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Serienfieber
4 Blocks: Berlin gehört jetzt uns!

Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Toni, Vince und Abbas gesehen durch die Windschutzscheibe ihres Autos, eine Handfeuerwaffe liegt auf der Ablage.
Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Toni, Vince und Abbas im Auto. | © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

​Zweifellos: „4 Blocks“ ist beziehungsweise war die einflussreichste deutschsprachige Fernsehserie der vergangenen Jahre. Seitdem will hierzulande jeder große Sender oder Streamingservice seine eigene urbane Crime-Story mit Straßengeruch und Rapper*innen-Gastauftritten. Jedoch: Natürlich ist „4 Blocks“ weit mehr als einfach nur die Serie, die bewies, dass man durch den Schulterschluss mit der deutschen Hip-Hop-Szene Fernsehserien schaffen kann, bei denen auch die Instagram- und TikTok-Kids einschalten.

Von Sascha Ehlert

Dass 4 Blocks anders ist, weiß man bereits Sekunden nach Beginn der Serie. Ein junger Mann sitzt vor einem Imbiss und isst, im Hintergrund wird Arabisch gesprochen. Er wird von einem anderen jungen Mann zu einem Mofa gerufen: „Yallah, komm mal.“ Und man kommt selbst auch mit, sieht als Teil des Publikums dabei zu, wie die beiden Typen mit dem Mofa losbrettern, die Sonnenallee in Berlin-Neukölln entlang und dann nach Kreuzberg rüber, wo sie am Görlitzer Park mit schwarzen Straßendealer*innen Drogen gegen Geld eintauschen; dabei läuft ein schwerer düsterer Beat und Hasan K. – ein Neuköllner Musiker, vor 4 Blocks nahezu unbekannt – rappt: „Junkies haben Isyan und Kummer, seine Drogen ersetzen die Wärme von Mutter, er sabbert, jetzt ist das Kristall sein Futter.“
 
Was vielleicht erstmal banal klingen mag und wie nichts, was man nicht schon mal gesehen hätte, war fürs deutsche Publikum eine kleine Revolution. Dazu muss man wissen: Deutsches Fernsehen heißt in der Regel, dass alles, was mutmaßlich nicht der sogenannten Mitte der Gesellschaft entspricht, traditionell entweder hilflos unauthentisch oder gnadenlos überzeichnet gezeigt wurde. Wenn im Tatort mal ein nicht‑weißer Mensch vorkam, dann oft als eindimensional gezeichneter Bösewicht, gänzlich ohne Empathie behandelt von Kamera und Regie. Seit 4 Blocks 2017 anlief, ist es in der deutschen Filmlandschaft immerhin deutlich schwieriger geworden, so ignorant auf Marginalisierte zu blicken.
 
Erzähltechnisch ist 4 Blocks ein sehr klassisches Organized-Crime-Drama. Es gibt das obligatorische Katz-und-Maus-Spiel mit der Exekutive, es gibt die vorhersehbaren Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Gruppen innerhalb des Milieus, vor allem ist 4 Blocks aber eine Familiengeschichte. Eine Geschichte, die eine Gruppe von Männern zeigt, die mal mehr, mal weniger direkt miteinander verwandt sind und Geld mit Gewalt und Drogen verdienen, aber ebenso das Leben der Menschen darstellt, die von und mit diesem sogenannten schmutzigen Geld leben – Freundinnen, Ehefrauen und Kinder. Und, das muss man der Serie zugutehalten, 4 Blocks macht das sehr gewissenhaft. Dies ist keine Serie, in der die Rahmenerzählung eigentlich nur dazu da ist, um möglichst viel Gewalt auf die Bildschirme zu bringen. Zumindest über weite Strecken schafft es 4 Blocks die Menschen als Menschen zu zeigen, nicht nur als Täter*innen und Opfer. 

  • Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Tony (Kida Khodr Ramadan) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Tony (Kida Khodr Ramadan)
  • Standbild TNT Serie „4 Blocks“:  Robert und Latif (Marc Hosemann / Wasiem Taha) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Robert und Latif (Marc Hosemann / Wasiem Taha)
  • Standbild aus der Serie „4 Blocks“: Vince (Frederick Lau) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild aus der Serie „4 Blocks“: Vince (Frederick Lau)
  • Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Kutscha (Oliver Masucci) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Kutscha (Oliver Masucci)
  • Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Amara (Almila Bagriacik) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Amara (Almila Bagriacik)
  • Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Ruff (Ronald Zehrfeld) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild TNT Serie „4 Blocks“: Ruff (Ronald Zehrfeld)
  • Standbild TNT Serie „4 Blocks“: TKemal und Alexander (Sami Nasser/Gerdy Zint) © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.
    Standbild TNT Serie „4 Blocks“: TKemal und Alexander (Sami Nasser/Gerdy Zint)
Interessant auch: Die Debatte über Macht und Einfluss sogenannter „Großfamilien“ – oftmals libanesischstämmiger muslimischer Familienverbände, die sich mit Rockerbanden und weiteren Organisationen die Macht über das hiesige Nachtleben, inklusive allem was dazu gehört, teilen – wurde in Deutschland erst dann richtig groß, nachdem 4 Blocks zu einer beliebten Serie bei „den Kids“ geworden war und auch alle Feuilletons darüber geschrieben hatten. Deutschland sah dort also etwas, was man vorher weitgehend ignoriert hatte. Weil es einem Angst machte: seit Jahrzehnten strukturell benachteiligte Menschen, die mit wirtschaftlicher Schläue und einer Skrupellosigkeit dem Gesetz gegenüber reich und mächtig geworden waren – so mächtig, dass sich ihr Einfluss nicht mehr nur auf das „Nachtleben“ beschränkte, sondern immer weiter hinein in die Gesellschaft reichte. Eine alte Geschichte, ihr kennt sie aus den Filmen und Serien über die italienische Mafia in den USA oder die Drogenkartelle Südamerikas.
43 TV
Eine Frage bleibt natürlich zu klären: Ist 4 Blocks nicht nur einflussreich und in seiner Wirkung interessant, sondern auch gutes Fernsehen? Über weite Strecken: Ja. Vor allem in der zweiten Staffel – nachdem (Vorsicht: Spoiler) Frederick Lau als der „gute Deutsche“ zum Ende der ersten Staffel gestorben war, konzentrierte sich 4 Blocks in Staffel 2 konsequenter auf die Darstellung muslimischen Lebens in Berlin mit vielen Grautönen zwischen religiösem Wertekonservatismus auf der einen und modernem Weltbürger*innentum auf der anderen Seite. Zugleich zog die Serie in Sachen Spannungsaufbau an. Nur: Nach dem dramatischen Ende der zweiten Staffel war dann irgendwie die Luft raus. Danach wollten die Menschen hinter der Serie scheinbar nochmal einen draufsetzen, scheiterten und landeten schließlich doch dort, wo 4 Blocks doch eigentlich nie hin sollte (oder?): in der Actiondrama‑Klischeefalle. Und so lautet die Antwort auf eine zweite Frage – Reicht 4 Blocks an seine US-amerikanischen Vorbilder heran? – leider dennoch: Nein.

Ali Hamady, der von Kida Ramadan gespielte „Patron“ der Großfamilie, wird von seinen Freunden Tony genannt; was natürlich kaum missverständlich eine Anspielung auf Anthony „Tony“ Soprano ist, den so einschüchternden wie psychisch fragilen Boss in der besten Serie über organisiertes Verbrechen, die es gibt: The Sopranos schaffte es, zwischen all den Leichen, die die Serie produzierte, ein beeindruckend komplexes Bild einer Gesellschaft zu zeichnen und zudem für sich selbst wie andere toxische Männlichkeit zu dekonstruieren, lange bevor dieses Schlagwort in aller Munde war. 4 Blocks aber deutet die Traurigkeit und Brüchigkeit, die hinter den gewalttätigen Fassaden dieser Männer versteckt wird, nur an und verharrt dabei meist in holzschnittartigen Klischees. Anthony Soprano und Christopher Moltisanti sind Figuren, die man nie vergessen wird, an die man sich fast so erinnert wie an „echte“ Menschen. Menschen, die man gehasst und geliebt hat zugleich. Ali und Abbas Hamady hingegen werden immer die Figuren einer richtig guten Serie bleiben.

4 Blocks
Staffel1–3 / 19 Episoden jeweils 45–60 Minuten.

Regie: Marvin Kren (6 Episoden, 2017), Oliver Hirschbiegel (3 Episoden, 2018), Özgür Yildirim (10 Episoden, 2018/2019). 
Entwickelt von Wiedemann & Berg Television und TNT Serie. „4 Blocks“ wurde ursprünglich geschrieben von Hanno Hackfort, Bob Konrad, Richard Kropf und Marvin Kren (der auch an der ersten Staffel Regie geführt hat). Die dritte Staffel wurde von Hackfort, Frédéric Hambalek und Niko Schulz-Dornburg geschrieben, basierend auf dem Konzept von Hackfort, Konrad, Kropf und Eckehard Weis.


 

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