Frauen und Film „Das Kino der Regisseurinnen“

Filmstill Praça Walt Disney
Filmstill Praça Walt Disney | Pressebild / Divulgação

Trotz der Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter ist der audiovisuelle Sektor weiterhin und in verschiedenen Ländern von Männern dominiert.

Von den 2606 audiovisuellen Produktionen, die 2015 über das „Certificado de Produto Brasileiro“ als brasilianisch zertifiziert wurde, standen nur 19% unter der Regie einer Frau, in 23% der Produktionen stammte immerhin das Drehbuch von einer Frau. Diese von Débora Ivanov, Direktorin der Nationalen Filmagentur Brasiliens Ancine, anlässlich des Rio Content Market 2016 vorgelegten Zahlen zeigen, dass Brasilien im Segment der audiovisuellen Produktion noch weit entfernt ist von einer Gleichheit der Geschlechter.

Dies ist allerdings keine ausschließlich brasilianische Realität. Das Geena Davis Institute on Gender in Media forscht seit Jahren über Genderfragen in Medien und in der Unterhaltungsindustrie. Für einen 2014 vorgelegten Bericht analysierten MitarbeiterInnen des Instituts die Filmproduktion in 11 Ländern. In Indien entstanden 9,1% der ausgewerteten Filme unter der Regie einer Frau, in China waren es 16,7% und in Australien 8,3%. Eine ähnlich ausgerichtete Studie in Deutschland, der erste Regie-Diversitätsbericht des Bundesverbands Regie (BVR), 2010-2013 kommt zu dem Ergebnis, dass nur in 22% der im Untersuchungszeitraum in deutschen Kinos gezeigten Filme eine Frau Regie geführt hatte. „Frauen sind üblicherweise in anderen Bereichen der Filmproduktion anzutreffen, im Schnitt, bei den Kostümen, beim Szenenbild. Doch das ändert sich allmählich und wir haben mittlerweile auch eine ganze Reihe von Regisseurinnen“, sagt die in Deutschland arbeitende argentinische Regisseurin Jeanine Meerapfel. Betrachten wir ausschließlich Kinoproduktionen, kommen wir im Jahr 2015 auch in Brasilien auf eine Quote von 22% Regisseurinnen.

Etwas besser sieht es bei den ausführenden Produzentenaus: Die Untersuchung des Ancine kommt zu dem Ergebnis, dass in 41% der 2015 in Brasilien von Frauen realisierten Filmen eine Frau „executive producer“ war. „Die Beteiligung von Frauen in der audiovisuellen Produktion ist eine strukturierende. Frauen sind präsent in der Vermarktung, der Projektorganisation, stehen in vorderster Reihe der Produktion und in künstlerischen Funktionen. Sie sind hocheffizient, engagiert und beweisen Durchhaltevermögen, leider jedoch befinden sie sich noch nicht in ausreichender Zahl in Führungspositionen“, stellt Ivanov fest.

Zugang zu Mitteln und Distribution

Für die deutsche Kuratorin und Kunstkritikerin Ruth Noack ist das Maß für Gleichheit an Gesetzen und an der Praxis ablesbar: „Wer hat Zugang zu Produktionsmitteln, Förderstrukturen, Distributionsnetzwerken?“, fragt sie. Nach Angaben des filmpolitischen Informationsdienstes black box finanzierte der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) 2013 insgesamt 115 Filmprojekte, lediglich 13% davon waren von Regisseurinnen. In Brasilien zeigen die Angaben des Ancine aus 2015, dass von den Filmen, die Mittel aus dem Fundo Setorial Audiovisual erhielten oder indirekt finanziert wurden, nur 20% unter der Regie einer Frau standen, wobei 23% eine Frau als Drehbuchautorin hatten und 47% eine Frau als executive producer.

„Am SPCine [Gesellschaft für Kino und audiovisuelle Produktionen - eine Initiative des Kulturdezernats der Hauptstadt sowie der Regierung des Bundesstaates São Paulo] legen wir Wert auf Geschlechterparität in den Jurys unserer Auswahlgremien, so wie Ancine ebenfalls eine Geschlechterparität für seine Auswahlkommissionen für die Fördermittel des Fundo Setorial Audiovisual vorschreibt. Dies ist noch kein Garant für mehr Frauen in den geförderten Produktionen, doch immerhin ein anderer Blick auf die Projekte, und das ist das Entscheidende“, stellt Malu Andrade, die Koordinatorin für Innovation, Ausbildung und Zugangsmöglichkeiten des SPCine, fest.

Historische Gründe

Viele der Gründe für die ungleiche Verteilung der Geschlechter in audiovisuellen Produktionen sind dieselben wie in anderen Bereichen: Strukturell männerdominierte und machistische Gesellschaften, welche die Gleichheit der Frauen gegenüber ihren männlichen Kollegen nicht anerkennen. „Lange haben Frauen für einen Zugang zum Arbeitsmarkt gestritten. Und sie haben es geschafft. Doch ihre Aufgaben haben sich nur verdoppelt, da Hausarbeit weiterhin ihnen allein vorbehalten blieb. Kreative Arbeit braucht Zeit und Konzentration. Kreative Arbeit mit Hausarbeit zu vereinbaren war nicht immer möglich. Entscheidend war eine neue Haltung der Männer. Auch diese Veränderung war ein Kampf und eine Errungenschaft der Frauen. Niemand hat aus reiner Gutmütigkeit nachgegeben. Und die Veränderung wird erst möglich durch eine andere Haltung der Frauen selbst“, analysiert die südbrasilianische Regisseurin Ana Luiza Azevedo.

Für die Regisseurin Renata Pinheiro aus Pernambuco ist die Beteiligung von Frauen im audiovisuellen Bereich schon immer bedeutend gewesen: „Natürlich ist die Beteiligung und Anerkennung der Frauen als Künstlerinnen im Kontext einer patriarchalen Gesellschaft immer viel schwieriger. Unsere Freiräume verdanken wir einem zähen Kampf, den der Feminismus in den 1960er Jahren für unsere Ausdrucksmöglichkeiten und unsere verdiente Anerkennung aufgenommen hat.“

Fehlende Pluralität der Darstellungen und Sichtweisen

Jedoch ist eine gleiche Verteilung kreativer Positionen im audiovisuellen Bereich nur ein erster Schritt. „Als moderne Feministinnen sind wir uns sehr bewusst über die Intersektionalität von Machtverhältnissen, dass also die Analyse von Ungleichheit im Film über Genderfragen hinausgehen muss“, sagt Noack. Eine Intersektionelle Betrachtung berücksichtigt neben dem Geschlecht auch verschiedene andere Faktoren der Ausgrenzung, wie etwa soziale Klasse, ethnische Herkunft und sexuelle Orientierung. „Die mangelnde Diversität der Geschlechter hinter der Kamera spiegelt sich in einer fehlenden Pluralität der Darstellungen und Sichtweisen. Wichtig ist der Hinweis, dass dieser Mangel noch offensichtlicher wird, wenn es um schwarze oder indigene Frauen geht. Von Fragen der sozialen Klasse ganz zu schweigen“, stellen die Filmschaffenden von „Vermelha“ fest, einem Zusammenschluss der Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen und Cutterinnen Manoela Ziggiatti, Lillah Halla, Caru Alves de Souza, Iana Cossoy Paro e Moara Passoni.

Zudem ändern sich in einer Gesellschaft verankerte Strukturen nicht einfach von selbst. Es ist kein Zufall, dass nur wenige Filme den „Bechdel-Test“ bestehen, der Filme nach drei Kriterien untersucht: Zwei weibliche Protagonistinnen, die sich miteinander unterhalten, ohne dass es dabei um einen Mann geht. „Wichtig ist zu verstehen, dass es nicht damit getan ist, dass Frauen kreative oder auch Machtpositionen im Film einnehmen. Das allein garantiert noch keine Veränderung in Erzählweise und Darstellungsformen. Daher setzen wir auch auf Bildung. Wenn Männer und Frauen nicht lernen, die machistischen, sexistischen und rassistischen Mechanismen in unserer Gesellschaft zu erkennen, reproduzieren sie diese wie selbstverständlich“, sagen die Filmfrauen von „Vermelha“. Auch Ana Luiza Azevedo sagt: „Ich glaube nicht, dass allein eine Frau hinter der Kamera schon gewährleistet, dass das vermittelte oder auf die Leinwand projizierte Bild nicht doch machistisches Gedankengut reproduziert. Nicht nur Männer sind verantwortlich für die Perpetuierung eines machistischen Denkens innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe. Auch die Frauen tragen dafür Verantwortung“, stellt die Regisseurin fest.

Diskussionsräume

In Brasilien sind zahlreiche Aktionen und Diskussionen rund um die Beteiligung der Frau im audiovisuellen Bereich entstanden. Eine davon ist die Facebook-Gruppe „Mulheres do Audiovisual“, die bereits 4000 Teilnehmerinnen hat. „Es geht darum, eine virtuelle Möglichkeit zur Begegnung und zum Gespräch anzubieten. Die Idee ist, Mobilisierung zu schaffen, Erfahrungen auszutauschen und Daten über die Beteiligung von Frauen am audiovisuellen Markt zu erheben“, erzählt Malu Andrade, die Initiatorin der Gruppe.

Auch auf verschiedenen Podien des Rio Content Marketing sowie des Brasília Debate Cinema de Mulheres im Rahmen einer Filmschau des Carmen-Santos-Wettbewerbs wurde das Thema diskutiert. Dieser Wettbewerb berücksichtigt Filme mit überwiegend weiblicher Besetzung und Thematik, wie Stärkung von Frauenrechten, Gender-Stereotypen und Gewalt gegen Frauen. Das Kollektiv „Vermelha“ machte diese Diskussion schließlich öffentlich: „Wir haben als eine Forschungsgruppe begonnen, und die Diskussionsreihe „Quem tem medo das mulheres no audiovisual?“ (Wer hat Angst vor den Frauen im audiovisuellen Bereich?) war unsere erste Aktion. Wir wollen mit der Analyse weitermachen und weitere Aktionen zur Bildung und Reflexion anstoßen“, sagen die Filmemacherinnen.
 

Das Goethe-Institut veranstaltet eine eigene Reihe mit Filmen von Frauen mit anschließender Diskussion. In São Paulo fand die Begegnung mit der Kuratorin Ruth Noack und den Filmemacherinnen Renata Pinheiro und Viviane Ferreira am 14. April statt. Im Juli wird die Reihe in Porto Alegre zu sehen sein. Es diskutieren: die Regisseurinnen Jeanine Meerapfel und Ana Luiza Azevedo.