Architektur Materialisierte Machtspiele

Museum für Zeitgenössische Kunst Niterói. Architekturprojekt: Oscar Niemeyer.
Museum für Zeitgenössische Kunst Niterói. Architekturprojekt: Oscar Niemeyer. | Foto: Carlos Albuquerque

Architektur ist seit Urzeiten Darstellung der Ordnung des Kosmos, der Natur und des menschlichen Körpers. Wo kein Körper ist, gibt es weder Leben noch Gesellschaft. Insofern, kann man sagen, schuf der brasilianische Modernismus eine Architektur des Widerstands. 

Seit Vitruv ist die Beziehung des menschlichen Körpers zur Architektur Gegenstand theoretischer Diskussion: Proportionsfigur, menschlicher Maßstab, das Modell eines Organismus, das Konzept einer dritten Haut oder als Zentrum der sinnlichen Wahrnehmung. Genau wie der menschliche Körper auf gebauten Raum reagiert, wird der materielle Körper der Stadt und der Gebäude stets als Personifizierung von Ideen, Bildern und Utopien gesehen.

Nach dem Ersten Weltkrieg verwandelte das Fortschreiten des Rationalismus im Namen der Universalität die menschliche Gestalt in einen metaphysischen Körper. Architekten wie Walter Gropius und Mies von der Rohe schufen am Bauhaus die Grundlage für die Architektur der modernen Gesellschaft: Multiplizierbares innerhalb eines fleischlosen Körpers aus lediglich Haut und Knochen, beziehungsweise Hülle und Struktur.

Auf der anderen Seite des Atlantiks entstand mit dem sogenannten International Style eine nordatlantische Parallele. Von Peking bis Berlin, von London bis Buenos Aires war man, zumindest in der Architektur, gleich. Das Individuum wich dem normierten Wesen, und die Architektur verlor ihre Verbindung zu Geschichte und Ort.

Der brasilianische Ansatz

Anfang des 20. Jahrhunderts erwachte Brasilien gerade erst als Nation. Das Problem der europäischen Architekten zu Anfang des Jahrhunderts - Behausungen für den modernen Menschen zu schaffen - wurde daher in dem tropischen Land anders gelöst: Die Frage der Modernität beinhaltete in Brasilien zugleich die nach der nationalen Identität.

Die heroische Phase des brasilianischen Modernismo war insofern ein von der Suche nach dieser nationalen Identität geleitetes Projekt, angeführt von der kulturellen Bewegung des Kannibalismus oder der Anthropophagie. Im Antropophagischen Manifest, 1928 von Oswald de Andrade verfasst und veröffentlicht, nimmt der Körper bereits eine programmatische Rolle ein: Das rituelle Verschlingen von fremden Ideen und Technologien lässt die Existenz von Xenofobie, Abgrenzung und Essentialismus nicht zu. Das Anthropophagische Manifest proklamiert eine Nation auf der Basis einer matriarchalen, anarchischen Gesellschaft frei von Repression, in der Heiterkeit als Eigenschaft einer Nation proklamiert wird und Philosophie die Herrschaft des Geistes ablehnt.

Doch während Brasilien mit solchen Ideen experimentierte – „wir sind nie katechisiert worden“, sagt das Manifest - etablierte die Moderne der Nordhalbkugel eine Dichotomie zwischen Natur und Kultur. Darin ist der Mensch aus Fleisch und Blut, der sich für die Natur entschieden hat, für die moderne Gesellschaft nicht zu gebrauchen, die den „lebendigen Körper“ zu verstecken sucht.

Metapher der Kurve

Lúcio Costa und Oscar Niemeyer schufen ein Leitmotiv für die brasilianische Architektur, indem sie deren Verbindung mit dem Lokalen wiederherstellten. Für sie war der brasilianische Mensch aus Fleisch und Blut und besaß Ort und Vergangenheit. In Pampulha (Belo Horizonte) nahm sich Niemeyer Anfang der 1940er Jahre die Freiheit, eine Architektur zu entwickeln, die für seine Begriffe geeignet war für Brasilien. Die Architektur von Pampulha entstand, wie er selbst sagt, als Protest gegen den International Style und mit Blick auf die Dinge des eigenen Landes: „Es war der Protest, den die Umgebung verlangte, in der ich lebte, mit ihren weißen Stränden, ihren gewaltigen Bergen, den alten Barockkirchen, den schönen, gebräunten Frauen. Ich habe nicht nur die Berge von Rio de Janeiro in mir, wie Le Corbusier sagte, sondern alles, was mich emotional berührt.“

In seinem Gedicht der Kurve sagt Niemeyer: „Was mich anzieht, ist die freie und sinnliche Kurve, die ich in den Bergen meines Landes finde, im mäandernden Lauf seiner Flüsse, den Wellen des Meeres, im Körper der geliebten Frau. Aus Kurven besteht das gesamte Universum, das gekrümmte Universum von Einstein.“ Damit stellte Niemeyer die Ordnung des Universums, der Natur und des menschlichen Körpers wieder her - die der Architektur seit vorbürgerlichen und vorzivilisatorischen Zeiten inhärent ist.

Hinweis auf Abwesenheit des Körpers

Indem Niemeyer behauptete, im weiblichen Körper seine Inspiration zu finden, widersprach er herrschenden Vorstellungen von der Befreiung des Geistes von seiner archaischen Verbindung zum Körper. In diesem Zusammenhang sei an die österreichische Philosophin Elisabeth List erinnert, für die Prozesse der Unterdrückung des Körperlichen eng mit der patriarchalen Struktur der antiken Gesellschaft verknüpft sind. Die Frau allerdings gehöre als Gebärerin zum Oikos und damit zum Naturhaften.

Auch wenn das Denken, und mit ihm der Geist, im Lauf der Menschheitsgeschichte männliche Züge annahm, sind für List alle Körper aus Fleisch und Blut und im Vollbesitz ihrer unendlichen Sinnenhaftigkeit weiblich. Dies kann eine Erklärung sein für den Widerstand gegenüber der Eindimensionalität der menschlichen Gestalt und die Präsenz des Weiblichen im Werk Oscar Niemeyers - eine Präsenz, die in seinem Werk auf die Abwesenheit des Körpers in der modernen Gesellschaft hinweist.