Indigene Kultur Neues Bewusstsein in Mode und Kunst

Werk von André Vallias
Werk von André Vallias | © André Vallias

Indigene Kultur sieht sich in Brasilien seit einigen Jahren ins Zentrum einer Reihe von sowohl symbolischen als auch materiellen Debatten und Auseinandersetzungen gestellt. Und mehr noch: Sie dringt in Bereiche, die sie bislang mehr oder weniger ignorierten.

Die Wiederaneignung geschieht zum Beispiel in der Mode. Das zeigen die jüngsten Präsentationen zweier großer brasilianischer Labels auf der letzten São Paulo Fashion Week. Und auch in der bildenden Kunst kündigt der neue Kurator des Kunstmuseums Masp, Adriano Pedrosa, an, „eine Lücke im großen Bestand [des Museums] zu schließen: das Fehlen einer Sammlung indigener Kunst“, wie er einer Tageszeitung im Mai dieses Jahres verriet.

„Ich bin Guarani-Kaiowá“

Im Oktober 2012 verfassten die Guarani-Kaiowá, eine Ethnie aus dem Bundesstaat Mato Grosso do Sul, einen bitteren Brief an die Zentralregierung, in dem sie auf den bevorstehenden „kollektiven Tod“ ihres Volkes aufmerksam machten. Der Brief fand großen Widerhall, vor allen in sozialen Netzwerken, was indigene Kultur wieder auf die Tagesordnung der öffentlichen Diskussionen in Brasilien brachte.

Ein Ausdruck dieser Mobilisierung war eine lange poetische Installation des Designers und Lyrikers André Vallias mit dem Titel Totem, das ein Jahr darauf im Verlag Cultura e Barbárie (dt.: Kultur und Barbarei) veröffentlicht wurde und das der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro als „onomatotemisches Gedicht“ bezeichnete, das in Form eines Ritus nicht nur den Namen der Guarani-Kaiowá wahrnehmbar mache, sondern weitere 223 Ethnien in ganz Brasilien. Mit Totem befindet sich Vallias in Gesellschaft einer Reihe von Schriftstellern, die in Brasilien an einer „amerindianischen Poesie“ arbeiten, wie etwa Douglas Diegues, Josely Vianne Baptista oder Sérgio Medeiros.

„Mode, Marotte, Modeerscheinung …“

Kurioserweise wurde dies von diversen Sektoren der brasilianischen Gesellschaft als „Modeerscheinung“ abgetan. Es wurde zum Beispiel als geradezu lächerlich angesehen, dass Großstadtbewohner (und nicht einmal Ureinwohner) sich in sozialen Netzwerken als Guarani-Kaiowá bezeichneten. Nachdem vielfach betont wurde, dass alles nicht mehr als eine „Modeerscheinung“ sei, überraschten im vergangenen April dann zwei Modelabels die brasilianische Modewelt, indem sie sich für ihre Kollektionen an der Kultur indigener Ethnien inspirierten.

Eine dieser Marken ist Cavalera, deren Gründer und Kreativdirektor Alberto Hiar sich nicht nur in seinen Entwürfen und Accessoires an der Kultur der Yawanawá bediente, sondern sogar mehrere Vertreter dieses Volkes als Models auf den Laufsteg brachte, die überdies mit ihrem Gesang für den Soundtrack der Modenschau sorgten. Die Kollektion Cavalera entstand in der Folge einer Reise des Modeschöpfers in den Bundesstaat Acre, insbesondere in die Gegend um Tarauacá am Ufer des Rio Gregório.

Obwohl sie erst in den vergangenen Jahren zunehmend sichtbar wurden, ist die Präsenz indigener Kulturen keine absolute Neuheit in der Welt der Mode. Die Marke Auá aus Minas Gerais beispielsweise arbeitet seit 2003 mit brasilianischen Ethnien, wie etwa den Maxakali oder den Yekwana. Der Name des Labels selbst spiegelt dieses amerindianische Universum: Auá bedeutet auf Tupi „Mann, Frau, Indianer, Menschen aus aller Welt“. Laut Laura Guerra, Stylistin der Marke, ist ihr Ansatz der Arbeit mit Indigenen anders als üblich, denn sie betrachte diese als Partner, denen vertraglich auch ein Teil des Gewinns zusteht. „Es geht bei der Arbeit unter Partnern nicht nur um die bloße Inspiration am indigenen Universum bei der Gestaltung von Kleidung. Wir entwerfen die Kollektionen mit ihnen gemeinsam. Das ist das Überraschende und eine Herausforderung, gerade weil wir dabei unsere Komfortzone verlassen“, sagt die Modeschöpferin.

Kunstgeschichte entkolonisieren, Eurozentrismus in Frage stellen

Bei der Übernahme der Leitung des Kunstmuseums Masp 2014 und nach Sichtung seines Bestandes und dessen Geschichte bezeichnete Adriano Pedrosa es bald als prioritär, innerhalb des Museums einen Bestand an indigener Kunst aufzubauen. „Wir haben ein besonderes Interesse an indigener Kunst. Es ist tatsächlich der einzige Bestand, von dem es mir essenziell erscheint, dass das Masp ihn besitzen sollte, und den wir aufbauen müssen“, sagt der Kurator und bezeichnet es als bemerkenswert, dass die brasilianische Kunstgeschichte über Jahrzehnte von kolonialer Kunst und Französischer Mission reden konnte, ohne dabei den Gewaltakt der Kolonisierung zu erwähnen.

Zum einen steht das Interesse am Aufbau dieses Bestandes im Zusammenhang mit Pedrosas politischem Gesamtkonzept für das Museum, welches auf der Idee eines „entkolonisierenden Museums, einer Entkolonisierung der Kunstgeschichte, dem Hinterfragen seines Eurozentrismus“ besteht. Doch der Kurator betont auch, dass sein Projekt Teil des „Geistes des Masp“ sei, welches seit dem zweiten Jahr seines Bestehens, 1949, „großes Interesse an der Kunst und der materiellen Kultur der Indigenen gezeigt hat, mit einer Reihe von zehn Ausstellungen, welche erst mit dem Ende der Amtszeit von Pietro Maria Bardi in den 1990er Jahren unterbrochen wurde“. Pedrosa betont, dass ein Bestand im Unterschied zu temporären Ausstellungen erlaube „am Thema zu arbeiten und zu forschen, von ihm zu lernen und es auf die Avenida Paulista zu bringen“. Daher sei es besonders wichtig, ihn aufzubauen.

Kritk am Umweltkonzept

Für Idelber Avelar, Aktivist und Literaturdozent an der Tulane University in New Orleans, gibt es zwei Hypothesen für die Erklärung dieses „neuen Booms“ des Interesses an indigenen Kulturen. Zum einen sei, so behauptet er, die indigene Bewegung der wichtigste Vorläufer der Empörung gewesen, die Brasilien 2013 aufrüttelte, und er sagt: „Ich sehe das nicht in einem einfachen kausalen Zusammenhang, doch ich glaube durchaus, dass es ein Faktor war, denn es war eine Bewegung, die zu keinem Zeitpunkt der Regierung Lula abflaute. Als vor zwei Jahren die Massen wieder auf die Straße gingen, sahen viele Leute in der indigenen Bewegung einen Vorläufer“.

Der zweite Grund liegt laut Avelar tiefer und hat mit der Klimakrise und dem Anthropozän zu tun: „Die indigenen Zivilisationen haben viel von der aktuellen Weltuntergangsstimmung vorweggenommen. Wie Eduardo Viveiros de Castro sagt, verstehen sie vom Weltuntergang einiges, denn ihre Welt ist bereits vor fünf Jahrhunderten untergegangen.“ Die Beziehung der Indigenen zur Umwelt nimmt für Avelar sowohl eine „Kritik am Entwicklungsgedanken und der Akkumulationsgier“ vorweg als auch die „Erkenntnis, dass unser Modell unter Umweltgesichtspunkten nicht nachhaltig ist“. André Vallias fasst dies in Anspielung an einen Slogan der Militärdiktatur („Brasil, ame-o ou deixe-o“ – „Liebe Brasilien oder verlasse es“) in ein Wortspiel zusammen, das diesen Text bebildert: „Ameríndio ou deixe-o“ – „Amerindianer lieben oder lassen“.