Theaterkritik in Deutschland Ein kritisches Netzwerk

Im deutschsprachigen Raum kann die Theaterkritik auf eine lange Tradition in den Printmedien zurückblicken. Anders aber als die Literatur- oder Kinokritik führt sie im Internet ein Schattendasein.

Sieht man sich die Internetauftritte der großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen an, fällt auf, dass beim Spiegel, der Zeit, Süddeutsche Zeitung und Berliner Tageszeitung taz Theaterkritiken Mangelware sind oder ganz fehlen. Was noch auffälliger ist: In den Rubriken unter „Kultur” ist das Theater nicht mehr vertreten. Film, TV, Musik, Kunst und Literatur kommen weiterhin vor. Klickt man die jeweilige Sparte an, sind alle relevanten Texte abrufbar. Die Sparte Theater dagegen gibt es in den Internetauftritten nicht mehr, obwohl die Theaterkritik in den Printausgaben der genannten Zeitungen noch eine Rolle spielt. Lediglich der Internetauftritt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung leistet sich noch die Rubrik Bühne und Konzert.

Fragt man sich, warum die jeweiligen Redaktionen das Theater ausklammern, liegt die Vermutung nahe, dass das in engem Zusammenhang mit einer Legitimationskrise des Theaters und der Theaterkritik steht. Das Theater im deutschsprachigen Raum war bis zu den 1990er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch selbstverständlich ein Ort der bürgerlichen Selbstvergewisserung. Seit das tief in der kulturellen und geistesgeschichtlichen Tradition verankerte Bürgertum als solches aber nicht mehr so klar erkennbar ist, wie das in der Bundesrepublik bis zum Mauerfall noch der Fall war, hat das Theater mit dem Vorurteil zu kämpfen, als Kunstform obsolet zu sein.

Budgetkürzungen

Parallel dazu geriet die privatwirtschaftlich von Verlagen, Chefredakteuren und Ressortleitern abhängige Theaterkritik in die Krise. Als den deutschen Zeitungsverlagen mit der Verlagerung des Anzeigengeschäfts ins Internet die wichtigste Einnahmequelle verloren ging, kam es zu einschneidenden Budgetkürzungen in den Ressorts. Diese Kürzungen trafen vor allem die Honorar- und Reisebudgets der Theaterkritik. Das wiederum bedeutet: Die Theaterkritik wurde in Frage gestellt. Theaterkritikerinnen und -kritiker müssen, anders als Kino- und Literaturkritiker, nun mal reisen, um sich in unterschiedlichen Städten Inszenierungen anzusehen und eine innere Vergleichsplattform der Theaterästhetiken, Inszenierungs- und Schreibstile zu erarbeiten.

Es ist offensichtlich, dass der Theater-, Tanz- und Opernkritik eine Marginalisierung droht. Und das obwohl gerade deutschsprachige Kritikerinnen und -kritiker auf eine Tradition zurückblicken können, die es ansonsten nirgendwo in der Welt gibt. Sie reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert und Gotthold Ephraim Lessing, der sich schon in seiner Hamburgischen Dramaturgie (1767) mit einzelnen Theateraufführungen auseinandersetzte – obwohl er in dieser Zeit Angestellter des Hamburger Nationaltheaters war. Anfang des 19. Jahrhunderts gründete dann einer der größten deutschen Dichter eine Tageszeitung und betätigte sich als Theaterkritiker. Vom Oktober 1810 bis März 1811 war Heinrich von Kleist Herausgeber, Autor und Theaterkritiker der Berliner Abendblätter, während er vergeblich für die Uraufführung seiner dramatischen Meisterwerke wie Amphitryon und Penthesilea kämpfte.

Netzwerk der Kritik

Seither hat sich parallel zur Entwicklung des deutschsprachigen Theatersystems ein Netzwerk der Theaterkritik etabliert. Sein wesentliches Merkmal sind bis heute unabhängige Autorinnen und Autoren, die direkt nach einer Premiere oder einer Uraufführung erste kritische Diskussionsbeiträge liefern. Da immer gleichzeitig mehrere Kritiken in regionalen und überregionalen Tages- und Wochenzeitungen erscheinen, gibt es Vergleichsmöglichkeiten und einen internen Diskurs der Theaterkritik. Dieser Diskurs ist ein wichtiger Parameter der ästhetischen Beurteilung und kulturpolitischen Bewertung dessen, was die Theater im deutschsprachigen Raum zu leisten vermögen.

Dieses sich gegenseitig kommentierende Netz der Kritikerinnen und -kritiker in den Printmedien existiert noch, wird aber zunehmend dünner. Man könnte nun annehmen, dass die Theaterkritik sich in solch einer Situation neue Auftrittsmöglichkeiten im Internet verschafft. Aber abgesehen von der Neugründung des Internetportals www.nachtkritik.de im Mai 2007, gibt es bislang noch keine überregionale Website der Theaterkritik. Eigentlich müssten sich der professionellen Theaterkritik im Internet neue Räume eröffnen. Bisher ist das aber nicht der Fall und es stellt sich die Frage, ob künftige Kritik-Generationen sich noch den Qualitätskriterien verpflichtet fühlen, die für die Theaterkritik in Printmedien gilt.

Unabhängig, konstruktiv

Zu diesen Qualitätskriterien gehört vor allem die Unabhängigkeit der Kritikerinnen und Kritiker gegenüber den Theatern sowie den Künstlerinnen und Künstler, über die sie schreiben. Darüber hinaus ist eine redaktionelle Betreuung der Texte freier Mitarbeiter inklusive eines inhaltlichen und stilistischen Redigats wichtig. Ob eine Theaterkritik tatsächlich ihren Namen verdient, hängt unter anderem aber davon ab, ob sie argumentativ geschrieben wurde, konstruktiv kritisiert wird und ob sie ein Beitrag zu einer Diskussion über Theater ist.