System des „compadrazgo“ Vom Freund zum Familienangehörigen

Hochzeitspaar mit Trauzeugen in Lima, Peru
Hochzeitspaar mit Trauzeugen in Lima, Peru | Foto: © Manuel Raez Retamozo

Als compadrazgo (Gevatternschaft) bezeichnet man ein gesellschaftliches Verhältnis, das entsteht, indem mehrere Individuen durch Vollzug eines katholischen Rituals zu Verwandten werden. Vielfach ist diese Beziehung aufgrund ihres geistigen Charakters ebenso wichtig wie die durch Blutsverwandschaft oder Ehe hergestellten Verbindungen.

Auch wenn der compadrazgo vorgeblich eine auf Wechselseitigkeit und Gleichberechtigung beruhende Beziehung ist, handelt es sich dabei doch vor allem um eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen Familien, mit moralischen Rechten und Pflichten, die Gleichheit vielfach nur künstlich herstellen beziehungsweise das hierarchische Verhältnis der Beteiligten legitimieren.

Herkunft und Formen des compadrazgo

In einer 1950 erschienenen Studie haben Sidney Mintz und Eric Wolf den katholischen compadrazgo in theoretischer und historischer Hinsicht untersucht, sowohl in Bezug auf seinen europäischen Ursprung wie auch auf die spätere Entwicklung in Lateinamerika. Hinsichtlich der mediterranen Gesellschaften stellen die Autoren fest, dass durch den compadrazgo die horizontalen Beziehungen zwischen Nachbarn gestärkt werden, was insbesondere für eine gemeinschaftliche, über die Verbindung durch Blutsverwandtschaft hinausgehende Nutzung des Ackerbodens von Bedeutung ist. Als der Boden in späteren Zeiten immer mehr in den Besitz einzelner Familien übergeht und dadurch die Unterschiede zwischen diesen immer deutlicher werden, verwandelt sich der compadrazgo zusehends in einen Mechanismus, der vertikale Beziehungen herstellt, die die unterschiedlichen sozialen Schichten oder Gruppen der Feudalgesellschaft artikulieren und legitimieren. Diese integrierende Funktion des compadrazgo – horizontale Beziehungen zwischen Angehörigen derselben Gruppe und vertikale Beziehungen zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Gruppen herzustellen – wiederholt sich in historischen und sozialen Kontexten, in denen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Fortkommen des Einzelnen stark an Verwandtschaftsbeziehungen geknüpft bleibt.

Der moralische und geistige Charakter des compadrazgo im Gegensatz zum biologischen und normativen Charakter von Blutsbeziehungen ist ebenfalls von großer Bedeutung, wenn man die Wirksamkeit und Verbreitung dieser Einrichtung verstehen möchte. In diesem Sinne wird der compadrazgo als eine ausdrückliche Willenserklärung der Beteiligten wahrgenommen, die unter dem heiligen Schutz der entsprechenden Rituale erfolgt. Dazu kommt, dass eben diesen Ritualen bis heute in vielen ländlichen wie auch städtischen Gemeinschaften Lateinamerikas die wichtige Aufgabe zufällt, in das gesellschaftliche Leben einzuführen. So fügt die Taufe das Individuum in die Welt ein, während es durch die katholische Trauung als vollgültiger Erwachsener anerkannt wird.

Der compadrazgo in Lateinamerika

Auch wenn es bei den patenschaftlichen Beziehungsformen der Azteken oder Guaraní einzelne Anknüpfungspunkte gibt, ist der Unterschied zum katholisch-mediterranen compadrazgo doch groß. Vor der Zeit der spanischen Eroberungen waren Verwandtschaftsbeziehungen durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Abstammungslinie (Blutsverwandtschaft) und von den durch die Polygynie (männliche Polygamie) der indigenen Anführer entstandenen Verbindungen festgelegt. Diese männliche Polygamie sorgte für die Bildung eines weit ausgebreiteten Verwandtschaftsnetzes, das sich bis über fernab gelegene Regionen und strategisch bedeutsame andere ethnische Gruppen erstrecken konnte. Mit der Ausbreitung der christlichen Glaubensbotschaft – stets begleitet von der bewaffneten Macht ihrer Streitkräfte – sollte die Polygamie verboten und als unmoralische Praxis betrachtet werden, der durch strikte Durchsetzung der katholischen Sakramente, insbesondere der Taufe und der monogamen Ehe, begegnet wurde. Dies führte einerseits zu einer weiteren Lockerung der ohnehin geschwächten verwandtschaftlichen Bindungen der indigenen Anführer zu ihren eigenen wie auch zu benachbarten ethnischen Gruppen, andererseits ermöglichte es denselben Anführern, mittels der mediterranen Formen patenschaftlicher Beziehungen ihre Verbindungen zu den neuen Herrschern spanischer Herkunft zu verstärken. Für die breite Masse der indigenen Bevölkerung wiederum erwies sich der compadrazgo als wichtiger Mechanismus bei der Schaffung innerethnischer Solidarität, aber auch als Motor gesellschaftlicher Mobilität, Letzteres vor allem im Fall der indigenen und gemischten Bevölkerung in den von den Spaniern gegründeten Städten.

Gleichheit und Hierarchien in compadrazgo-Beziehungen

Oben wurde darauf hingewiesen, dass der compadrazgo die Gleichheit der Beteiligten unterstreicht, wenn diese derselben gesellschaftlichen Gruppe entstammen, oder aber die hierarchische Ordnung hervorhebt, wenn die Beteiligten aus unterschiedlichen Gruppen kommen, deren Integration angestrebt wird. Die zuerst genannte, horizontale Form der Integration gehört zum compadrazgo im eigentlichen Sinne, also zu dem Verhältnis zwischen den biologischen Eltern und dem oder den Paten, während im zweiten Fall vor allem die Beziehung zwischen Paten und Patenkind im Mittelpunkt steht. Für die Schaffung einer horizontalen compadrazgo-Beziehung gibt es in den lateinamerikanischen Gesellschaften unterschiedliche Rituale, etwa indem man einen Schwur leistet, sich Loyalität und Achtung zu erweisen, was sich insbesondere auf gegenseitige Unterstützung bezieht wie auch möglichen Konflikten vorbeugen soll. Ein weiteres Beispiel ist der padrinazgo de cordón umbilical (die „Nabelschnur-Patenschaft“), durch den ein Neugeborenes in die Welt der Lebenden eingeführt wird. Oder auch das rituelle Haare Abschneiden, mit dem in einem bestimmten Alter die produktive Autonomie des Kindes anerkannt wird.

Bei all diesen Anlässen wird der Pate unter denjenigen Mitgliedern der Gemeinschaft ausgewählt, zu denen man in einem Verhältnis gegenseitiger Unterstützung steht, sei es in Bezug auf den Austausch von Waren oder Dienstleistungen oder im Rahmen religiöser und anderer Feierlichkeiten. Der padrinazgo, der im Vollzug der wichtigsten Übergangsrituale entsteht, etwa der Taufe und der Hochzeit, bekräftigt dagegen ausdrücklich die hierarchische Ordnung. Dies notwendigerweise nicht nur in Bezug auf die eigene Herkunft und den Schutz, den die Paten ihrem Patenkind bieten sollen; dies gilt vielmehr gleichermaßen für das Verhältnis der Paten zu den Eltern des Patenkindes, soll es Letzteren doch ermöglicht werden, im Tausch für die Vorteile, die die Paten ihrem Kind verschaffen können – und die die Eltern selbst ihrem Kind nicht verschaffen könnten, beziehungsweise die ihr Kind von ihnen möglicherweise gar nicht annehmen würde –, im Tausch für diese Vorteile also den erzieherischen Einfluss der Paten im innersten Kern der Familie zuzulassen.

Abschließend gesagt, zeichnet sich der compadrazgo in Gesellschaften, in denen Verwandtschaftsbeziehungen für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortkommen ihrer Mitglieder von grundlegender Bedeutung sind, unserer Einschätzung nach vorrangig durch einen asymmetrischen Charakter aus, dient er hier doch insbesondere dem Zweck, den Beteiligten ein größeres soziales Netz und damit verbunden Gelegenheit zum gesellschaftlichen Aufstieg zu bieten. In weniger an persönliche Beziehungen gebundenen und stärker institutionalisierten Gesellschaften dagegen verliert der compadrazgo seinen interfamiliären Charakter und verwandelt sich stattdessen zunehmend in eine Beziehung zweier individueller Partner oder zu einer bloßen religiösen Tradition, die es aufrechtzuerhalten gilt.