Brasilianische Comics Vom Rand ins Zentrum

Comics von Rafael Campos Rocha
Comics von Rafael Campos Rocha | Copyright: Rafael Campos Rocha

Die Festa Literária de Paraty (FLIP – Internationales Literaturfestival Paraty) setzt ihre Tradition fort, Räume für Comics zu öffnen, unter anderem mit einer Podiumsdiskussion über das Genre, mit dessen Spitzfindigkeiten in Brasilien immer wieder politische Debatten ausgetragen werden.

Vor fünf Jahren gab Paulo Werneck als Herausgeber der Kulturbeilage Ilustríssimader Tageszeitung Folha de São Paulo Rafa Campos den Auftrag, einen Comic über die FLIP zu zeichnen. Campos spottete in seinem Comic über das Festival, indem er behauptete, dessen Hauptziele seien unter anderem a) Autoren, die ausschließlich unter Akademikern bekannt seien, als Rockstars vorzustellen und b) große Comickünstler (eine Anspielung auf Robert Crumb, einen der herausragenden Gäste des Festivals in jenem Jahr) auf das Niveau der Literatur herabzuwürdigen. Im darauffolgenden Jahr bediente sich Campos seiner bekanntesten Figur Deus [Gott], die untröstlich war und sich fragte, wo sie sich denn geirrt hatte, als sie auf den Straßen von Paraty „die ganze Kultur, die ganze Liebe zur Kunst“ sah.

Die nächste Ausgabe der FLIP im Juli 2015 wird zum zweiten Mal in Folge von Werneck kuratiert. Rafa Campos nimmt zusammen mit dem französischen Cartoonisten Piantu und dem syrisch-französischen Comiczeichner Riad Sattouf an einem Podiumsgespräch über Comics teil. Dass Rafa Campos nun mit auf der Bühne sitzen wird, gibt einen Hinweis darauf, wie das Motto der Veranstaltung zu verstehen ist. „Im 21. Jahrhundert haben die Comics die marginale Position, die sie in der Kultur einnahmen, verlassen, um ins Herz der politischen Debatte vorzustoßen“, steht in der Veranstaltungsankündigung. Campos sieht trotz seines Spotts kein Problem in einer Teilnahme an der FLIP und erklärt die Situation mit einer weiteren ironischen Spitze: „Ich war als Künstler immer schon für die Institution. Das heißt, ich bin für die Institutionen, die mir Vorteile verschaffen, und gegen die, die mich ignorieren”.

Comics am Rand

Rafa Campos, der auch für die Zeitschrift Vice Comicstrips zeichnet und bei Companhia das Letras seine erste Graphic Novel Deus, essa gostosaveröffentlicht hat, bekennt andererseits, dass er in Bezug auf die angebliche zentrale Stellung des Comics in der Kultur ein leichtes Unbehagen verspüre: „Einer der Gründe dafür, dass ich Comics zeichne, ist die marginale Stellung des Genres in Bezug auf andere Künste. An den Rändern kannst du schneller handeln, kannst Vehikel umleiten und Botschaften verfälschen, gerade weil du weiter weg vom Zentrum bist, von dem die Regeln ausgehen.“

Der Journalist und Comickritiker Érico Assis weist darauf hin, dass es zu dieser marginalen Stellung des Comics in Bezug auf andere Ausdrucksformen – wie der Musik und der Literatur – auch aufgrund von Vorurteilen gekommen ist. „Durch die Verbreitung der Druckerpresse bekamen Cartoons und Comics einen Auftrieb und wurden als Informationsquellen für die weniger gebildeten Menschen angesehen. Dieser Gedanke übertrug sich später auf Zeitschriften. Selbst in Ländern wie Frankreich, Belgien und Japan, in denen alle Schichten Comics lesen, haftet ihnen bis heute der Ruf an, dass ihre Lektüre weniger ,Gehirn beansprucht' als die von Prosa.“

FLIP und Comics

Paulo Werneck gilt als Kurator, der dem Programm der FLIP eine humorvolle Seite verliehen hat. Er hofft, dass Rafa Campos dieses Jahr noch mehr Cartoons über das Festival zeichnet, da er es für „gesund“ hält, „dass unsere literarische Szene über Selbstironie verfügt und über sich selbst lachen kann“. Und fragt: „Das Cartoon ist dazu da, um zu Kritik zu äußern, stimmt's? Wenn es dazu da wäre, zu schmeicheln, wo wäre dann noch der Witz?“

Der Raum, den die Comics auf der FLIP einnehmen, ist in Wahrheit nicht erst heute geschaffen worden. Seit der ersten Ausgabe des Festivals, 2003, sind Comiczeichner mit dabei – nach Millôr Fernandes, der an der ersten Ausgabe teilnahm und auf der letzten mit einer Hommage geehrt wurde, waren auch Laerte, Angeli, Gilbert Schelton und der schon erwähnte Crumb Gäste in Paraty. Für Werneck hat die Teilnahme der Comiczeichner hauptsächlich zwei Gründe: „Zum einen war die FLIP, obwohl sie ein Literaturfestival ist, von sich aus immer schon offen. Zum anderen haben sich die Comiczeichner als Künstler ausgewiesen, was ein Typ wie Rafa Campos womöglich schrecklich findet, weil Kunst ja eine ziemlich öde Angelegenheit ist.“

Und das findet dieser in der Tat: Campos ist der Ansicht, dass jede große Kunst im Bezug auf die vorherrschende Kultur letztlich marginal sein muss. Und stichelt: „Je mehr man uns Respekt entgegenbringt, umso schlechter wird unser Werk. Wie dem auch sei: Hätten die Comics in den letzten 100 Jahren nicht so viel Niveau verloren, wären wir nie auf einer Veranstaltung wie der FLIP gelandet. Es muss sich wohl um eine dahinsiechende Ausdrucksform halten, genau wie die Literatur selbst”.

Comics und Politik

Érico Assis macht darauf aufmerksam, dass die Podiumsdiskussion auf der FLIP direkt an Debatten über Charlie Hebdo anknüpfe, da einer der beiden internationalen Gäste, Sattouf, für die französische Satirezeitschrift, die 2015 das Ziel eines Anschlags war, regelmäßig Beiträge zeichnet. „Ich glaube nicht, dass das Attentat etwas mit 'Comics' im Allgemeinen zu tun hatte. Was passiert ist, stand in Verbindung mit einer spezifischen Zeitschrift, die Comic, Cartoons und andere Sachen veröffentlichte. Aber das Echo, welches das Attentat ausgelöst hat, hat den Comic unbestreitbar ins Zentrum der Debatte gerückt.“

In Brasilien entstehen laut Paulo Werneck die stärksten Comics ebenfalls im Rahmen von politischen Auseinandersetzungen. „Angeli, Laerte und Glauco sind dadurch groß geworden, dass sie sich kurzer Formen bedienten, wie Comicstrip oder Cartoon, Medien, die immer noch die politische Debatte anheizen können. Laerte ist eine Figur der neuen brasilianischen Politik und er hat mit seiner feinen Kunst eine politische Arena erschaffen“, erklärt er. Und wenn Deus [Gott] seinerseits Gegenstand einer Reihe von politischen Kämpfen – nicht nur in der brasilianischen Politik – geworden ist, erweist sich die Figur von Rafa Campos, die unabhängig, respektlos, schwarz und bisexuell ist, vielleicht als „eine Botschaft der Comics – wie Werneck es sehen will – an die laizistische Gesellschaft“.