Theaterkritik Von der Bühne auf den Bildschirm

Theaterkritik in Brasilien
Theaterkritik in Brasilien | © Colourbox

Das Internet befeuert die zeitgenössische Theaterkritik. Spezialisierte Websites und Blogs verbreiten vielfältige Perspektiven auf das Theater und fördern neue Formen der Interaktion zwischen Aufführungen, Publikum und Medien.

Früher fand Theaterkritik fast ausschließlich in auflagenstarken Tageszeitungen und Zeitschriften sowie im oft unzugänglichen abgeschlossenen akademischen Milieu statt. Während der Platz für sie in der Presse immer kleiner wurde, hat sich in den letzten Jahren mit der Durchsetzung der digitalen Medien ein neues und weites Feld für die Theaterkritik aufgetan und neue Debatten über die Theaterszene ermöglicht. Nach Ansicht des Kritikers, Dramatikers und Herausgebers der brasilianischen Zeitschrift Antro Positivo, Ruy Filho, hat die Verbreitung der Blogs, Websites und elektronischen Zeitschriften ein bislang existierendes Verhältnis umgedreht: „Früher brachte die Theaterkritik den Leser zum Medium; heute bringt das Medium den Theaterkritiker näher an den Leser heran.“

Im Zuge dieser Entwicklung wurde auch die Rolle des Kritikers und die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, neu bestimmt. „Noch vor einigen Jahre hielt man den Kritiker für denjenigen, der das, was er auf der Bühne sah, entweder guthieß oder ablehnte. Der beschränkte Zugang zu den Medien verhalf ihm praktisch zu einem Meinungsmonopol. Mit dem Internet hat sich nun das Feld für die Meinung fast unbegrenzt erweitert; im Gegenzug muss diese sich nun aber legitimieren“, erklärt der Journalist Renato Mendonça, einer der zwei Herausgeber von Agora, einer Website für Theaterkritik.

Brasilianische Websites

Um den gestiegenen Bedarf an Foren zu begegnen, in denen über das Theater nachgedacht werden kann, sind in Brasilien in den vergangenen Jahren neue Plattformen für die Theaterkritik entstanden. Agora Crítica Teatral ist eine landesweite Website, die mit Unterstützung des Goethe-Institut in Porto Alegre eingerichtet wurde. Journalisten aus verschiedenen Regionen Brasiliens liefern Beiträge. Seit Juli 2015 ist Agora online, hervorgegangen aus einem Theaterkritik-Workshop, an dem Jürgen Berger aus Deutschland und sechs weitere Theaterkritiker aus verschiedenen brasilianischen Bundesstaaten teilgenommen haben. Agora veröffentlicht Besprechungen von Inszenierungen, die sich unter anderen an folgenden Kriterien orientieren: der Bedeutung der Künstler, dem innovativen Charakter der Regie, ob es sich um eine Uraufführung handelt, sowie der Frage, inwiefern es wichtig ist, die Inszenierungen aufgrund ihrer historischen Relevanz zu dokumentieren. „Agora folgt einer Tendenz der zeitgenössischen Theaterkritik, die sich von dem Bild des Kritikers, der sich im alleinigen Besitz der Wahrheit wähnt, entfernen möchte. Der heutige Kritiker nimmt eher die Rolle eines privilegierten Zuschauers in der Theaterszene ein, eines Partners der Künstler und des Publikums, der sich bemüht, die Codes und Intentionen [einer Inszenierung] zu entziffern, Bewegungen wahrzunehmen, und zuletzt eine Meinung zu den Aufführungen zu äußern”, erklärt die Kritikerin Michele Rolim.

Im selben Sinne veröffentlicht der Blog Satisfeita, Yolanda? (Zufrieden, Yolanda?), der von den Journalistinnen Ivana Moura und Pollyanna Diniz aus Pernambuco betrieben wird, Theaterkritiken, Interviews, Reportagen und Einblicken hinter die Kulissen. In Minas Gerais versammelt Horizonte da Cena ebenfalls Texte von verschiedenen Kritikern, außerdem Interviews, Essays und Specials. Beide Websites sind zusammen mit der elektronischen Zeitschrift Questão de Crítica aus Rio de Janeiro und der Website Teatrojornal aus São Paulo Teile der Plattform für Theaterkritik DocumentaCena.

Foren für die Reflexion

Mit dem Ziel, Treffen und Gespräche mit den Künstlern des Theaters zu fördern, wurde vor fünf Jahren die Zeitschrift Antro Positivogegründet. „Wir spürten damals und selbst heute, dass Foren fehlen, in denen Theaterkünstler jenseits der Interesses des Markts und des Pragmatismus der Spielzeiten über ihre eigenen Interessen sprechen können“, erklärt Ruy Filho. Der Fokus der Zeitschrift richtet sich darüber hinaus auf das Nachdenken über das produktive, politische und kommerzielle System. „In diesen fünf Jahren hat sich die Theaterszene stark verändert. Wenn auch weiter Fonds für Theaterprojekte öffentlich und privatwirtschaftlich ausgeschrieben werden, es mehr Gelder und [an Theater] interessierte Institutionen gibt, hat sich doch das Gesamtbudget nicht proportional zur Anzahl der Werke und Künstler vergrößert. Dieser Konflikt hat dem Theaterschaffen neue Merkmale verliehen, darunter die stärkere Konkurrenz um Ressourcen und paradoxerweise eine gewisse Standardisierung der Forschungsarbeiten im Theaterbereich. Die dynamische und sogar blühende Theaterszene bleibt jedoch aufgrund bestimmter Bedingungen beschränkt und erweist sich als wenig offen für singuläre Experimente".”, analysiert er.

Inspiriert von dem brasilianischen Projekt Agora und ebenfalls ausgehend von einem Workshop mit dem deutschen Kritiker Berger haben sich chilenische Theaterkritiker zusammengefunden, um Ágora Chile ins Leben zu rufen. Sie folgen derselben Tendenz, der Kritik und dem Nachdenken über Theater einen neuen Platz zu schaffen. Die Texte der Seite richten sich nach einigen essenziellen Maßstäben, darunter der verortete Blick des Kritikers, der in der Lage ist, sich politisch in einen Kontext einzuordnen, um seine Meinung zu äußern. „Es geht darum, erneut zu bestätigen, dass Kritik immer eine subjektive Praxis des Nachdenkens ist, die daran interessiert ist, die Kunst in ihrem Kontext zu erfassen“, betonen die Kritiker von Ágora. Darüber hinaus streben sie an, für die Theaterkritik eine verständliche Sprache zu finden, die dennoch ihre Autonomie hinsichtlich der Sprache der Massenmedien und der akademischen Medien bewahrt. „Wir wollen einen Zwischenraum schaffen, in dem das Nachdenken über ein Stück dazu einlädt, eine demokratische Debatte zu führen.“

Nachdenken über das Theater

Die Mitarbeiter von Agora Brasil nehmen an dem internationalen Theaterfestival Mostra Internacional de Teatro in São Paulo (mitsp.org/2016), teil und veranstalten im Goethe-Institut den „Dia Crítico – eine Tagung zur Theaterkritik auf digitalen Plattformen in Brasilien und der Welt“ mit Podiumsdiskussionen und Vorträgen der Theaterkritiker Jürgen Berger aus Deutschland und Federico Zurita aus Chile, sowie einer Gesprächsrunde mit Kollektiven von Theaterkritikern aus Brasilien. „Es werden Fragen in Zusammenhang mit der Verlagerung der Theaterkritik aus den Tageszeitungen auf die virtuellen Plattformen diskutiert werden und Fragen die sich daraus ergeben, etwa: welche Formate muss die Kritik im Internet annehmen; wie kann es ihr gelingen, sich selbst zu legitimieren; und wie findet sie ihre neue Zielgruppe“, erklärt Renato Mendonça. Außerdem werden die Mitglieder von Agora Brasil vom Festival berichten.