Humboldt Forum eine Arbeit, in der sie sich mit dem Schutt beschäftigt, der unsere Umgebung auf persönlicher, sozialer und politischer Ebene formt.

Die Installation ¿Dónde ahora? ¿Cuándo ahora? ¿Quién ahora? (dt.: Wo jetzt? Wann jetzt? Wer jetzt?) der Kolumbianerin Liliana Sánchez zeigt eine überdimensionale Vergrößerung einer Fotografie aus dem Privatarchiv der Künstlerin, entstanden 2009 in ihrer Geburtsstadt Bogotá. Auf dem Bild sind zwei Frauen zu sehen, die auf eine Landschaft aus Trümmern schauen, Überreste eines abgerissenen Bauwerks, das die Frauen im Original nicht gekannt haben. Im Hintergrund ragt eine Betonmauer in die Höhe, deren Ausmaße sich nicht vollständig erschließt.
 
Diese diffuse Szenerie des Verfalls, ein Dialog mit der heutigen Zeit, ist eine Weiterentwicklung von Vorágine (dt: Strudel), das Sánchez vor mehr als zehn Jahren inspiriert von dem lateinamerikanischen Klassiker La Vorágine (dt.: Der Strudel) des kolumbianischen Schriftstellers José Eustasio Rivera schuf. In diesem 1924 erschienenen Buch erzählt der Autor anhand einer Liebesgeschichte von den harten und ungerechten Arbeitsbedingungen der insbesondere indigenen und schwarzen Kautschukzapfer im Amazonaswald von Kolumbien und Peru. „Ein Buch, das an Aktualität nicht verloren hat, denn es geht um Themen wie Freiheit“, sagt Sánchez. 

Im Interview spricht die Künstlerin über die beiden Werke und reflektiert über Zerstörung in heutiger Zeit, ohne dabei die Vergangenheit aus dem Blick zu verlieren.
 
Frau Sánchez, der kolumbianische Kurator Halim Badawi hat Künstler, Denker und Wissenschaftler aus mehreren Ländern eingeladen, sich mit dem Konzept „Bindegewebe“ zu beschäftigen und mit den Mitteln der Kunst die Potenziale des humboldtschen Denkens auszuloten. Was bedeutet das für Sie?
 
Wir befinden uns in einem Moment, in dem wir wieder Räume der Unsicherheit beziehen müssen. Insofern zwingt uns das sogenannte humboldtsche Denken zu einer Hinterfragung des Konzepts „Ausstellung“, indem es eine Positionierung gegenüber dem Zustand der Dinge verlangt. Es zwingt uns auch zu dem Versuch zu verstehen, welche Fragestellungen sich aus den Werken und aus den Stimmen der Künstler ergeben, sowie welche konzeptuellen und ästhetischen Reflexionen sich dem Betrachter bieten. Das Bedeutendste an dieser Teilnahme ist, dass sie für mich Fragen nach der Aktualität und der Lebensdauer eines Kunstwerks öffnet. Das Kunstwerk also als eine flexible Angelegenheit, die je nach Umgebung reagiert, sich verändert und wachsen kann. Dann wird das Wort "Experimentieren", das uns so sehr gefällt, zu einer echten Möglichkeit.

 © Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin In Berlin wollten Sie zunächst Ihre Installation Vorágine (dt.: Strudel) zeigen, nun zeigen sie eine andere: ¿Dónde ahora? ¿Cuándo ahora? ¿Quién ahora?. Warum?
 
Die aus 35 Siebdrucken bestehende Installation Vorágine ist im Grunde genommen parasitär: ein dunkles Gewebe, das sich über die Wände erstreckt und das makellose Weiß des Ausstellungsraums verschlingt. Daher ist die Architektur ein entscheidendes Element zur Betonung ihres kritischen Charakters. Für Berlin war es so gedacht, dass sich die Installation über die weitläufige Struktur des Humboldt Forums erstrecken, in die Türen dringen könnte, wie ein Pilz aus fernen Ländern, der nicht zu bändigen ist. Das Werk ließ sich also nicht auf einen Ausstellungsraum beschränken. Die architektonischen und institutionellen Grenzen, die sich der Installation nach und nach in den Weg stellten, haben mich dann allerdings dazu gebracht, die Möglichkeit eines solchen Werks in heutiger Zeit zu hinterfragen, also ob es möglich ist, eine Struktur, die sich expansiv verhält, an einem Ort mit so vielen Beschränkungen aufzubauen. Gibt es in der heutigen Zeit noch den Raum für eine solche Darstellung? Aus diesen Überlegungen heraus entstand ¿Dónde ahora? ¿Cuándo ahora? ¿Quién ahora?.
 
Ihr Werk befindet sich in der Abteilung „Von der Romantisierung zur Zerstörung“. Was können Sie unter diesem Aspekt über ¿Dónde ahora? ¿Cuándo ahora? ¿Quién ahora? sagen?
 
José Eustasio Rivera begleitet in seinem Buch Der Strudel den Protagonisten Arturo Nova einige Monate lang durch den Amazonaswald, wo er einer feindlichen und erschreckenden Umwelt begegnet, einer grünen Hölle: ein Bild, das der romantischen Konzeption von Natur im 19. Jahrhundert entgegensteht. In diesem Sinne würde ich sagen, dass das Erhabene seinen Platz auch in der Dialektik der Zerstörung findet. In der Installation ¿Dónde ahora? ¿Cuándo ahora? ¿Quién ahora? stellt die Mauer auf dem Foto dem Betrachter eine fundamentale Frage: Was tun angesichts der Veränderung? Was tun mit den Trümmern, dem veränderten, desorganisierten Material, das momentan unsere menschliche Umgebung auf persönlicher, sozialer, politischer Ebene formt?
 

Liliana Sánchez ist bildende Künstlerin. Ihre visuellen und skulpturalen Installationen sind kleinteilige Gebilde, in denen Form und Material neue Verbindungen eingehen und unterschiedliche Interpretationen zulassen. Dabei werden dominante Sprach- und Bedeutungsregime hinterfragt sowie gleichzeitig Widersprüche zwischen dem Menschen und seiner Umgebung offengelegt. Sánchez‘ Werk wurde in Kolumbien, Schweden, Brasilien und Spanien ausgestellt.

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