Kunsträume in Brasilien Ein Rundgang durch die Offszene

In einem künstlerischen Zusammenhang, der die gewaltigen sozialen Abgründe und Ungleichheiten in Brasilien reflektiert, erhält der Begriff Alternativer Raum eine ganz eigene Färbung. 

Wir können uns fragen, was überhaupt alternativ ist, wenn in den meisten brasilianischen Städten nicht einmal eine offizielle Struktur, kein Mainstream existiert, gegen den man sich positionieren könnte. Und doch sind in den vergangenen Jahren überall im Land alternative Kunsträume entstanden – nicht nur in den Metropolen mit einem kaufkräftigen Kunstmarkt wie São Paulo oder Rio de Janeiro, sondern auch in Städten wie Recife, Belo Horizonte oder Porto Alegre, die ebenfalls für ihre lebendige kulturelle Offszene bekannt sind.
 
  • KUNSTHALLE, São Paulo Foto: Marina Coelho
    Im September 2012 von der Kuratorin Marina Coelho gegründet ist KUNSTHALLE São Paulo ein autonomer Raum für zeitgenössische Kunst, Ausstellungen und Projekte brasilianischer und ausländischer Künstler, der sich zum Ziel setzt, Experimente und Diskussionen rund um aktuelle Themen zu ermöglichen. Der Raum fördert den internationalen Dialog durch Ausstellungen ausländischer (Innenraum) sowie junger brasilianischer Künstler (Schaufenster).
  • Bhering-Fabrik, Rio de Janeiro © Fábrica Bhering
    Ein Fall für eine gemeinsame sozial und kulturell ausgerichtete Initiative von Künstlern. Die Räume einer früheren Schokoladenfabrik im Stadtviertel Saúde von Rio de Janeiro wurden zu einem anregenden Ort mit Ateliers, Studios und für das gemeinsame Arbeiten von Fotografen, Kunsthandwerkern und visuellen Künstlern, die sich ihrem Publikum im informellen Klima eines open Studio stellen. Zurzeit arbeiten in der Bhering-Fabrik an die 50 Künstlerinnen und Künstler, sowie 20 kleinere Firmen. Die früheren Einrichtungen der Fabrik werden nicht selten in die Arbeiten der Künstler mit einbezogen.
  • JA.CA, Belo Horizonte © JA.CA
    Im Stadtviertel Jardim Canadá von Nova Lima im Großraum Belo Horizonte gelegen, versteht sich das Kunst- und Technologiezentrum Jardim Canadá – JA.CA – als Initiative zur Förderung und Entwicklung brasilianischer Kunst. Es wirkt als eine wichtige Plattform für die Ausbildung und den Erfahrungsaustausch zwischen Künstlern, Architekten und Designern. Neben Residenzprogrammen für Künstler organisiert das Zentrum auch Vorträge, Workshops und Ausstellungen.
  • B³, Recife Foto: Edson Barros © B³
    Im April 2011 von Edson Barrus und Yann Beauvais in Recife gegründet, konzentriert sich B3 auf internationale Produktion von „time based arts“. Durch Ausstellungen, Übersetzungen und Vorträge hat es sich zu einem Raum für neue Produktionsformen als auch zeitgenössische Kunsttheorie entwickelt. Unter anderen wurden hier Arbeiten von Valie Export, Anthony McCall, Paul Sharits, Erwin Wurm, Christoph Giradet und Mathias Müller vorgestellt. Neben Ausstellungen bietet B3 auch Diskussionen, eine Bibliothek, sowie Consulting für künstlerische Prozesse und Workshops an.
  • Aurora, São Paulo Foto: Helena Rios
    Aurora ist ein autonomer Raum von fünf Künstlern (Bel Falleiros, Diogo Lucato, Francesco Di Tilo, Gabriel Gutierrez und Laura Daviña) sowie der Ausstellungsarchitektin Claudia Afonso. In einem Geschäftshaus im Stadtzentrum gelegen ist es zugleich Atelier, Ausstellungsraum sowie ein Ort des Austauschs.
  • Phosphorus, São Paulo Foto: Joana Luz
    Das von Maria Monteiro und Gustavo Ferro geleitete Phosphorus ist ein Raum für künstlerische Experimente sowie Künstlerresidenz. Es befindet sich seit seiner Gründung 2011 in einem historischen Gebäude aus dem Jahr 1890, im Zentrum von São Paulo. Das Haus besitzt Räume für gemeinsames Arbeiten, Ateliers, Ausstellungsräume, Büro, Küche, sowie einen „als Prozess verstandenen Garten“.
  • Casa Tomada, São Paulo Foto: Habacuque Lima
    Auf den gesamten Produktionsprozess und nicht nur das Endprodukt ausgerichtet, bemüht sich Casa Tomada seit 2009 darum, Diskussionen um zeitgenössische Kunst anzustoßen, nicht nur durch die Förderung künstlerischer und theoretischer Arbeiten durch gemeinsame Erfahrungen, sondern auch als Katalysator von Begegnungen zwischen Künstlern, Theoretikern und anderen unabhängigen Initiativen.
  • Atelier Subterrânea, Porto Alegre Foto: Lilian Maus
    Atelier Subterrânea organisiert seit 2006 Ausstellungen, Seminare, Kurse, Buchvorstellungen und andere Veranstaltungen. Der Raum verfügt über Galerie, Atelier, Büro und Innenhof. Ziel des Subterrânea ist die Förderung visueller Künste in Porto Alegre.
  • Lesbian Bar, Recife © Lesbian Bar
    Von dem Künstler Fernando Peres in Recife gegründet, entwickelte sich die Lesbian Bar in den vergangenen Jahren zu einem der lebendigsten alternativen Kulturzentren der bereits sehr aktiven lokalen Szene, Treffpunkt und Residenz für Künstler aus ganz Brasilien, die sich für eine Zeit in der Hauptstadt des Bundesstaats Pernambuco aufhalten. Es befindet sich in Peres Privathaus am Ufer eines Flusses und kann als „Kulturzentrum mit Bar, Ausstellungs- und Performance-Räumen“ bezeichnet werden.
  • Casa do Povo, São Paulo Foto: Thais Jatene
    Das Brasilianisch - Israelitische Kulturinstitut in Brasilien, besser als »Casa do Povo« (Haus des Volkes) bekannt, wurde von jüdischen Einwanderern gegründet, die sich im Stadtteil Bom Retiro niederließen. Es beherbergte eine Schule, ein Theater sowie ein Kulturzentrum. Nach einer Niedergangsperiode in den 1980er Jahren war es für lange Zeit geschlossen und wurde erst vor gut vier Jahren wieder eröffnet. Das Haus befindet sich mitten im Wiederaufbau und erfindet sich durch zahlreiche zeitgenössische Kunst- und Kulturaktionen permanent neu.