Plattform Corporcidade Körper im öffentlichen Raum denken

Projekt Corpocidade
Projekt Corpocidade | Foto (Ausschnitt): Igor Queiroz

CORPOCIDADE, eine transdisziplinäre Plattform für Aktion und kritische Reflexion aus Salvador-Bahia, bringt Projekte zusammen, die sich mit Erfahrungen des Körpers und der Ästhetik im Kontext der heutigen Stadt beschäftigen.

Die Initiative entstand 2008 mit dem Ziel, Städtebau im Dialog mit anderen Wissensgebieten zu betrachten, wie zum Beispiel den bildenden Künsten, der Geschichtswissenschaft oder der Anthropologie, stets vor dem Hintergrund eines Kontexts der eventhaften Inszenierung und angeblicher „Befriedung“ brasilianischer Städte. Auf CORPOCIDADE finden sich wissenschaftliche Beiträge (aus zweijährlich abgehaltenen Begegnungen zwischen 2008 und 2014), sowie die Zeitschrift Redobra, herausgegeben von einem Team aus Doktoranden und Masterstudenten der Postgraduiertenprogramme für Tanz sowie Architektur und Städtebau der Bundesuniversität von Bahia (UFBA). Fabiana Dultra Britto, Koordinatorin der Plattform, gibt Auskunft über diesen neuen Ansatz zum Umgang mit Körper und Raum.

Wie verhalten sich die Begriffe von Körper und öffentlichem Raum innerhalb der Plattform CORPOCIDADE zueinander?

Wir vertreten die Idee einer Körpersprache des Urbanen: Körper stehen in einem bestimmten Raum und/oder unter bestimmten Gegebenheiten in Beziehung. Öffentlicher Raum stellt immer den Versuch eines Entwurfs, einer Normierung dar. Befinden wir uns auf einem Platz, sind dort beispielsweise der Rasen, der Beton, die Bänke. Zunächst scheint es, als müssten sich unsere Körper an den vom Mobiliar vorgegebenen Raum anpassen. Sobald wir unsere Körper jedoch in diesem Raum einrichten, verändern auch sie die für diesen Ort ursprünglich vorgesehene Bestimmung. Diese Übertretungen des Raums entsprechen der Natur des Menschen, seiner natürlichen Notwendigkeit, andere Optionen des Körperlichen auszuloten.

Die menschliche Eigenschaft des Übertretens geht einher mit einer weiteren Eigenschaft des Körpers, der Notwendigkeit, Muster zu erstellen. Die Handschrift einer Person etwa ist ein solches treibendes Muster. Dadurch formulieren wir Gewohnheiten. Gewohnheit in körperlichem Sinn ist die Gewohnheit einer kognitiven Verknüpfung, eine Form, sich gedanklich zu äußern. Zwischen der Art einer Person, sich zu bewegen und ihrer Art zu denken besteht eine direkte Beziehung. Motorische und kinetische Gewohnheiten, Intensität der Sprache, die Art zu gehen: Jeder Mensch entwickelt ein „Körperdesign“ für bestimmte Funktionen, die sein Körper erfüllen muss. Diese Tendenz zur Stabilisierung des Körpers geht einher mit der Tendenz zur Übertretung; es ist das Paradox des Körpers, wie das jedes lebendigen Wesens. Im Öffentlichen wiederholt sich dieses Paradox im Verhältnis von Körper und Raum.

Wie geschieht diese Auflehnung des Körpers im öffentlichen Raum?

Um sich in Beziehung zu setzen und seine eigenen Prozesse zu modifizieren, muss der Körper Aneignungen konsolidieren, Erinnerungen schaffen. Betrachten Sie einmal die Möblierung des öffentlichen Raums: Sie erscheint fest und dominant, indem sie Vorgaben macht, wie der Körper sich in ihm zu bewegen hat. Auf den ersten Blick scheint es, der Körper müsse sich anpassen, sich fügen und sich den vom Raum vorgegebenen Regeln unterwerfen. In Wirklichkeit allerdings passt sich jede Person anders an und konstruiert ihre eigene Geschichte in der Art, wie sie sich zu dieser Regel verhält. Sehen Sie, wie die Choreografin Pina Bausch sich in Café Müller (1978) zu Raum und Möblierung verhält. Sie geht mit geschlossenen Augen auf Tische und Stühle zu. Ihr Körper stößt an, schiebt Stühle beiseite oder bewegt sich zwischen ihnen hindurch, transformiert so die gesamte Räumlichkeit des Ortes. Unsere adaptive Antwort auf eine Gegebenheit ist nicht die Antwort auf eine Vorgabe, sondern ein eigener Vorschlag.

Wie verhält sich dieser Gedanke zu einer zur Hegemonie neigenden Kultur der Gegenwart?

Diese Art zu denken sieht die Beziehung von Körper und Raum nicht als unilateral, sondern als eine sich gegenseitig bedingende, in der eines das andere formuliert. Anders als eine deterministische Sichtweise, die Körper und Raum als zwei unterschiedliche Dinge betrachtet, geht sie davon aus, dass alles Subjekt ist mit seinen Unschärfen, Nuancen und unterschiedlichen Gewichtungen, die mehr oder weniger dominieren in der Art, wie sie sich zueinander verhalten. Der Körper schafft seine eigenen Bedingungen des Umgangs mit dem verfügbaren Raum und seines Agierens darin.

Viele haben jedoch den Dualismus von Subjekt und Objekt derart verinnerlicht, dass sie ihn nicht mehr hinterfragen. Man bezwingt seinen Körper, um einem bestimmten Raum zu entsprechen, auf bestimmte Weise zu agieren. Eine problematische Dualität. Unsere größte Erbsünde. Allgemein wird der Körper als allein über seine physischen Äußerungen definiert angenommen. Das ist er aber nicht! Physische Äußerung bedingt eine Art zu denken, eine Art des Begreifens, die mich in die Welt hinaus trägt, um diese Herangehensweise zu reproduzieren. Der Austausch ist kontinuierlich und simultan.

Was bedeutet die Verbreitung einer Kultur der Olympiaden im Kontext heutiger brasilianischer Städte?

Das größte Problem ist nicht nur, dass sportliche Großereignisse artifiziell und dominierend sind, Weltmeisterschaft und Olympiade den Städten von außen etwas aufdrücken, das nicht nachhaltig ist, und wenn es vorbei ist, diese Leere, diese Benommenheit zurückbleibt, wie wenn man seinen Körper um sich selbst wirbelt und dann sich selbst überlässt. Das größte Problem ist diese Unterordnung unter einen einzigen Gedanken, die Homogenisierung.

Die Logik sportlicher Großereignisse verlangt eine einzige Disziplin, die jenen, die sich ihr unterordnen, die Illusion von Freiheit verleiht. Was jedoch bei dieser Art von Erfahrung auf der Strecke bleibt, ist die Komplexität. Es sind einfache, lineare, serielle Erfahrungen: erst der Arm, dann der Kopf, anschließend das Bein. Als seien Arm, Bein oder Kopf völlig unabhängige Elemente des Körpers. Doch es ist ein Körper. In der Fragmentierung versucht dieser Diskurs Unterschiede, Brüche und Verwerfungen einzuebnen, um alles zu vereinfachen, zu dominieren, Kontrolle zu übernehmen. Das Wichtigste für den Menschen jedoch ist die Vielfalt, die uns zu Anpassungsleistungen zwingt. Die Erfahrung von Diversität weckt in uns das Verlangen nach Erforschung, die Neugier, und die Möglichkeit, Anderes zu entdecken, am Körper, in der Bewegung oder auf dem Gebiet der Ideen und Wünsche. 

Fabiana Dultra Britto ist Prorektorin für die Ergänzungsbereiche der Bundesuniversität von Bahia, an der sie auch ihren eigenen Abschluss in Tanz absolvierte. Sie hält einen Master in Kunst der Universität von São Paulo, promovierte in Kommunikation und Semiotik an der PUC-São Paulo und war Postdoctoral Fellow in Public Art am Bauhaus in Weimar sowie am CRESSON-CNRS-Labor in Grenoble. Sie ist Autorin des Buches „Temporalidades em Dança: parâmetros para uma história contemporânea“ (Temporalität im Tanz: Parameter für eine Zeitgeschichte).