Hommage Die Dichterin Ana Cristina Cesar

Ana Cristina Cesar. Rio de Janeiro, ca. 1976
Ana Cristina Cesar. Rio de Janeiro, ca. 1976 | Foto Cecília Leal. Archiv ACC/Instituto Moreira Salles

„Die Wahl des Autors, der mit einer Hommage gewürdigt wird, ist immer eine literarische, aber auch eine politische Angelegenheit”. Mit diesen Worten erklärt der Kurator der Flip, Paulo Werneck, warum die Dichterin Ana Cristina Cesar (1952–1983) auf der nächsten Ausgabe des im Juni 2016 zum 14. Mal stattfindenden Literaturfests in Paraty mit einer Hommage geehrt wird.

„Ana Cristina ist eine Schriftstellerin, die hier und im Ausland einem größeren Publikum vorgestellt werden muss. Die Autoren, die zusammen mit ihr in der Sammlung Cantadas Literárias (Literarische Gesänge) des Verlags Editora Brasiliense erschienen sind, werden immer noch gelesen und wiedergelesen. Ana Cristina ist ein immer noch gut gehütetes Geheimnis der Dichter und Lyrikleser”, erklärt der Kurator der Festa Literária Internacional de Paraty (Flip), Paulo Werneck. Wenn dem so ist, so handelt es sich jedoch um ein Geheimnis, das bald gelüftet wird: Denn die Hommagen der Flip bringen gewöhnlicherweise neue Ausgaben, Debatten und Übersetzungen mit sich, die neue Leser anziehen und dem Werk der so geehrten Autoren zu größerer Sichtbarkeit verhelfen.

Briefe aus Europa und eine App

Die Literaturprofessorin Heloisa Buarque de Hollanda, die eine der besten Freundinnen der Dichterin war, erzählt, dass die Ankündigung der Hommage an Ana Cristina Cesar sie berührt habe und erinnert daran, dass die „Aktualität ihres Werks an der wachsenden Zahl von Lesern und Dissertationen und sogar der bedingungslosen Fans, die von Tag zu Tag größer wird, gemessen werden kann“. In den vergangenen Monaten hat sich die Spezialistin einer Reihe von Veröffentlichungen gewidmet, die sich mit Ana Cristina Cesar beschäftigen und Anfang 2016 erscheinen.

Die zusammen mit Armando Freitas Filho herausgegebene Correspondência incompleta (Unvollständige Korrespondenz) ist eine Sammlung von Briefen, die sich die Dichterin mit Heloisa Buarque de Hollanda und drei weiteren Freundinnen Anfang der 1980er-Jahre schrieben, als sie für ein Masterstudium nach England ging. „Ana war eine ausdauernde Briefschreiberin. Briefe waren für sie vielleicht noch wichtiger als Gedichte. Im Grunde sind die Gedichte von Ana C. nichts anderes als Briefe, die an sie selbst oder geheimnisvolle Empfänger gerichtet sind“, erklärt die Professorin.

Und die Briefe sind auf gewisse Weise auch Gedichte, schließlich finden sich in vielen von ihnen erfundene Begebenheiten, betont demgemäß Buarque de Hollanda: „Besonders interessant an den Briefen ist, dass in ihnen dieselben Ereignisse eines Tages in unterschiedlichen Versionen für jede einzelne dieser Freundinnen berichtet werden und so auf ein konstantes Anliegen ihres Werks verweisen: das Anhören des anderen“. Im Rahmen der Edition von e-galáxia, die nur im Internet verfügbar sein wird, ist auch die Veröffentlichung eines „kostbaren Geschenks“ geplant: eine Audioaufnahme der Dichterin, in der sie über ihr Werk spricht. Darüber hinaus arbeitet Buarque de Hollanda an einer „App“ mit Postkarten, die ihr Ana Cristina Cesar geschrieben hat.

Die Stunde der Frauen

Ana Cristina Cesar, 30 Jahre nach ihrem Selbstmord von dem Verlag Companhia das Letras 2013 veröffentlicht, war und ist immer noch Bettlektüre jeder zweiten zeitgenössischen brasilianischen Dichterin. Der Band Poética, der aus den wenigen Büchern die die Autorin – fast immer in kunsthandwerklichen Editionen – zu Lebzeiten veröffentlichte, und neben Kritiken auch aus einer Reihe erst posthum herausgegebener Gedichte besteht, gewährt dem Leser den vollständigsten Zugang zur Gesamtheit ihres Werkes, das jedoch an sich unvollständig bleibt, da diese Unvollständigkeit eines seiner Markenzeichen ist.

Der Kurator Paulo Werneck erinnert daran, dass eine Reihe von Schriftstellerinnen, die in den vergangenen Jahren auf die Flip kamen, von Ana Cristina Cesar beeinflusst waren, und die Dichterin nicht zuletzt deswegen schon seit einigen Jahren als mögliche mit einer Hommage zu Ehrende gehandelt wurde: „Die Flip wird auf dem Feld der Dichtung immer stärker. Einige Schriftstellerinnen, die in den letzten Jahren am meisten Bücher verkauft haben, sind Bruna Beber und Matilde Campilho. Und andere außerordentliche Dichterinnen wie Ana Martins Marques und Angélica Freitas waren ebenfalls hier. Diese Generation trägt die Spur von Ana Cristina in sich“.

Heloisa Buarque de Hollanda argumentiert, dass „die Art der Erziehung, die die patriarchale Kultur der Ausbildung von Frauen aufdrückte, dieses Bild der Fürsorge für andere, des Feingefühls und vor allem des Geheimnisses begünstigte“, die im Werk von Ana Cristina Cesar zu finden sind. Andererseits räumt die Professorin ein, „dass die jüngsten Schriftstellerinnen und Aktivistinnen des neuen Feminismus diese Charakterzüge unerschrocken und entschlossen ablegen“. 

Hindernisse und verschlossene Türen

Wenn 2015 das Jahr war, in dem feministische Themen stärker als je zuvor in Brasilien auftauchten, spiegelt die Wahl von Ana Cristina Cesar als gewürdigte Autorin der Flip zumindest im Bereich der Literatur diesen Moment wider – auch wenn laut den Aussagen des Kurator der Festa Literária „in allen Bereichen Machismus existiert und der Literaturbereich nicht aufgeklärter als andere ist – ganz im Gegensatz zu dem, was viele denken”.

Für Juliana Gomes, Juliana Leuenroth und Michelle Henriques, den Veranstalterinnen von #leiamulheres, einem Leseclub, der sich als „Kampagne, Manifest und vor allem Einladung zum Lesen dessen, was Frauen geschrieben haben“ beschreibt, stellt die Wahl von Ana Cristina Cesar einen Fortschritt dar. Doch sie erwarten auch, dass „mehr Frauen zur Festa eingeladen werden, sowohl als Autorinnen wie auch als Moderatorinnen, da immer zu wenige von ihnen vertreten sind“.

Der Kurator Werneck gibt zu, dass es sich dabei um eine sensible Frage handelt: „In Verlagen sind Frauen sehr präsent: Sie stellen den größten Teil des Lektorats und veröffentlichen heute sehr viel mehr als zu Zeiten von Ana Cristina Cesar oder von Clarice Lispector. Kurzum sie machen sich an vielen Fronten breit, doch es gibt weiter noch viele Hindernisse und verschlossene Türen“. Aufgrund all dessen lag Ítalo Moriconi vielleicht richtig, als er im Klappentext des Gedichtbands Poética bekräftigte, dass die Zukunft von Ana C. gekommen sei. Und sie liegt nun direkt vor uns.