Interview mit Bastian Obermayer „Leaks haben eine wichtige Kontrollfunktion“

Bastian Obermayer (links) und Frederik Obermaier waren maßgeblich an den <i>Panama Papers</i> beteiligt
Bastian Obermayer (links) und Frederik Obermaier waren maßgeblich an den Panama Papers beteiligt | Foto (Ausschnitt): © Stephanie Füssenich

Der Investigativreporter Bastian Obermayer war für die Süddeutsche Zeitung federführend an den Enthüllungen der Panama Papers beteiligt. Ein Gespräch über journalistische Verantwortung und gesellschaftliche Bedeutung von Datenleaks.
 

Herr Obermayer, 2015 wurden Sie von einer anonymen Quelle kontaktiert, die sich John Doe nannte, und Ihnen interne Dokumente der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca zukommen ließ. Es ging um Briefkastenfirmen, mit deren Hilfe weltweit Steuern hinterzogen und illegale Geschäfte getätigt wurden. Wann wurde Ihnen die Dimension dieses Datenlecks bewusst?

Spätestens als der Name des besten Freundes Vladimir Putins und die Namen weiterer Staats- und Regierungschefs in den Dokumenten auftauchten, war uns klar: Das wird eine internationale Geschichte, die für Aufsehen sorgen wird. Am Ende waren die Reaktionen auf die Veröffentlichungen aber noch viel größer, als wir uns bei der Recherche jemals vorstellen konnten: Es gab Massendemonstrationen, Regierungen wurden erschüttert.

Wir haben in Deutschland sehr gute Bedingungen für investigativen Journalismus

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte sich bei der Aufbereitung der Daten entschieden, mit dem internationalen Rechercheverbund ICIJ zusammenzuarbeiten. Am 3. April 2016 veröffentlichten über 100 Medien weltweit gleichzeitig ihre Ergebnisse. Wie wichtig ist eine solche internationale Kooperation bei Datenleaks?

Wir haben schon relativ früh an den ICIJ gedacht, weil die ersten Datenspuren nach Südamerika, Afrika oder den Nahen Osten führten. Die deutschen Leser interessieren sich wenig für einen mittelgroßen Skandal in Namibia, aber wir wollten nicht, dass die Geschichten verloren gehen. Gleichzeitig wurde schnell klar, dass wir das gar nicht alleine machen könnten: Das waren riesige Datenmengen mit Tausenden von Geschichten. Und letztlich hat es uns alle geschützt, dass 400 Kollegen weltweit Zugriff auf die Daten haben. Viele wollten die Veröffentlichung stoppen. Doch das ist nicht möglich, wenn parallel soviele Menschen daran arbeiten.

Wie ist die rechtliche Situation in Deutschland bei der Veröffentlichung von Daten, die ja in den seltensten Fällen legal beschafft wurden?

Wenn die Informationen von öffentlichem Interesse sind, dürfen Reporter in Deutschland auch mit illegal beschafften Daten arbeiten. In den USA ist das beispielsweise nicht erlaubt. Wir dürfen natürlich bei der Berichterstattung keine Fehler machen, sonst können wir verklagt werden. Insgesamt haben wir in Deutschland sehr gute Bedingungen für investigativen Journalismus. Wir können in der Regel davon ausgehen, dass wir nicht physisch angegriffen, verhaftet oder verleumdet werden. Das ist in vielen Ländern mit autoritären Regimes anders. Manche unserer Kollegen haben nach den Panama Papers Todesdrohungen bekommen, wurden öffentlich angeprangert, entlassen oder mussten für eine Zeitlang das Land verlassen.

Wir müssen bei Datenleaks rechtlich abgesichert sein

Sie müssen natürlich trotz Pressefreiheit den Schutz der Persönlichkeitsrechte beachten. Inwiefern hat das die Berichterstattung beeinflusst?

In Deutschland ist man strenger mit dem Schutz der Privatsphäre. Die US-amerikanischen Kollegen können beispielsweise über die privaten Offshore-Geschäfte von Managern und Bankern schreiben – sofern die Fakten stimmen. Das ist in Deutschland nur möglich bei Verdacht auf Illegalität, einen Missstand oder Missbrauch irgendeiner Art. Aber es ist per se nicht illegal, eine Briefkastenfirma zu haben. Deswegen durften wir auch nicht über deutsche Manager berichten, deren Ferienhäuser über eine Offshore-Firma liefen.

Anders als Wikileaks haben Sie sich dagegen entschieden, die kompletten Rohdaten zu publizieren. Warum?

Was wir veröffentlichen, müssen wir kennen, und natürlich müssen wir den Schutz der Privatsphäre beachten. Das ist nicht möglich bei 11,5 Millionen Dokumenten. Darin könnten Dinge stehen, deren Folgen wir nicht absehen können, Menschen könnten verleugnet werden. Der zweite Grund: Wir müssen unsere Quelle, also die Person, die sich John Doe nennt, schützen. Wir können uns nicht sicher sein, ob irgendwelche Daten zu ihr hinführen, wenn wir alle veröffentlichen. Und außerdem sind wir nicht der verlängerte Arm der Staatsanwaltschaft oder der Steuerfahndung.

Sie haben bereits angesprochen, wie wichtig es ist, dass die journalistische Veröffentlichung von Daten rechtlich abgesichert ist. Doch die Whistleblower, die Informanten, müssen mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen.

Die Kriminalisierung von Whistleblowern ist ein Riesenproblem. In kaum einem Land haben sie einen angemessenen Schutz. Den brauchen sie aber. Wenn sich herausstellt, dass geleakte Informationen einen gesellschaftlichen Wert haben, muss ein Whistleblower straffrei bleiben. Doch das ist quasi unmöglich. Wegen der Luxemburg-Leaks muss sich sogar der Reporter Edouard Perrin vor Gericht verantworten. Wenn Journalisten dafür belangt werden, dass sie von Whistleblowern Informationen entgegennehmen, haben wir ein noch größeres Problem. Dann versucht eine interessierte Lobby, das Leaken von unangenehmen Informationen gänzlich zu stoppen.

Können Leaks die Gesellschaft verändern?

Tausende Deutsche nahmen die Dienste von Mossack Fonseca in Anspruch. Was haben die „Panama Papers“ in Deutschland bewirkt?

In Deutschland wurde unter anderem ziemlich schnell ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das deutsche Bürger verpflichtet, zu erklären, ob sie eine Offshore-Firma haben und woher das Geld stammt. Außerdem hat das Europäische Parlament einen Untersuchungsausschuss zu den Enthüllungen eingesetzt. Man muss abwarten, ob sich langfristig etwas ändert. Aber wir sind keine Aktivisten, sondern Journalisten. Wir kämpfen nicht gegen die Offshore-Welt, sondern wir berichten.

Weltweit wird verstärkt eine Abschaffung von Steueroasen gefordert – auch aufgrund der „Panama Papers“. Können Leaks langfristig ein Umdenken in der Gesellschaft bewirken?

Eine der Kernbotschaften, die dieses Leak – und jedes große Leak – in die Welt setzt ist: Niemand kann mehr sicher sein. Leaks üben eine wichtige gesellschaftliche Kontrollfunktion aus. Jeder, der etwas Illegales oder Anrüchiges tut und das verstecken will, muss damit rechnen, dass es irgendwo ein Leck gibt. Dass es irgendwo eine Person gibt, die nicht länger zuschauen oder mitmachen will. Daten fließen so schnell ab, es genügt ein Stick. Jetzt sind die Panama Papers ein Riesenleak. In einigen Jahren wird man sich zwar an solche Dimensionen gewöhnt haben, aber Leaks werden nicht weniger wichtig sein.

 

Bastian Obermayer, geboren 1977, ist stellvertretender Leiter des Ressorts Investigative Recherche der Süddeutschen Zeitung und Mitglied des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Für seine Reportagen und Recherchen erhielt er unter anderem den Theodor-Wolff-Preis, den Henri-Nannen-Preis und den Wächterpreis.

Bastian Obermayer, Frederik Obermaier: Panama Papers. Die Geschichte einer Enthüllung, Kiepenheuer&Witsch 2016. Die Publikation wurde weltweit in verschiedene Sprachen übersetzt.