Geplante Obsoleszenz Konsumterror und Ressourcen­verschwendung

Documentarfilm THE LIGHT BULB CONSIPRACY von Cosima Dannortizer
Documentarfilm THE LIGHT BULB CONSIPRACY von Cosima Dannortizer | Foto: Marc Martínez Sarrado / Media 3.14

Seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von der Leuchtmittelindustrie im Gebrauch, ist der Begriff der „geplanten Obsoleszenz“ ein relevantes Thema für die Reflexion über Konsum und Technologie. Unter anderen diskutieren die deutsche Filmemacherin Cosima Dannoritzer und der brasilianische Künstler Lucas Bambozzi das Thema in ihren Werken.

Seit der Industriellen Revolution ist die Beziehung von Konsum, Gesellschaft und Individuum zu einem vieldiskutierten Thema geworden. Man möchte verstehen, wie neue Produktionsmechanismen die moderne Gesellschaft beeinflussen und verändern. Mit der Massenproduktion erstarkte auch das Interesse seitens der Industrie, die Konsumgewohnheiten der Verbraucher besser einschätzen zu lernen und darüber hinaus Strategien zu entwickeln, um das Kaufverhalten effektiv steuern zu können – oder anders gesagt, um die Konsumenten zu noch mehr Konsum anzuregen. In den 1920er Jahren führte die Leuchtmittelindustrie den Begriff der „geplanten Obsoleszenz“ ein. Dieser bedeutet nichts anderes, als dass die Lebensdauer eines Produktes absichtlich herabgesetzt wird, damit der Verbraucher alsbald ein neues, ähnliches Produkt erwerben muss.

Der Gedanke, die Nutzungsdauer eines Produktes absichtlich zu senken, entstand erstmals um 1925, als das Phoebus-Kartel – bestehend aus den führenden Glühbirnenfabrikanten Europas und der Vereinigten Staaten – eine umsatzsteigernde Maßnahme beschloss, mit der die Brenndauer von Glühbirnen von ursprünglich 2.500 auf 1.000 Stunden reduziert wurde. Der Begriff der „geplanten Obsoleszenz“ sollte jedoch erst etwas später von dem nordamerikanischen Immobilieninvestor Bernard London kreiert werden. London plädierte für eine verbindliche Reduktion der Lebensdauer von Produkten, um damit die durch die Krise von 1929 geschwächte Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Londons Idee war recht radikal für seine Zeit und wurde demnach zunächst nicht in die Praxis umgesetzt. Erst in den 1950er Jahren nahm der Industriedesigner Brooks Stevens Londons Gedanken wieder auf. Stevens, bekannt für sein modernes Produktdesign, verteidigte das Diktum der geplanten Obsoleszenz vehement und führte das Argument ins Feld, dass sie verbraucherabhängig sei: Alle Konsumenten wünschten doch neue Produkte auf dem Markt und seien in ihrer Entscheidung, diese zu kaufen oder nicht zu kaufen, grundsätzlich frei – unabhängig von der Nutzungsdauer der Produkte. Mit dem Herabsenken der Nutzungsdauer und der Entwicklung adäquater Produktwerbung würde der Wunsch des Käufers nach dem Neuen und Neuesten immer dringlicher; er würde schließlich aufhören, aus Notwendigkeit zu kaufen und dazu übergehen, aus purer Gewohnheit zu konsumieren.

Für Markus Krajewski, Professor an der Bauhaus-Universität in Weimar, ist neben der Beziehung zwischen Konsument und Produkt auch die Qualität des letzteren entscheidend, wenn von geplanter Obsoleszenz die Rede ist. Während Produkte früher daraufhin hergestellt wurden, um wiederverwertet und repariert zu werden, zielt die Produktion nun darauf ab, sie so schnell wie möglich zu ersetzen. „Bildlich gesprochen: wenn der Tisch nicht von alleine zusammenbricht, kurz nachdem die Gewährleistung des Herstellers abgelaufen ist, dann muss dieser halt möglichst unbemerkt ein Bein so präparieren (am besten: ansägen), dass es nicht allzu lange hält und wie ein natürlicher Verschleiß aussieht“, erklärt Krajewski.

Consumer culture und Elektromüll

Die Herabsetzung der Lebensdauer von Produkten weckte auch die Aufmerksamkeit der deutschen Filmemacherin Cosima Dannoritzer, die der bekannten Rede älterer Menschen, dass doch „früher die Sachen alle viel länger gehalten“ haben, auf den Grund gehen wollte. Zu ihrer Überraschung war „die Wahrheit noch merkwürdiger als das Gerücht an sich“. In ihrem Dokufilm The Light Bulb Conspiracy (2010 – Geplante Obsoleszenz) besucht die Regisseurin mehrere Länder, um dem Einfluss dieses Marktmechanismus auf die Gesellschaft nachzuspüren. Dannoritzer zeigt, wie die durch die geplante Obsoleszenz veränderten Produktionsverfahren und das damit einhergehende Konsumverhalten nicht nur die Beziehung des Verbrauchers zum Produkt modifizieren, sondern auch für die Umwelt von weitreichender Konsequenz sind – ganz abgesehen davon, dass sich innerhalb der Gesellschaft immer mehr Widerstand gegen den zügellosen Konsum regt.

Eine der Folgen des Konsums für die Umwelt ist die stetig wachsende Menge an Elektromüll – Computer, Handys, Chips usw. –, die häufig in Entwicklungsländer überführt und dort entsorgt wird – und dies trotz eines Abkommens, das diese Art von ‚Mülltransfer‘ verbietet. In ihrem Film zeigt Dannoritzer ein Beispiel für die Missachtung dieser Regelung: Agbogbloshie, an der Peripherie von Accra, der Hauptstadt von Ghana gelegen, ist zu einer Müllhalde für Elektroschrott aus Industrieländern wie Dänemark, Deutschland, die USA und das Vereinigte Königreich geworden. Unter dem Vorwand, dem Land in der „Dritten Welt“ helfen zu wollen, schicken diese Länder ihren – angeblich noch verwendbaren – Elektromüll nach Ghana. Dannoritzer beweist jedoch, dass mehr als 80% der Elektroreste tatsächlich Abfall sind und nicht wiederverwertet, geschweige denn wiederverwendet werden können.

Elektromüll steht in direkter Verbindung mit der Wirtschaftskraft: Länder mit höherem Einkommen weisen eine höhere Konsumrate auf und erzeugen demnach auch mehr Elektroabfälle. In einer Gesprächsrunde während des Rio +20-Gipfels, in der es um die Entstehung dieser Abfälle ging (Lixo eletrônico: impactos e transformações - Roda de Conversa Rio+20), sprach Andréa Caresteada, Beauftragte für Umweltbildung des Umweltministeriums, über das Anwachsen der Mittelschicht in Brasilien auf mittlerweile etwa 100 Millionen Menschen. Mit dem Erstarken der Kaufkraft, so Caresteada, sei auch die Nachfrage nach Elektroartikeln wie Haushaltsgeräten, Computern und Mobiltelefonen gewachsen. Dabei würde eine Diskrepanz zwischen der Konsumbereitschaft und dem Umweltbewusstsein der Verbraucher sichtbar: Die Kenntnisse über die Erzeugung von Elektromüll hielten mit den Verbrauchergewohnheiten nicht Schritt.

Krajewski zufolge besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen den Industrieländern wie Deutschland und den USA und den Schwellenländern wie China und Brasilien darin, dass die längere Tradition der geplanten Obsoleszenz in den ersten bereits zur Etablierung einer Widerstandsbewegung geführt hat. In der Architektur und in bestimmten Bereichen des Handwerks, so Krajewski, ließe sich noch immer eine Bevorzugung für die Haltbarkeit der Materialen feststellen. Dies sei beispielsweise der Fall einer Ladenkette, die ihre Produkte nach dem „Manufactum-Prinzip“ herstelle und mit dem Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ erfolgreich für diese werbe.

Und dennoch: Der Dokumentarfilm von Dannoritzer zeigt, dass den Industrieländern noch immer an einem Verantwortungsbewusstsein im Hinblick auf den von ihnen produzierten Elektromüll mangelt. In den in Agbogbloshie aufgenommenen Szenen zeigt der Umweltaktivist Mike Anane, an welchen Stellen die Reste von Computern, Druckern und anderen Geräten enden. Anane wuchs in der Region auf und erzählt, dass dort, wo nun nur noch Müll liegt, einst der Fluss Odaw entlangfloss. Wo nun die Müllhalde immer weiter wächst, gab es einst eine kleine Gemeinschaft von Fischern. Dannoritzer filmte an diesem Ort Jugendliche, die den Abfall verbrennen, um anschließend Plastik- und Metallteile auszusondern und zu verkaufen.

Technologie, Kunst und Widerstand

Karla Brunet, Dozentin an der Fakultät für Kunst- und Geisteswissenschaften der Bundesuniversität von Bahia, bestätigt, dass die schweren Konsequenzen des ungebremsten Konsums für Umwelt und Gesellschaft kaum berücksichtigt wird. Das Konzept der geplanten Obsoleszenz greife heute genauso wie zur Zeit seiner Entstehung Anfang des 20. Jahrhunderts, allerdings unter veränderten Voraussetzungen: „Unser Leben hat an Tempo zugelegt. Deshalb ist auch die Lebensdauer der Waren geringer. Alles verläuft schneller, weil wir alles schneller haben, alles schneller machen wollen. Ein Produkt, das früher vier Jahre gehalten hat, hat heutzutage sicherlich eine kürzere Lebensdauer.“

Da das Neue immer schneller alt wird, wächst auch das Konsumbedürfnis an. Das Neueste vom Neuesten sein eigen zu nennen bedeutet, technologisch auf dem aktuellsten Stand zu sein. Es bedeutet aber auch, dazuzugehören. Für Brunet ist die Werbung einer der wichtigsten Mechanismen, um die Kauflust anzustacheln, auch weil sie weitaus subtiler vorgeht als früher. Facebookbenutzer klicken mit „Gefällt mir“ auf die Seiten von Marken in der irrigen Annahme, sie würden so etwas über sich selbst aussagen. Stattdessen aber machen sie mit einem Klick Werbung für die von ihnen bevorzugte Marke. Die ständige Entwicklung neuer Technologien und die Werbung als solche steuern das Konsumverhalten, schaffen sie es doch, dem Verbraucher einzureden, er “brauche” dieses und jenes und würde durch das Kaufen bestimmter Waren das behagliche Gefühl gesellschaftlicher Dazugehörigkeit erlangen.

Dies ist beispielsweise der Fall von Handys. Die Hersteller werfen unablässig neue Geräte auf den Markt; innerhalb eines Jahres kann ein Modell schon als überholt gelten. Der Künstler Lucas Bambozzi hat sich dies zum Thema gemacht und übt in seinen Werken offen Kritik an einem von der geplanten Obsoleszenz gesteuerten Verbraucherverhalten. In verschiedenen Arbeiten wie Da obsolência programada (Von der geplanten Obsoleszenz) (2009), Mobile Crash (2010) und Das Coisas Quebradas (Von den kaputten Dingen) (2012) verwendet Bambozzi Sensorentechnologie, um elektromagnetische Wellen von Mobiltelefonen einzufangen, die wiederum verschiedene Maschinen aktivieren. Mit seiner Kunst wolle er „die Fragilität der Medien, das Oszilieren der Sprachen von Technik und Bild, die Anachronie der audiovisuellen Bilder, das Konsumverhalten und den Technologiefetischismus“ – so der Künstler – in Frage stellen.

In Von den kaputten Dingen thematisiert Bambozzi Konsumtechnologien und weist darauf hin, dass auch der Verbraucher ein Teil dieses Systems ist. In der „Installationsmaschine“ nimmt ein Sensor elektromagnetische Wellen auf, die von den Handys des Publikums ausgehen, und setzt dadurch einen Mechanismus in Gange, der ein Handy nach dem anderen in eine Box schmeißt, wo sie schließlich zermalmt werden. Je mehr Personen mit Mobiltelefon in der Nähe sind, desto schneller arbeitet die Maschine, und desto mehr Handys werden zerstört: Eine direkte Kritik an der Rolle des Verbrauchers in der Wegwerfgesellschaft, deren Verhalten von der geplanten Obsoleszenz gesteuert wird.

Die Kunst wird hier somit zu einer Form des Widerstands gegen den Konsumterror. In dem Moment, in dem der Betrachter sich der Kritik Bambozzis bewusst wird, ist er zu einer Reflektion über sein eigenes Handeln angehalten und wird sich dessen gewahr, dass auch er den Konsummechanismus mit am Laufen hält. Cosima Dannoritzer ist der Ansicht, dass man sich dem Konsumwahn entziehen müsse, um das Versiegen natürlicher Ressourcen zu vermeiden und das Erzeugen von Müll zu verringern. Und es gibt sie, die Menschen, die durch „ihr tägliches Handeln beweisen, dass der Konsum für sie nicht die einzige Quelle des Glücks ist“. Markus Krajewski hingegen ist pessimistischer: „Die Unternehmen verdienen zu gut daran, um diesen Modus zu ändern, auch wenn sie sich […] einen pseudo-grünen Tarnanstrich zu verleihen trachten.“ Trotzdem hält er daran fest, dass die Verbraucher durchaus die Macht haben, bestimmte Produkte einfach zu vermeiden und somit innerhalb der Konsumgesellschaft ein bewusstes und umsichtiges Handeln zu demonstrieren: „Zusammen sind wir viele.“