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Gabi Ngcobo und Thiago de Paula Souza
I’ve seen your face before

Videostandbild aus How Many _ Does It Take? - Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars (2020)
Videostandbild aus How Many _ Does It Take? - Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars (2020) | © Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mar

Diese transdisziplinäre Plattform wurde von Gabi Ngcobo und Thiago de Paula Souza gegründet, um über miteinander verwobene Geschichtsabläufe zwischen Afrika und der afrikanischen Diaspora zu reflektieren. Sie ist inspiriert von komplexen Begegnungen, die Räume für das Lernen mit dem schaffen, was unterbrochen wurde oder noch nicht möglich ist: für das Verlernen der Zerrissenheit, der Entwurzelung und der Angst, die uns auf dieser Reise auf dem Weg zur Entstehung neuer Strukturen, die noch nicht verfügbar sind, begleiten.

So wie wir uns I’ve Seen Your Face Before (Ich habe dein Gesicht bereits gesehen) ursprünglich vorgestellt haben, gibt es das Projekt nicht mehr. Wir hatten eine Reihe an Forschungsreisen geplant, um uns nahestehende Kunstpraktizierende zu besuchen, sich auszutauschen und gemeinsam zu lernen. Die COVID‑19‑Pandemie zwang uns, die Reisepläne neu zu denken. Stattdessen initiierten wir mit „Not‑In‑Between“ eine Serie von digitalen Begegnungen mit den angedachten Partner*innen unserer Forschungsreisen.

Diese Begegnungen entfalteten sich in einer Reihe von Gesprächen rund um „Not‑In‑Between“, einem Kapitel von Fred Motens Buch Black and Blur (2017). Motens Konzept des „nicht dazwischen“ ist ein Entwurf für eine erneuerte Sprache, in der die Kunst der Geschichte aufgeführt werden kann. Auf diesen Text und den Titel hatten wir bereits in einem Vorschlag für eine frühere Reise Bezug genommen, die abgesagt werden musste: die Teilnahme an der sechsten Auflage der Ghetto‑Biennale in Port‑au‑Prince auf Haiti. Ausgehend von der haitianischen Revolution reflektiert Moten über die Schwarze radikale Tradition und geht der Frage nach, wie wir uns dem Historischen auf eine Weise nähern können, die uns Wege für die Entstehung neuer Grammatiken und Gespräche eröffnet – oder diese fortsetzt.
 
Aus diesen Gesprächen sind mehrere Projekte entstanden, von denen zwei im Folgenden vorgestellt werden.

How Many ____ Does It Take? (Wie viele ___ braucht es?)

Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars
 

„Dies ist es, was wir tun. Wir sitzen, wir hören zu, wir hüpfen. Wir drucken, kopieren und scannen oft. Wir teilen und vergleichen. Wir mxmen und tchuipsen und wir erinnern uns. Wir zählen die Toten, die Lebenden, jene, die es geschafft haben und die gekämpft haben und diejenigen, die es nicht geschafft haben. Wir zählen die vielen Gespräche, an denen wir nicht beteiligt sind, und die vielen, auf die wir nichts geben, weil wir es vorziehen, unsere eigenen zu haben.” – Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars
 
„Anhand von zwei scheinbar völlig unterschiedlichen Erinnerungen an persönliche Geschichten – die beide, jeweils auf ihre eigene Art und Weise ‚verzögerte Antworten‘ darstellen – wird deutlich, wie wichtig diese Momente für unsere künstlerische Praxis sind. In Anlehnung an „Not In Between“, ein Kapitel in Fred Motens Black and Blur (2017), verwebt How Many ___ Does It Take? (Wie viele ___ braucht es?) folgende Dinge miteinander: eine generationenübergreifende Beschreibung von Dédée Bazile und Imvo Zabanstundu; eine Heldin und eine Zeitung; jeweils innerhalb Haitis und Südafrikas, aber durch immaterielle Geografien konvergierend; sich einen Reim auf Ungereimtheiten machend; von Eltern erzählt, allein gelassen und später zitiert.” – Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars
Videostandbild aus <i>How Many ____ Does it Take?</i> Videostandbild aus How Many ____ Does it Take? | © Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars (2020)

Die Macht der Verweigerung  

Das Projekt hinterfragt die Grenzen der Sichtbarkeitspolitik, in der Art, wie wir sie heutzutage wahrnehmen. Es befasst sich stattdessen mit Praktiken, in denen Verweigerung und Kollaboration zu Werkzeugen werden, um die perverse Logik „neuer Formen der Kontrolle“ (Denise Ferreira da Silva) zu bekämpfen.
 
Ist es möglich, Verweigerung als eine Praxis zu artikulieren, die in ständiger Verhandlung mit Sichtbarkeitspolitiken steht, um so zu einem tiefgreifenden Verlernen kolonialer Kategorien innerhalb und außerhalb der Kunstwelt beizutragen?

Topping from the bottom (Von unten nach oben)

Sinethemba Twalo Courtesy of the artist Sinethemba Twalo © Courtesy of the artist Sinethemba Twalo


„in Wachs gefasst

Immer größere kosmische Gräber

ein

gänzlich schwarzer Zusammenstoß

wie die Nacht und das neue Meer

Traum-Haiti

spektral und residual

Ein transmutierendes Gewicht...

(spürbar)

Trotzdem hat man gelernt zu tanzen und zu shuffeln

Innerhalb von _____________

(Das Zeugnis ist geschwärzt)

Ein Kompendium der Expedition konfigurierte die

Begegnung und ihre (Un-)Endlichkeit.

Abweichend 

die Queerness der eigenen Zwänge ...

eine intime Unruhe

stets (ein) anderes Gewicht, gesteigert durch

Erwartung, festgefahren durch ein Warten. Das Warten,

unaufhörlich und angedeutet ...

Der lebendige Tod war/ ist der Moment in Schwarz

Eine gewisse Tiefgründigkeit ... unmittelbar bevorstehend

                  
Rhenus Rhebus: Papiro

In Wachs gefasst: Interview mit Matana Roberts

von Sinethemba Twalo

Verstrickung: Khanyisa Jaceni, Nina Simone

Immer größere kosmische Gräber: Sinethemba Twalo

Gänzlich Schwarzer Zusammenstoß: Nicole Mitchell,  Lisa E. Harris

Wie die Nacht und das neue Meer: Sinethemba Twalo

Traum-Haiti: Kamau Braithwaite, gelesen von Christina Sharpe



Die Vergangenheit ist ein lebendiges Ding“

- Sinethemba Twalo

Videostandbild aus <i>How Many ____ Does it Take?</i> Videostandbild aus How Many ____ Does it Take? | © Simnikiwe Buhlungu und Tessa Mars (2020)

Vorläufigkeit als Methode

Die von Kunsteinrichtungen auf der Suche nach sozialer Gleichheit oftmals ausgeführten Gesten sind auf neoliberale Sehnsüchte beschränkt und an den binomischen Unsichtbarkeit‑Sichtbarkeitsrahmen gebunden, ohne dabei viel Sensibilität für Alternativen an den Tag zu legen, die womöglich mit der Logik von Identität als Ware brechen könnten. Unsere Forschung kann zur Neuausrichtung dieser Debatten beitragen, indem sie andere Formen von Ethik und Gerechtigkeit erprobt, die mit dieser Dichotomie brechen. Wie können wir Räume entwickeln, in denen Kunstschaffende nicht durch ihnen aufgezwungene soziale Identitäten eingeengt werden, selbst wenn sich solche Räume als vorläufig erweisen, so wie es auch bei I've seen your face before (Ich habe dein Gesicht bereits gesehen) der Fall ist?
 
Anfangs ging es uns darum, Gespräche fortzuführen, die ohne die finanzielle Unterstützung europäischer Institutionen nur selten stattfinden können, so kontrovers die ihnen zugrunde liegenden Vereinbarungen auch sein mögen. Oft basieren diese Förderungen auf Zielsetzungen, die viel mehr mit der historischen Schuld und der Macht Europas zu tun haben als mit einer angemessenen Wiedergutmachung, auch wenn sie konkrete Möglichkeiten schaffen, Netzwerke des Austauschs aufzubauen. Die Pandemie veranlasste uns, alternative Formen der Kenntnisnahme dieser Grenzen und Paradoxe zu entwickeln: um unsere eigene Praxis kritisch zu betrachten und um uns in dieser Debatte so zu positionieren, dass wir die politischen Beziehungen verbessern können, angesichts der dringenden Notwendigkeit, gegen unausgewogene Machtdynamiken im Kunstbereich anzugehen.
 
Sowohl in dem hier präsentierten Klangstück als auch in der Videokonversation überschneiden sich das Persönliche und das Historische, indem sie eine traumartige Landschaft heraufbeschwören, die mit einer Reise durch verschiedene, aber miteinander verbundene Zeitlichkeiten und Momente der Schwarzen Erfahrung in Bezug auf den Atlantik beginnt: von Fred Motens radikaler Schwarzer Theorie über Schlüsselmomente der südafrikanischen Geschichte bis hin zur haitianischen Revolution und ihren unzähligen, oftmals weniger bekannten Schichten.

Angesichts der ständigen Erneuerung von Kontrollmechanismen behält das Provisorische eine generative Kraft, die uns neue Pfade durch die Schichten von Geschichte, Erinnerung und unvorhergesehenen Begegnungen eröffnet.

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