Comics und der Zweite Weltkrieg Die antifaschistische Anklageschrift „Kaputt“ als Comicversion

Kaputt von Eloar Guazzelli
Kaputt von Eloar Guazzelli | Pressebild

Der brasilianische Grafiker Eloar Guazzelli hat aus einem Roman des Italieners Curzio Malaparte einen Comic gemacht, der die Grausamkeit des 2. Weltkriegs offenlegt. Im Interview spricht der Künstler über die Bedeutung der Erinnerung und darüber, dass uns Gewalt und Faschismus bis in die Gegenwart beschäftigen.

Im Gespräch mit dem 52-jährigen Comiczeichner Eloar Guazzelli, einem Gaúcho aus Rio Grande do Sul, bemerkt man sehr schnell, dass er Kaputt von Curzio Malaparte (1898–1957) unbedingt adaptieren musste. Als er das Buch zum ersten Mal las, hat es ihn tief beeindruckt. Es war Teil der Bibliothek seines Vaters, eines Anwalts aus Porto Alegre, der in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) politische Gefangene verteidigte und der ihm die Lektüre des Romans empfohlen hatte.

„Mit 14 Jahren begriff ich, dass normale Menschen die größten Gräueltaten begehen können. Es ist ein grausames Buch“, erklärt Guazzelli im Einklang mit dem Vorwort, das Malaparte seinem Roman voranstellte. Malaparte ist das Pseudonym des deutsch-italienischen Journalisten, Schriftstellers, Diplomaten und Filmemachers Kurt Erich Suckert. Bei jedem Krieg falle auf, meint Guazzelli, dass die Linie, die Zivilisation und Barbarei trennt, sehr dünn ist. „Das ist eine Kernaussage von Kaputt“, sagt der Comiczeichner.

Adaption mehrerer Werke

Guazzelli hat den Roman nach einer Regel adaptiert, die er stets befolgt: dem Text nichts hinzuzufügen. Und nur zu kürzen, was nötig ist. Mehrere literarische Werke hat er bereits in die Sprache des Comics übersetzt, unter anderem das Theaterstück O Pagador de Promessas von Dias Gomes und, zusammen mit dem Zeichner Rodrigo Rosa, den Roman Grande Sertão: Veredas von Guimarães Rosa.

Die Bilder des Comics Kaputt , der Ende 2014 erschien, sind überladen und düster. Die Originalversion von Malapartes Roman wurde zwischen 1941 und 1942 an verschiedenen Fronten des 2. Weltkriegs (1939–1945) insgeheim verfasst. In seiner Funktion als Verbindungsoffizier zwischen dem Heer seiner Heimat Italien und der deutschen Reichswehr begleitete der Schriftsteller den Fortsetzungskrieg, als das nationalsozialistische Deutschland aufseiten Finnlands gegen die Sowjetunion kämpfte, sowie die Besetzung Polens, Rumäniens und der Ukraine, außerdem den Russlandfeldzug. Auch im Original von Malaparte sind die einzelnen Szenen überladen und düster, jedoch stets durchzogen von dem schwarzen Humor des Autors – ein Sarkasmus, der sich auf den Seiten von Guazzelli bisweilen wiederfindet, die mit schweren chinesischen Tuschestrichen gezeichnet sind.

Angst und Faschismus

„Die Deutschen haben Angst. Ihre Grausamkeit beruht auf Angst. (...) Sie töten und zerstören aus Angst. (...) Sie haben vor allem Angst vor den Schwachen, den Wehrlosen, den Kranken, den Alten, den Kindern.“ Diese scharfe Beobachtung Malapartes nahm Guazzelli aus seinem Text heraus und verfrachtete sie in das Vorwort, das er für seine Ausgabe von Kaputt verfasst hat. „Ich habe das ins Vorwort verschoben, weil es sich dabei meines Erachtens um die beste Definition handelt, was ein Faschist ist: Du hast Angst vor dem Anderen, du willst den Anderen weder anhören, noch ihn sehen. Und wenn man Angst hat, dann führt das garantiert zur Gewalt. Denn du verlierst die Fähigkeit, mit ihm zu diskutieren“, stellt der Comiczeichner fest.

Sowohl das Buch als auch der Comic sind in sechs Teile gegliedert, die Namen von Tieren tragen: Pferde, Ratten, Vögel, Hunde, Rentiere und Fliegen. „Er benutzt Tiere wegen der europäischen Tradition der Fabeln als Mittel, um eine Botschaft zu vermitteln. Die Tiere sind passend ausgewählt. Um die Niederlage Italiens zu beschreiben, nimmt er die Fliegen. Es gibt wohl nichts Besseres als Fliegen, um eine Niederlage zu beschreiben“, ist Guazzelli überzeugt.

Cavalos („Pferde“) ist das düsterste und am stärksten bruchstückhafte Kapitel mit Fragmenten von Dialogen und Geschichten. Darunter folgende schauerliche Episode: Eine Herde von Pferden springt, eingeschüchtert durch den Feuerschein eines brennenden Waldes, in den See Ladoga an der russisch-finnischen Grenze. Ein eisiger Wind lässt das Wasser gefrieren und die Pferde mit ihren aus dem See ragenden Köpfen können sich nicht mehr bewegen. Monate nach dem Schneesturm ist Malaparte vor Ort und erlebt, wie der auftauende See die Körper freigibt und aus den Köpfen, die bis dahin gefroren waren, ein abscheulicher Gestank entströmt.

Die Verfolgung der Juden

Im Kapitel Ratos („Ratten“) verdichtet Guazzelli in einer einzelnen Episode Dialoge und Geschichten von vier Abendessen, an denen Malaparte in Begleitung führender Nazis während der Besetzung Polens teilnahm. „Es sind Abendessen eines vorgeblich deutschen Hofes, an dem hochgradig zynische Gespräche geführt werden. Im Gegensatz dazu steht die allgemeine, nicht nur in den jüdischen Ghettos herrschende Misere des polnischen Volkes.“ In diesem Kapitel wird die Verfolgung der Juden besonders hervorgehoben. Die Deutschen setzen sie mit Ratten gleich, weil sie sich an den Mauern des Ghettos davonschleichen.

Bei den Abendessen erinnern die Gäste auch an die mangelnde Hygiene und den Schmutz, in dem die „Ratten“ leben. Das sei ein „wiederkehrendes Bild, das auch in Maus (1980) auftaucht“, sagt Guazzelli und verweist auf die umfangreiche Graphic Novel von Art Spiegelman, einem nordamerikanischen Comiczeichner, der das Leben seines Vaters unter der Naziherrschaft in Polen erzählt und ihn und die anderen Juden als Ratten porträtiert. Die Nazis zeichnet Spiegelman als Katzen. „Ich hatte nicht so einen hohen Anspruch mit dem Comic“, sagt Guazzelli, „Ich wollte das Wesentliche von Malapartes Roman einfangen. Vielleicht dient mein Comic auch dazu, dass meine Leser hinterher zu seinem Buch greifen“, fährt der Comiczeichner fort, für den Kaputt ein „leider immer noch zeitgenössisches“ Werk ist.

Männlichkeit und Gewalt

„Ich halte es für grundlegend, sich mit der Geschichte zu beschäftigen“, sagt Guazzelli, der der Ansicht ist, dass unsere Gesellschaften sich noch immer wie in der jüngsten Vergangenheit, die uns zu einem großen Krieg geführt hat, auf eine Vorstellung von Männlichkeit bauen, die als ein Kult an die Gewalt verstanden wird. Der Militärapparat, der die Nationalstaaten sichert, zeige, laut Guazzelli, dass es eine bedeutende Frage gibt, die wir nicht überwinden können. „Es reicht nicht, Gewalt und Brutalität infrage zu stellen und die Schergen Verbrecher zu nennen. Du musst die Männlichkeit an sich der Gewalt entreißen, in dem du darstellst, dass der der prügelt, eigentlich derjenige ist, der sich erniedrigt, der sich moralisch herabwürdigt. Und genau das gelingt Kaputt sehr gut“, schließt der Zeichner.
 

Eloar Guazzelli wurde in Vacaria (Rio Grande do Sul) geboren, wuchs in Porto Alegre auf und lebt heute in São Paulo. Die Arbeiten des Illustrators, Comiczeichners und Art Direktors für Animationen wurde vielfach gewürdigt. Er zeichnete für Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in Brasilien und im Ausland und veröffentlichte auch Autorencomic und Literaturadaptionen. Auf den Kinofestivals von Havanna, Brasília und Gramado erhielt er Preise.