Rassismus und Kolonialismus „Die Geschichte neu erzählen“

Joshua Kwesi Aikins
Joshua Kwesi Aikins | Foto: Tania Castellví

In deutschen Städten ist der Kolonialismus immer noch präsent: Bis in die Nazizeit wurden Straßennamen mit kolonialer Herkunft vergeben. Der Politikwissenschaftler und Aktivist ghanaisch-deutscher Herkunft Joshua Kwesi Aikins setzt sich mit dem Verein Berlin-Postkolonial für die Umbenennung dieser Straßen ein. 

Herr Aikins, wie zeigt sich die koloniale Vergangenheit heute in Deutschland?

In Städten wie Berlin und München gibt es afrikanische Viertel. Straßen und Plätze dort und anderswo sind nach Orten in Afrika benannt, die einen Bezug zur Kolonialgeschichte haben. Da gibt es Togostraßen oder Swakopmunder Straßen. Das ist der Ort in Namibia (ehemals Deutsch-Südwestafrika), wo eines der ersten Konzentrationslager gebaut wurde. Der Ort erinnert an den Genozid an den Herero und Nama. Viele Straßen ehren aber auch Kolonialisten, etwa in Berlin die Petersallee.
 
Wer ist das?

Carl Peters war einer der grausamsten deutschen Kolonialisten. Er hat, bevor Deutschland offiziell Kolonialmacht wurde, als Privatmann Land in Ostafrika abgesteckt – mit einer gewalttätigen Söldnertruppe und betrügerischen Verträgen. Später wurde er in Deutschland vor Gericht gestellt, weil er seine afrikanischen Diener umbringen ließ. Er hatte ein erzwungenes Verhältnis mit seiner Dienerin und sie wiederum mit dem Diener.
 
Waren den Gerichten die Diener wichtig?

Nein. Es gab aber englische und französische Zeugen. Und da die Kolonialmächte um Afrika konkurrierten und England und Frankreich Deutschland mangelhafte koloniale Fertigkeiten vorwarfen, war der Vorfall äußerst rufschädigend.

Starker institutioneller Rassismus

Trotzdem wurden Straßen nach Peters benannt?

Ja, aber erst im Nationalsozialismus. Und das zeigt eine Kontinuität in der deutschen Geschichte.
 
Können wir solche Kontinuitäten im Alltag sehen?

In unserer Kultur wird die Vorstellung des weißen Deutschlands weitergegeben. Es gibt die Weißen und die Anderen, die als minderwertig oder unterentwickelt gelten. Sie gehören angeblich nicht dazu. Dadurch entsteht ein Selbstverständnis, das auf Überlegenheitsgefühlen fußt – und eine Struktur, in der diese Ideen vermittelt werden. Fast jeder greift - auch ohne Rassist zu sein - auf einen Vorurteilsschatz zurück. Diese Muster lassen sich weit zurückverfolgen. Sie entwickelten sich bereits im 16. Jahrhundert zur Zeit des brandenburgischen Versklavungshandels und wurden über den Kolonialismus in der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und bis heute überliefert.
 
Sind wir Rassisten?

Deutschland ist ein Land mit einem starken strukturellen und institutionellen Rassismus. Das hat oft nichts mit bösem Willen Einzelner zu tun. Im Gegenteil, es gibt Rassismus, der ohne bewusstes rassistisches Handeln entsteht.
 
Wie zeigt sich das im Alltag?

Ich erlebe das ständig. Meist in Form von rassistisch motivierten Polizeikontrollen. Oft bin ich als Afrodeutscher der einzige in einem Zug, der kontrolliert wird. Das ist eine Form von institutionellem Rassismus, die nicht vom bewussten rassistischen Handeln des kontrollierenden Polizisten abhängt. Die Folge dieses Selbst- und Fremdbildes ist eine rassistische Ungleichbehandlung: Es werden Menschen kontrolliert, die nicht in die weiße Nation passen.
 
Und was genau ist Ihr Ziel?

Ich will das ändern. Es ist wichtig, die Geschichte von Rassismus und Kolonialismus in Deutschland neu zu erzählen. Es gibt viele Leute mit einem positiven Bild der Kolonialgeschichte. Zum Beispiel bin ich in Berlin mit einer Führung durch das Afrikanische Viertel und dort in die „Dauerkolonie Togo“ gegangen, das ist ein Kleingartenverein. Der Name „Dauerkolonie Togo“ verweist auf die Kolonialzeit. So benannt wurde der Kleingartenverein in der NS-Zeit. Ziel der Nazis war es, die Kolonien zurückzugewinnen. Der Name war ein positiver Rückbezug auf die NS-Propaganda, auf das koloniale Gedenken.
 
Wie können wir das ändern?

Ich glaube, das ist ein langer, unbequemer Prozess. Wenn wir uns damit auseinandersetzen merken wir, dass wir bestimmte Privilegien haben, die aus den Nachteilen anderer entspringen.

Wir müssen Reparationszahlungen leisten

Welche?

Eines ist, dass wir in einer vormals kolonisierenden Industrienation leben, die heute immer noch in ein Netz aus Wirtschaftsbeziehungen eingebunden ist. Das sorgt dafür, dass Rohstoffe aus den alten Kolonien noch immer hier veredelt und dann ins Ursprungsland zurückgeschickt werden. Als Waren. Davon profitieren wir.
 
Zurück zur Frage, wie wir das ändern können.

Durch Reparationszahlungen und indem wir unser Handeln ändern. Das kann auch symbolisch sein, wie das Umbenennen von Straßen.
 
Das reicht?

Nein, das ist nicht die einzige nötige Reparation, aber eine. Wichtig ist, dass eine Straße nicht nur umbenannt wird, sondern an jemanden erinnert, der sich gegen Kolonialismus oder Rassismus eingesetzt hat.
 
Gab es denn Umbenennungen?

Ja, in Berlin und München. In München heißt die Von-Trotha-Straße nun Hererostraße. Von Trotha war der Kommandant der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika. Er hat den Genozid im heutigen Namibia mit zu verantworten. Es sind aber auch schon Straßen einfach umgewidmet worden. Das geht nicht.
 
Umgewidmet?

Ja, nehmen wir wieder die Petersallee in Berlin: Als Leute in den 1980er-Jahren protestierten, dass sie keine Straße wollen, die nach ihm benannt ist, hat die Stadtverwaltung einfach einen anderen Peters gesucht und die Straße umgewidmet. Dabei war allen klar, dass die Straße nach Carl Peters benannt ist, der in Afrika Menschen umgebracht hat. Für eine andere Umbenennung habe ich mich lange eingesetzt.
 
Für welche?

Das ehemalige Gröbenufer in Berlin heißt jetzt May-Ayim-Ufer. Dort hängt auch eine Plakette am Straßenschild, die erklärt, warum die Straße umbenannt wurde.