Szenenbildner in Deutschland Stimmungen in Räumen erschaffen

Die Waldstadt Ragnarök aus „Die Wilden Kerle 4“
Die Waldstadt Ragnarök aus „Die Wilden Kerle 4“ | © Maximilian Lange

Ein Szenenbildner ist ein kreativer Gestalter. Doch nicht nur, er muss ein Alleskönner sein: Künstler, Kommunikationsexperte, Finanzchef und Abteilungsleiter zugleich. Lässt sich das lernen?

Die muffige Fünfzigerjahre-Amtsstube in Lars Kraumes Film Der Staat gegen Fritz Bauer oder eine abenteuerliche Waldstadt in Joachim Masanneks Die Wilden Kerle – es ist das Szenenbild, das die ganz besonderen Räume eines Films kreiert, und damit zugleich seinen Zeitgeist, sein gesellschaftliches Milieu und seine Atmosphäre erschafft. Noch heute erinnert sich Szenenbildner Maximilian Lange an die Wilden-Kerle-Produktion zurück: „Von der Arbeit her war das fantastisch. Da wurde jedes Requisit angefertigt und jedes Fahrzeug erfunden. Das war ein Spielplatz für große Jungs.“ Aber so viele kreative Freiräume, fügt er hinzu, habe man natürlich nicht immer.

Maximilian Lange Maximilian Lange | © Maximilian Lange Lange, Jahrgang 1971, arbeitet seit dem Jahr 2000 als Szenenbildner oder, wie es auch heißt, Production Designer in München. Er hat deutsche und internationale Kinofilme ausgestattet, außerdem Fernsehkrimis wie den Tatort. „Der Szenenbildner arbeitet schöpferisch und eigenverantwortlich an der Gestaltung eines Films, indem er den Raum für das Spiel der Schauspieler und die Bewegung der Kamera kreiert“, definiert der Verband der Berufsgruppen Szenenbild und Kostümbild e. V. (VSK), dem auch Lange angehört, das Berufsbild. „Ich versuche, ein schlüssiges Gesamtbild für einen Film herzustellen“, umschreibt Lange die Tätigkeit als Szenenbildner.

Der Film beginnt im Kopf

Seine Arbeit fängt Wochen, manchmal Monate vor dem eigentlichen Drehbeginn an. Im Idealfall wird eine Szenenbildnerin oder ein Szenenbildner bereits in die Produktion geholt, sobald das Treatment, also die Vorstufe des Drehbuchs, steht. Aber meist beginnt der Job mit dem Drehbuch: „Schon beim Lesen läuft in meinem Kopf ein eigener Film, weil ich mir automatisch Räume und Stimmungen dazu vorstelle“, erklärt Lange.

Ausgehend vom Drehbuch erstellt er eine räumliche Dramaturgie des Films: In welcher Zeit spielt die Handlung, wie ist die Grundatmosphäre, wo gibt es reale Drehorte, wo müssen komplette Sets neu gebaut werden? „Ich habe bei einem Tatort mitgearbeitet, der zu großen Teilen in einem Gericht spielte. Wir haben keinen Originalschauplatz gefunden, an dem wir drehen durften, und haben dann in einem ehemaligen Bankgebäude ein Gericht nachgebaut“, erinnert sich Lange.

Motive und Räume werden in Skizzen bildlich festgehalten und Ideen mit den Gewerken Regie, Kamera, Produktion und Kostüm abgesprochen. Bereits in diesem frühen Stadium schätzt er ein, welche Kosten durch das Szenenbild zu erwarten sind. „Es geht immer darum, Realitäten abzugleichen: Welche dramaturgischen Konzepte haben wir? Wie viel Geld hat die Produktion zur Verfügung? Es ist ein ständiger Austausch zwischen dem, was wir wollen, und dem, was wir können.“

Kommunikation und Durchsetzungsvermögen sind wichtig

Ein Szenenbildner ist immer auch Abteilungsleiter des sogenannten Art Departments. Er verwaltet das Budget und stellt sein Team zusammen. Je nach Größe der Produktion können neben einem Assistenten, einem Requisiteur und einem Locationscout auch ein zusätzlicher Art Director, ein Set Dresser oder Set Decorator zum Art Department gehören. Gemeinsam werden passende Möbel und Dekorationen ausgesucht. Organisationstalent und Kommunikationsfähigkeit sind, so Lange, wichtige Voraussetzungen für den Beruf: „Man muss Mitarbeiter motivieren und das Gefühl herstellen können: Das ist unser Film“.

Quereinstieg oder Studium?

Maximilian Lange hat zunächst Innenarchitektur studiert und kam dann über Assistenzen zum Beruf Szenenbildner. Viele Jahre war der sogenannte Quereinstieg die einzige Möglichkeit, Szenenbildner zu werden. Erst seit 1991 gibt es in Deutschland akademische Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für diesen Beruf. Ein Szenenbild-Studium bietet im Vergleich zum Quereinstieg unter anderem den Vorteil, dass man sowohl in theoretischen Seminaren als auch bei praktischen Filmprojekten ein filmisches Basiswissen erhält und dadurch ein kompetenter Gesprächspartner im Team ist. Außerdem können sich die Studierenden gut vernetzen, sagt Regine Witzig, die das zweieinhalbjährige Projektstudium Szenenbild an der Filmakademie Baden-Württemberg betreut: „Sie kennen etliche Kameraleute, Regisseure und Produzenten, wenn sie das Studium abgeschlossen haben.“ Das ist wichtig, denn ein großer Teil der Aufträge läuft über persönliche Kontakte. Doch auch für die Absolventen der Akademien seien Assistenzen wichtig. Ein Patentrezept für den beruflichen Werdegang gibt es wohl nicht. „Gesundes Selbstbewusstsein“ sollte man besitzen, findet Regine Witzig, „Man hat mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun und muss seine Ideen durchbringen können.“

Der kreative Gestaltungsraum ist bei jedem Film anders

Etwa 400 bis 600 Szenenbildnerinnen und Szenenbildner gibt es laut VSK in Deutschland, darunter etwa ebenso viele Frauen wie Männer. Fast alle sind freiberuflich tätig. Flexibilität ist gefordert: Lange lebt in München, wo die meisten Fernsehproduktionen in Deutschland gedreht werden, wird aber deutschlandweit eingesetzt. Oftmals holt ihn ein Kameramann oder ein Regisseur, mit dem er bereits gearbeitet hat, wieder ins Team. Ein Szenenbildner sollte belastbar sein, denn es wird schnell produziert, Vorbereitungs- und Drehzeiten sind in den letzten Jahren immer kürzer geworden. Auch mit den Möglichkeiten der digitalen Set-Ergänzung muss er sich auskennen: „3-D-Animationen und virtuelles Design sind heute wichtig“, sagt Lange.

Deutsche Szenenbildner haben ein hohes internationales Renommee. Nicht umsonst sind im Februar 2015 drei Oscars an das Art Department von Studio Babelsberg in Potsdam gegangen. Im eigenen Land müssten sie jedoch, so Lange, noch immer um Anerkennung kämpfen. In England, Frankreich oder den USA genieße das Berufsbild eine höhere Wertschätzung. Einen anderen Beruf wünscht er sich dennoch nicht, dazu sei seine Arbeit zu abwechslungsreich: „Jeder Film birgt seine eigenen Herausforderungen: Mal hat man wenig Zeit, mal gibt es viele Drehorte, mal ist es historisch besonders aufwendig. Doch am Ende ist es immer eine Freude, die eigenen Ideen wachsen und entstehen zu sehen.“