Afrikanisches Kulturerbe in Brasilien Vom offiziellen Bildungssystem vernachlässigt

Afro Brasil Museum
Afro Brasil Museum | Foto: Nelson Kohn

Die brasilianische Gesellschaft hat ihre Kultur der Sklaverei und der physischen wie symbolischen Gewalt nie überwunden. Junge schwarze und afrikanischstämmige Menschen sind in den Peripherien der großen Städte nach wie vor Polizeigewalt ausgesetzt. Das Bildungssystem des Landes folgt weiterhin ethnozentrischen Mustern.

Vor einigen Wochen fragte mich auf einer Feier eine Freundin, „aus welchem Teil Afrikas“ meine Familie stamme. Dies ließ mich ein weiteres Mal über die Auslöschung von Erinnerung und der Geschichte der schwarzen Bevölkerung nachdenken, die gewaltsam nach Brasilien verschleppt wurde. Und über die Verantwortung, die wir für den Erhalt und die Wiederherstellung dieser Kulturen im Land haben. Brasilien ist weltweit das Land, in dem die Sklaverei am längsten und über den größten geografischen Raum herrschte. 40 Prozent der zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gehandelten Menschen landeten bei uns. Die Präsenz der Schwarzen hatte Einfluss auf unsere Sitten, unsere Sprache und die unterschiedlichsten kulturellen Bereiche in unserem Land. Fast vier Jahrhunderte lang waren und sind diese Frauen und Männer von größter Bedeutung für unsere soziale und ökonomische Entwicklung.

Man schätzt, dass zu Zeiten der Sklaverei etwa 4,8 Millionen Afrikaner nach Brasilien kamen, zeitgleich mit ungefähr 600.000 Portugiesen. Das allein sagt viel aus über die heutige brasilianische Bevölkerung. Nach Erhebungen des brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik (IBGE) gaben 2013 etwa 53 Prozent der Brasilianer an, schwarz oder dunkelhäutig zu sein.

Als die Sklaverei 1888 abgeschafft wurde, gab es staatlicherseits keinerlei Maßnahmen zur Integration der ehemaligen Sklaven als vollwertige Bürger in die Gesellschaft. Noch heute bewegt sich die überwiegende Mehrheit der afrikanischstämmigen Brasilianer in den unteren Bereichen der Sozialpyramide des Landes. Die Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen sind sichtbar anhand von Polizeigewalt, Lebenserwartung, Zugang zur öffentlichen Daseinsvorsorge (wie Gesundheit und Bildung), Einkommensverhältnissen und Arbeitslosenzahlen. Anfang 2014 veröffentlichte ebenfalls das IBGE Zahlen, aus denen hervorgeht, dass die durchschnittlichen Einkommen von Menschen, die sich als schwarz oder dunkelhäutig bezeichnen, kaum mehr als die Hälfte dessen betragen, was ein weißer Arbeiter im Schnitt verdient.

Auslöschung von Erinnerung und Geschichten

Unsere Geschichte errichtet sich aus der Negation des Anderen, zugleich gab es aber auch keinerlei institutionelle politische Diskriminierung, wie etwa in den USA oder Südafrika. Vielleicht leugnen wir deswegen das Vorhandensein von Rassismus in unserem Land und postulieren stattdessen die Idee einer „Rassendemokratie“, welche ausblendet, dass die Vermischung, die wir im eigenen Körper erfahren, auch das Resultat eines harten, gewalttätigen Prozesses der Auslöschung von Erinnerung und Geschichten ist.

Die brasilianische Gesellschaft hat ihre Sklavenhalterkultur sowie die Kultur physischer wie symbolischer Gewalt nie überwunden. Der Genozid an tausenden jungen schwarzen und afrikanischstämmigen Menschen in der Peripherie der großen Städte ist ein Fakt. Laut Amnesty International wurden 2012 in Brasilien 56.000 Menschen ermordet. Von diesen waren 30.000 jung, also im Alter zwischen 15 und 29 Jahren, und diese zu 77 Prozent schwarz. Wie es die Historikerin und Anthropologin Lília Moritz Schwarcz jüngst ausdrückte, werden „Schwarze häufiger zu Strafen verurteilt, kommen öfter zu Tode, und man kommt um die Feststellung nicht umhin, dass in Brasilien praktisch eine ganze Generation junger Schwarzer vernichtet wird“.

Rassismus und Bildung

Es braucht bei uns ein Bewusstsein dafür, dass es Ungleichheit aufgrund der Hautfarbe gibt, und dass diese zu bekämpfen ist. Die Schule erscheint hier als ein mögliches Mittel. Der Wissenschaftler Marcio Farias weist darauf hin, dass „Bildung eine herausragende Rolle (in diesem Kampf) spielen kann, falls sie die ethisch-politische Verantwortung übernimmt, sich mit unserem alltäglichen Rassismus auseinanderzusetzen und den Schülern die Möglichkeit einer tieferen Reflexion über die Verbindung Brasiliens zu Afrika zu geben“.

Aufgrund seiner komplexen Struktur allerdings findet Rassismus auch in genau diesem Bildungssystem seinen deutlichen Ausdruck. In Lehrbüchern sind Reproduktionen von Zeichnungen aus der Sklavenzeit keine Seltenheit, in denen schwarze Frauen und Männer in unterwürfiger Haltung gezeigt werden. Für afrikanischstämmige Schülerinnen und Schüler ist es schwierig, Darstellungen zu finden, die ihren Vorfahren die Rolle von Protagonisten zuweist, welche über das Bild des Versklavten hinausgeht, also eine eigene Rolle in der Geschichte Brasiliens, was ihnen bei der Konstruktion einer positiven Identität helfen würde.


Konstruktion eines schwarzen Subjekts


Thais Avellar vom Forschungszentrum für Schwarzes Bewusstsein der Universität São Paulo (USP) erinnert daran, dass „Identität ein Prozess ist, eine Konstruktion, die gepflegt werden muss und Bezugspunkte braucht. Es gibt in der Welt viele Bezugspunkte. Insofern muss darüber nachgedacht werden, ob es bei der Konstruktion eines schwarzen Subjekts (in all seiner Pluralität) innerhalb dieses Gerüsts Möglichkeiten gibt, dass sich schwarze und afrikanischstämmige Menschen vertreten fühlen. Und zwar aus einer Sichtweise, die nicht mehr der Fortführung jener sozialen Rolle dienen soll, welche der schwarzen Bevölkerung im Verlauf der als offiziell angesehenen Geschichte zugeschrieben wurde“.

Und erneut könnte Schule aufgrund ihrer „herausragenden Rolle“ der Raum für ein Nachdenken über Identität und Erinnerung der afrikanischstämmigen Bevölkerung sein, indem sie den Zugang zu Wissen über eines unserer wichtigsten soziokulturellen Elemente, das Afrikanische, schafft. Darauf zielt das Gesetz Nr. 10639 vom Januar 2003, welches Inhalte zu afrobrasilianischer Geschichte und Kultur in Grund- und Mittelschulen des ganzen Landes verbindlich macht, und zu einem weniger kolonialistisch geprägten Nachdenken über unsere Verbindung über den Atlantik hinweg anregt.

Für eine weniger ethnozentrische, plurale Bildung

Die Bildung muss daher reformiert, weniger ethnozentrisch und dafür pluralistischer werden. Bereits die Ausbildung von Lehrern sollte einen veränderten Blick auf die Geschichte Afrikas anbieten, um nicht wieder in Gemeinplätze zu verfallen, die zur Konstruktion eines mythischen, idealisierten Kontinents neigen. Wichtig ist, dass alle am Bildungssystem Beteiligten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass in Afrika bereits vor der Diaspora soziale Organisation, unterschiedliche Lebensweisen, diverse Weltsichten und Religionen existierten, und die Gesellschaften, die dort lebten, nicht isoliert waren, sondern eingebunden in einen dynamischen Fluss des Austauschs von Waren und Ideen mit anderen Völkern.

Schule als ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft darf weder als ein Raum angesehen werden, der immun wäre gegenüber Diskriminierungen, noch als die einzige Lösung für alltägliche, rassistisch motivierte Konflikte. Doch sie kann und muss ein Werkzeug der Dekonstruktion von Mythen und Verallgemeinerungen sein. Unterschiede dürfen nicht weiter mit Ungleichheit gleichgesetzt, sondern als Möglichkeit zur Erweiterung unseres Repertoires erkannt werden. Die Vermittlung von Inhalten aus der afrobrasilianischen Kultur und Geschichte ermöglicht uns nicht nur ein besseres Verständnis vom Entstehen unseres Territoriums und unserer Gesellschaft, sondern auch die Reflexion über unser eigenes Werden und Sein.