Alternativwährungen Immer mehr in Gebrauch

Currency Lab., by Lenara Verle
Currency Lab., by Lenara Verle | Foto: Julian Dasgupta

In mehreren Ländern sind alternative Geldsysteme entstanden: Komplementärwährungen zu den offiziellen Währungen ermöglichen Tauschgeschäfte, regen die lokalen Wirtschaften an, dienen als Ausweg in Krisenmomenten und können sogar soziale Projekte unterstützen.

Palmas, Mumbuca, Terra, Arco-íris und Esmeralda sind einige Namen der mehr als einhundert alternativen oder sozialen Währungen, die in Vierteln von brasilianischen Großstädten und in kleineren Städten im Landesinneren im Umlauf sind. Soziale Währungen werden von Banken oder Gemeinschaftsinitiativen ausgegeben und funktionieren komplementär zu offiziellen Währungen, die von Regierungen und Zentralbanken ausgegeben werden. Für gewöhnlich werden soziale Währungen in Gebieten mit niedriger Kaufkraft mit dem Ziel erschaffen, Wachstumsanreize für die lokale Wirtschaft zu setzen und denen das Leben zu erleichtern, die keinen Zugang zum althergebrachten Finanzsystem haben.

Laut dem Argentinier Ricardo Orzi, Professor an der Universidade Nacional de Luján, kann das von den Zentralbanken ausgeübte Monopol der Geldausgabe und der Kontrolle des Geldumlaufs weder die Exzesse des Finanzsystems kontrollieren, noch garantieren, dass unter den ärmeren Bevölkerungsschichten Geld zirkuliert. In diesem Sinne „erlaubt es die Erschaffung eines lokalen Währungssystems, Geld dort in Verkehr zu bringen, wo keines vorhanden ist, und die Geschäftsaktivitäten in den Gebieten zu fördern, in denen es im Umlauf ist. Aber gleichzeitig bringt es auch eine aktive Bürgerschaft hervor: sprich Bürger, die sich darüber bewusst sind, dass sie durch die Erschaffung und Verwaltung einer eigenen Währung, die komplementär zur offiziellen ist, wahrnehmbar in ihre Wirklichkeit eingreifen können“, erklärt Orzi.

Krisenmomente

In der Geschichte haben weltweit unzählige lokale Währungssysteme existiert. In Krisenmomenten kann man beobachten, wie alternative Währungen besonders schnell wiederaufleben – wie etwa in den letzten Jahren in Europa. „Bereits 2013 gab es in Frankreich Erfahrungen mit rund 15 lokalen Währungen; in Spanien weitere 25. In Griechenland kam es mit der Verschärfung der Krise und den Auflagen der internationalen Finanzorganisationen zu einem regelrechten Boom der Bürgerwährungen“, erklärt Orzi. Laut ihm „entwickeln sich die sozialen Währungen heute in Europa wie im Argentinien der Jahre 1998 bis 2003 besonders stark. Mithilfe des komplementären Geldumlaufs wird verhindert, dass die lokalen Finanzen in eine größere Krise geraten. Die Zahl der geschäftlichen Transaktionen in den durch den Euro erstickten Wirtschaften wird erhöht“.

In Brasilien haben die Erfahrungen mit der Banco Palmas, die 1998 im Conjunto Palmeira, einem Viertel am Rand von Fortaleza, gegründet wurde, dazu angeregt, im ganzen Land soziale Währungen zu erschaffen und zu verbreiten. Darüber hinaus gab es in den letzten Jahren öffentliche Ausschreibungen der Bundesregierung, um neue Initiativen wie die Banco Palmas zu fördern. Nach Angaben der Rede Brasileira de Bancos Comunitários (Brasilianisches Netzwerk der Gemeinschaftsbanken) gab es 2013 in den unterschiedlichen Landesregionen 103 Banken dieser Art. In Brasilien müssen Regionalwährungen im festen Wechselkurs von 1:1 mit dem Real stehen und dürfen nur in den Regionen als Zahlungsmittel benutzt werden, in denen die emittierenden Banken operieren. Dadurch bringen sie die Entwicklung der lokalen Wirtschaft voran, weil das Geld in der Region bleibt und viele Händler Rabatte gewähren, wenn man sie mit der Regionalwährung bezahlt. Die Gemeinschaftsbanken stellen lokalen Unternehmern meist auch Mikrokredite zur Verfügung und investieren in soziale Projekte.

Tigrão in Porto Alegre

In einem Zentrum für Kultur, Bildung und Kreativindustrie in Vila Flores, Porto Alegre, ist der Tigrão in Gebrauch – auf Veranstaltungen erleichtert er den Tauschhandel und die Einkäufe. Die Währung hat den Namen des Wachhundes des Lokals und funktioniert nach einem einfachen Prinzip. Es gibt eine zentrale Kasse, an der Real in Tigrão umgetauscht werden können. In Vila Flores benutzen die Leute den Tigrão als Zahlungsmittel, nach Ende der Veranstaltungen können sie ihre Tigrão wieder in Real zurücktauschen. Die Initiative hat einen solchen Erfolg, dass jetzt darüber nachgedacht wird, den Tigrão auch im Stadtviertel Floresta im Vierten Distrikt von Porto Alegre einzuführen.

„Wenn wir nur an eine Alternativwährung für Kulturschaffende, Kunsthandwerker und Personen denken, die mit der kollaborativen Kreativwirtschaft zu tun haben, stellen wir fest, dass es ein riesiges Potenzial gibt, um in diesem Netz Werte, seien es ökonomische seien es menschliche, zu schaffen und zu verteilen. Unsere Idee ist es, mit den selbstorganisierten Kulturzentren im Vierten Distrikt anzufangen und die Alternativwährung dann auf den Kreis der unabhängigen Kulturschaffenden auszubreiten: Zuerst indem wir den Tausch von Waren und Dienstleistungen unter ihnen ermöglichen, Beziehungen herstellen und es erlauben, dass sich die Vertreter des Netzes untereinander besser kennenlernen. Danach weiten wir das Projekt auf ein größeres Publikum aus, das die Kunst und die Kreativität des Vierten Distrikts unterstützt und das Waren und Dienstleistungen dieses Netzes in Anspruch nehmen wird“, erklärt Joel Grigolo, Mitglied des Vereins Vila Flores.

Währungen als Kunst

Die brasilianische Forscherin Lenara Verle, Doktorandin der Universität Frankfurt in Deutschland, studiert die Arbeit von Künstlern, die Währungen als Kunstwerke erschaffen. „Das Geld stellt eine Technologie dar, die von uns seit Tausenden von Jahren entwickelt und verändert wird. In den letzten Jahrhunderten hat diese Technik jedoch stagniert und es ist an der Zeit, sie in neue Richtungen weiterzuentwickeln. Wir wollen diese Technik neu denken und als einen Motor der positiven gesellschaftlichen Veränderung neu erfinden“, erklärt Verle.

Als Teil ihrer Forschung entwarf sie das Brettspiel CurrencyLab, das auf der Website www.coinspiration.org/game gratis heruntergeladen werden kann. „Meine Idee war es, ein Spiel zu entwickeln, mithilfe dessen Menschen auf engagierte und interaktive Art und Weise mehr über Alternativwährungen lernen können. Jeder Spieler ist dafür verantwortlich, eine Währung zum Erfolg zu führen, indem er Strategien auswählt, um die Herausforderungen des Spiels zu meistern“, erklärt sie. Die in dem Spiel vorgestellten Strategien sind von Problemen inspiriert, vor die echte Alternativwährungen gestellt werden.

Als künstlerisches Experiment hat Verle auch eine Währung mit dem Namen Warhols kreiert. „Es handelt sich um eine digitale Währung, die per SMS getauscht wird, wie das Bezahlsystem M-Pesa in Kenia, jedoch ist sie ein wenig mehr hi-tech“, erzählt die Forscherin. Ihr Projekt beruhe auf der ikonenhaften Erklärung Andy Warhols, dass in Zukunft jeder für fünfzehn Minuten berühmt sein werde. „Mit dem Trend, jede Minute des Tages online zu teilen, ist es heutzutage jedoch oft schwieriger, eine unsichtbare Person zu bleiben und sein Leben privat zu halten, als berühmt zu werden. Eine der Funktionen der Warhols ist es, die Vorstellung von Wert an sich in Frage zu stellen, die in zwei entgegengesetzten Konzepten enthalten ist.“