Kleine Verlage Belebung des brasilianischen Buchmarktes

Carambaia Verlag
Carambaia Verlag | Pressebild / Divulgação

Einige setzen auf gute Gestaltung, andere auf besondere, in Brasilien bislang unbekannte Autoren. Trotz der gegenwärtigen Probleme etablieren sich kleinere Verlage in der brasilianischen Buchszene.

Noch vor einigen Monaten fiel die brasilianische Literaturwelt in eine Art Trauer über das Ende des Verlagshauses Cosac Naify, das in Brasilien zu einer Art Bezugspunkt geworden war für sorgfältige Editionen und bei der grafischen Gestaltung im Land neue Maßstäbe etabliert hat. Andererseits entstanden zugleich mehrere neue (vor allem literarische) Verlage mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen. Trotz aller Schwierigkeiten, wie etwa der von großen Buchhandlungen eingeforderten hohen Preise und gestiegener Kosten für Papier, eint sie der Wunsch zu bestehen, zu wachsen und anders zu sein.

Klassiker und Unbekannte

Jeder Verlag scheint seine eigene Strategie zu entwickeln, auch in der Auswahl dessen, was er verlegt. Der gerade neu entstandene Verlag Numa, mit bislang zwei Titeln im Katalog, will mit genau diesen den Weg umreißen, den er zu gehen beabsichtigt. Laut Adriana Maciel, der Numa-Verlegerin, handelt es sich sowohl bei Musicage – palavras (Musicage: Cage Muses on Words Art Music) von John Cage als auch bei O futuro da música local (The future of local music) von Morton Feldman um „Texte, die in der Lage sind, das Verständnis nicht nur der Kunst, sondern unseres gesamten Alltags bedeutend zu erweitern“. Für das erste Halbjahr 2016 plant Maciel, während sie sich weiter an ihre neue Rolle als Verlegerin gewöhnt, zwei weitere Titel zu veröffentlichen, diesmal zeitgenössische Romane des Nordamerikaners Gordon Lish sowie des Norwegers Dag Solstad.

Der Verlag Carambaia ist schon seit zwei Jahren und mit inzwischen zehn Titeln auf dem Markt - darunter Menschen im Krieg des Ungarn Andreas Latzko, aus dem Deutschen übersetzt von Claudia Abeling - und entstand mit dem Ziel, bedeutende und in Brasilien bislang unbekannte Bücher der Weltliteratur zu veröffentlichen. „Wir suchen nach dieser Art Bücher, denn uns ist aufgefallen, dass es an großen, ins Portugiesische übersetzten Autoren fehlt. Viele davon sind in englischer, französischer, deutscher oder spanischer Sprache erhältlich, bei uns aber nicht“, erklärt der Verleger Fabiano Curi. Um „Leser zu gewinnen, die noch das Papier schätzen“, wie es Curi beschreibt, setzt Carambaia auf sorgfältige Gestaltung, Auflagen von tausend Exemplaren und nummerierte Ausgaben, ganz entgegen den Markttrends für das gedruckte Buch. „Sorgfältige Gestaltung entspricht dem Ziel, Leser zu erreichen, die Papierausgaben noch wertschätzen. Natürlich steht es dem Leser frei, einfache, billige oder gar digitale Bücher zu kaufen, doch wenn jemand im Lesen nicht nur einen Nutzen sieht, sondern einen wichtigen Teil seines Lebens, wird er eine schöne Ausgabe schätzen“, glaubt der Verleger.

Deutsche auf der Liste

Unabhängigkeit und Widerstand gegen eine bestimmte Art von „einfacher und allzu kommerzieller“ Literatur sind die Kriterien des von Gianluca Giurlando, einem Italiener, gegründeten Verlags Rádio Londres, dessen Name zurückgeht auf einen klandestinen Sender im Zweiten Weltkrieg, als die Nazitruppen zahlreiche Länder Europas besetzt hielten.

„Den Namen haben wir gewählt, weil er für Eigenschaften steht, die wir auch für die Literatur, die wir verlegen, in Anspruch nehmen“, sagt Giurlando, der einen interessanten Katalog zusammengestellt hat: Soeben sind in seinem Verlag der holländische Gegenwartsautor Arnon Grunberg, sowie der dem brasilianischen Publikum noch unbekannte Nordamerikaner John Williams in Übersetzung erschienen. „Unser Ziel ist, genau so weiterzumachen und große ausländische Autoren nach Brasilien zu holen“, schließt er. Für das kommende Quartal kündigen sowohl Rádio Londres als auch Carambaia an, eine Reihe von deutschen Autoren zu verlegen, deren Namen noch nicht öffentlich sind, da über die Rechte derzeit noch verhandelt wird.

„Ein Miniaturverlag“

Ganz gegen die Gesetze des Marktes und mit einem besonderen Anliegen, denn die Erwirtschaftung von Gewinn ist nicht beabsichtigt, entstand Luna Parque aus dem Wunsch zweier Lyriker heraus, die nun auch Verleger sind: Experimentelle Projekte für die Poesie zu erschaffen. Marília Garcia und Leonardo Gandolfi gründeten im vergangenen Jahr den Verlag, der heute in drei Richtungen arbeitet: die Herausgabe einer Lyrikzeitschrift (Grampo), die Übersetzung von bislang in Brasilien noch nicht verbreiteten Lyrikern und kleine Bücher, die von je zwei brasilianischen Dichtern gemeinsam konzipiert werden.

„Vor allem diese Idee der gemeinsamen Bücher hat uns sehr fasziniert, wie etwa in den 1970er Jahren, Bücher im Dialog, in Gemeinschaftsarbeit“, erläutert Garcia. Der komplett unabhängige Verlag ist eher ein literarisches Experiment als ein Geschäft, daher beschäftigen sich die Verleger auch nicht mit Businessplänen und verkaufen ihre Bücher lieber auf Lesungen und sehr intensiv über soziale Netzwerke.

Alternative Vertriebsformen

Diese Strategie verfolgen auch die anderen Verleger; sie alle suchen nach alternativen Vertriebsformen. Neben der intensiven Nutzung sozialer Netzwerke und effizienter Online-Verkaufsformen setzen die Verlage auf die Sympathie kleiner Buchhandlungen mit günstigeren Konditionen für die Verleger und, vor allem im Fall Luna Parque, auf Lesungen und Buchvorstellungen. Gianluca Giurlando behauptet sogar, ein Verlag bräuchte, um zu überleben und sogar zu wachsen, nicht einmal unbedingt viele Leser. „Eher braucht es interessierte, treue und intellektuell neugierige Leser“, so sein Fazit.