Rebellisches Design Die Form folgt dem Aktivismus

Grünes Auto
Grünes Auto | Foto: BijaRi

Seit geraumer Zeit geht das Design Hand in Hand mit sozialen Kämpfen und ist auf politischen Demonstrationen präsent. Eine Reihe von Designern, Künstlern und Architekten, viele davon in Kollektiven organisiert, verbindet auch in Brasilien Kunst, Design und Aktivismus in ihrer beruflichen Praxis. 

Das Design wird von vielen Menschen seinem Wesen nach mit dem Konsummarkt in Verbindung gebracht. Eine Ausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum will die weniger bekannte Paarung von Design und politischem Aktivismus beleuchten. Noch bis Februar 2015 zeigt Disobedient Objects („Rebellische Gegenstände“) 99 Arbeiten, von zapatistischen Revolutionspuppen bis hin zu einem Graffiti-Roboter, der Protestslogans auf den Boden schreibt. 

Für den Historiker Rafael Cardoso aus Rio de Janeiro, Autor von Büchern wie Design para um mundo complexo („Design für eine komplexe Welt“, Editora Cosac Naify) und Uma introdução à história do design („Eine Einführung in die Designgeschichte“, Editora Blucher), ist der Eindruck, das Design stünde dem Aktivismus diametral gegenüber, falsch. „Man kann politischen Aktivismus auch indirekt betreiben, ohne dass dieser zum ausdrücklichen Fokus der Arbeit wird; vor allem, wenn es darum geht, in die Beziehung zwischen Produkten, Räumen und Personen einzugreifen. Ein tiefgründiges und schlüssig geplantes Projekt kann ein mächtiges Instrument sein, um Gewohnheiten zu verändern“, sagt er.

Für bessere Arbeitsbedingung

Die Londoner Ausstellung vereint Arbeiten, die ab den 1970er Jahren produziert wurden. Es ist jedoch wichtig, daran zu erinnern, dass das Design nicht erst seit heute Hand in Hand mit gesellschaftlichen und politischen Anliegen geht. „In der Geschichte begann dieser Prozess schon im 19. Jahrhundert“, sagt Cardoso. „Im Zentrum der Arts and Crafts-Bewegung, die ihren Anfang in Großbritannien nahm und sich dann nach Frankreich, Deutschland und an vielen anderen Orten Europas ausbreitete, stand die Reform der Gesellschaft. Viele ihrer Vertreter – Künstler und Designer – waren Sozialisten, die durch eine Veränderung der Arbeits- und Konsumbedingungen eine gerechtere Gesellschaft schaffen wollten“, ergänzt er. 

Dieselben Bestrebungen, erinnert Cardoso, durchziehe auch die ganze Geschichte der modernistischen Bewegungen in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. „Was diesen Prozess in Gang brachte, war die Beobachtung, dass das industrielle kapitalistische Produktionssystem dazu tendiert, eine Situation sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu generieren und zu verschärfen, ganz abgesehen von der Zerstörung der Umwelt“, sagt er. 

In dem Artikel Com design, além do design: o design gráfico com preocupações sociais („Mit Design, jenseits des Designs: das Grafikdesign mit gesellschaftlichen Anliegen“, 2006) weist Rafael Tadashi Miyashiro, Professor der Designklasse der Universidade Presbiteriana Mackenzie  aus São Paulo darauf hin, dass in den 1960er und 1970er Jahren „mehrere Bewegungen und Organisationen, die für gesellschaftliche und/oder politische Veränderungen kämpften, im Grafikdesign einen Verbündeten entdeckten, um ihre Wünsche nach Veränderung auszudrücken“. 

Nach Meinung des Forschers besteht diese Allianz bis zum heutigen Tag. Man müsse sich nur an die Demonstrationen gegen den nordamerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 erinnern, auf denen es von Spruchbändern und Plakaten nur so wimmelte, von denen viele in bedeutsamen Auflagen gedruckt worden sind. Miyashiro weist im selben Artikel darauf hin, dass dennoch, „trotz dieser Festigung der Rolle des Grafikdesigns innerhalb des politischen Aktivismus die Haltung von Designern gegenüber sozialen Fragen im Allgemeinen als apathisch, gleichgültig und entfremdet angesehen wird“. 

Do-it-yourself

Einige der in der Ausstellung im Victoria and Albert Museum gezeigten Arbeiten wurden eigens für Demonstrationen geschaffen. Das trifft zum Beispiel auf den metallfarbenen Würfel zu, der von dem Künstler Artúr van Balen als Mitglied des ehemaligen deutschen Kollektivs Ecletic Electric Collective entworfen wurde. Da es das Licht reflektiert, verhinderte das aufblasbare Objekt, dass die Demonstranten eines Protestzugs 2012 in Barcelona fotografiert werden konnten, und aufgrund seiner Größe diente es auch dazu, die Aktivisten vor der Polizei zu schützen. Andere der Ausstellungsstücke sind aus Bestehendem neu erschaffen worden und folgen dem Punk-Mantra des Do-it-yourself, zum Beispiel die PET-Flasche, die 2013 von den Demonstranten auf dem Taskim-Platz im Zentrum von Istanbul zu einer Schutzmaske gegen Tränengas umgestaltet wurde. 

„Viele der rebellischen Objekte unterminieren den normalen Gebrauch von Alltagsgegenständen”, stellt der Historiker André Mesquita aus São Paulo fest, Autor des Buches Insurgências poéticas: arte ativista e ação coletiva („Poetische Aufstände: aktivistische Kunst und kollektive Aktion“, Editora Annablume). Als Beispiel führt er die Tatsache an, dass Demonstranten auf den jüngsten Protestmärschen in Hongkong geöffnete Regenschirme benutzten, um sich vor der Polizei zu schützen. „Diese Gegenstände bekommen aus der Not heraus einen taktischen Nutzen“, sagt er.

Urbane Interventionen

Laut Mesquita gibt es in Brasilien heute – wie in anderen Teilen der Welt – eine Reihe von Designern, Künstlern und Architekten, von denen viele in Kollektiven organisiert sind, die Kunst, Design und Aktivismus in ihrer beruflichen Praxis verbindet. Dazu gehört die Grupo Contrafilé, die im Jahr 2004 auf dem Largo do Arouche im Zentrum von São Paulo ein rostiges Drehkreuz auf einen Sockel stellte, versehen mit einem Schild, auf dem stand „Denkmal für das Unsichtbare Drehkreuz – Programm für die Entdrehkreuzisierung des eigenen Lebens“. Oder auch das Kollektiv Nova Pasta, aus São Paulo, das die Totenkopf-Puppe erschaffen hat, die während der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien bei mehreren Protestinterventionen zum Einsatz kam. 

Nova Pasta nahm zudem an der Seite von Gruppen wie Projeto Matilha, COBAIA, BijaRi und Frente 3 de Fevereiro im August 2014 an der Ausstellung 10X1 in der Galerie Virgílio in São Paulo teil, wo Arbeiten von zehn Kollektiven der Stadt gezeigt wurden. „Wir haben eine Kartierung einiger der wichtigsten Gruppen, die zur Generation der Künstlerkollektive gehören, deren Werk in den vergangenen zehn Jahren die Straße als Bühne benutzte und deren Medium die urbane Intervention ist“, erklärten die Kuratoren Tulio Tavares und Daniel Lima. 

Auch die 31. Bienale von São Paulo, die aktuell in der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates zu sehen ist, reflektiert über die Frage des Verhältnisses zwischen Design und Aktivismus, indem sie ein äußerst politisches Format vorgibt. „Es ist anregend, wenn man sieht, wie diese Verbindung von Kunst, Design und Politik Wissens- und Organisationsformen des Lebens hervorbringt“, beobachtet der Künstler und Grafikdesigner Geandre Tomazoni des Kollektivs BijaRi. „Auf diese Weise verlässt die Kunst das harmlose Feld der Dekoration und der Repräsentation und nimmt bei der Erschaffung der Realität eine aktive Rolle an. Auf ähnliche Weise stößt der Designer auf eine Herausforderung: Traditionell war er mit der Lösung von Problemen und vorgegebenen Funktionen beschäftigt. Nun wird er selbst zu jemandem, der neue Forderungen aufstellt, die erfüllt werden müssen”, schließt er.