Luiz Ruffato und Michael Kegler Internationaler Hermann-Hesse-Preis

Luiz Ruffato und Michael Kegler
Luiz Ruffato und Michael Kegler | Foto: Pressefoto

Der brasilianische Schriftsteller und sein deutscher Übersetzer erhalten den Internationalen Hermann-Hesse-Preis. Die Auszeichnung krönt bislang vier in Deutschland übersetzte Romane – ein fünfter, Teilansicht der Nacht, ist für 2017 angekündigt. 

Das Jahr 2016 meint es gut mit Luiz Ruffato: Nach zwei Verfilmungen seiner Bücher und der Wiederauflage des Romans De mim já nem se lembra (Companhia das Letras) in Brasilien wird der Autor im Juli gemeinsam mit seinem deutschen Übersetzer Michael Kegler den Internationalen Hermann-Hesse-Preis entgegennehmen. Das Preisgeld von 20.000 Euro geht zu gleichen Teilen an Autor und Übersetzer.

Die Entdeckung Luiz Ruffatos in Deutschland erklärt sich aus einer Reihe von Faktoren: ein weltweites Interesse an Brasilien seit 2010, die Frankfurter Buchmesse, das „weltgrößte Ereignis der Verlagsbranche“, deren Ehrengast 2013 Brasilien war, und auch „etwas Glück“, lacht Luiz Ruffato. „2011 sprachen meine Verleger Michael Kegler an, der meine Bücher positiv begutachtete und dann den Roman Es waren viele Pferde übersetzte. Michael Kegler ist Deutscher, hat aber einen Teil seiner Kindheit im Landesinneren von Minas Gerais verbracht, sodass wir uns heute auf „mineirês“ unterhalten. Wir haben vieles gemeinsam“, sagt der Schriftsteller.

„Es gibt keine Übersetzung“

Ruffato sagt, für den Preis sei zum Teil auch Michael Kegler verantwortlich, der in den darauffolgenden Jahren drei weitere Titel von ihm übersetzte: Mama, es geht mir gut, Feindliche Welt und Ich war in Lissabon und dachte an dich. „Der Preis ist keine Auszeichnung für mich allein“, sagt der Schriftsteller. „Er ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit mit Michael Kegler, der sehr genau übersetzt. Er notiert alle Fragen, und dann reden wir über jeden einzelnen Punkt. Dabei fiel mir auf, dass seine Fragen auch meine sind“, erläutert der Autor und sagt, in einer anderen Sprache müssten Bücher neu geschrieben werden: „Es gibt keine Übersetzung.“ 

„Ruffato zu übersetzen ist eine unglaubliche Erfahrung“, erzählt Kegler. „Durch unsere mit den Jahren gewachsene Nähe sehe ich seine Bücher schon wie meine eigenen an“, sagt er. Kegler hat ein sehr enges Verhältnis zu Brasilien und zum Portugiesischen. Alphabetisiert in Brasilien begeisterte er sich später in Deutschland als Mitarbeiter des Zentrums für Bücher und Schallplatten in portugiesischer Sprache für portugiesischsprachige Literatur. „Diese Welt hat mich gepackt, und nun versuche ich mich seit Anfang der 1990er Jahre hier für Literatur in portugiesischer Sprache einzusetzen. Die Übersetzung ist nur ein Teil dieses Einsatzes und der Begeisterung“, sagt der Übersetzer, der unter dem Titel Nova Cultura auch eine Website zum Thema betreibt.

Erste Aufmerksamkeit

Bereits 2012 war die Aufmerksamkeit, die Ruffatos erster von Kegler übersetzter Roman, Es waren viele Pferde, erregte, beträchtlich. Eine Lesereise führte durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. „Die Reaktion in der Literaturszene war überwältigend und Ruffato erhielt begeisterte Kritiken in den größten Zeitungen Deutschlands und der Schweiz“, sagen die Verleger der Assoziation A, Theo Bruns und Rainer Wendling, die sich sehr für lateinamerikanische Literatur interessieren und auch Beatriz Bracher verlegt haben, sowie eine Anthologie mit brasilianischen Fußballgeschichten. „Es ist ein faszinierender Roman über die Megacity São Paulo und die Welt der Armen, der Arbeiter und Migranten“, sagen sie. 

Nach Keglers Auffassung weckt Ruffatos Literatur zunehmend auch unter deutschsprachigen Lesern Interesse, die bis dahin keinerlei Beziehung zu Brasilien hatten. „Die Lehrerin meines Sohnes sprach mich einmal darauf an, dass sie jetzt erst gemerkt hätte, dass dieses Buch, das ihr so gefiel, ja von mir übersetzt worden war“, erzählt er. Ruffato wiederum wundert sich über den Anklang, denn als „Publikumsautor“ sieht er sich nicht.

Kontroverse in Frankfurt

Ruffato glaubt auch, dass seine umstrittene Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2013 zwar international in der Verlagswelt Aufmerksamkeit erregt, in Brasilien jedoch manche Tür für ihn verschlossen habe. „Hier herrscht die Vorstellung, man müsse nett sein, oder mit anderen Worten, verlogen. Und man sagt mir bis heute: ‚Du hättest Brasilien nicht schlecht machen dürfen! Es sei nicht der geeignete Ort gewesen, um die Probleme meines Landes anzusprechen‛, höre ich ebenfalls oft. Doch wenn nicht auf einer Buchmesse, wo es um den Austausch von Ideen geht, wo eigentlich dann?“, fragt der Autor. 

In seiner Rede erinnerte Ruffato an Brasiliens Vergangenheit als eine Gesellschaft der Sklaverei und des Genozids, sprach die soziale Ungleichheit an, Homophobie, Machismus und andere heikle Themen. „Ich habe nichts gesagt, was nicht jede einigermaßen aufmerksame Person ohnehin schon gewusst hätte. Sind wir etwa nicht rassistisch und machistisch? Wenn man Probleme lösen will, muss man sie ansprechen“, schließt der Schriftsteller. Seine deutschen Verleger indes sparen nicht an Lob für die Rede des brasilianischen Autors. „Für uns war Ruffatos Rede in Frankfurt eines der wichtigsten Ereignisse auf der Buchmesse in den letzten Jahrzehnten. Sie war sehr mutig, und das Publikum hat begeistert applaudiert“, erinnern sich Bruns und Wendling.

Bedeutender Preis

Die Auszeichnung in Deutschland freue ihn, sagt Ruffato, betont aber, dass Preise auch Zufällen unterlägen und innerhalb eines Kontexts gesehen werden müssten. „Die Jury besteht aus vier oder fünf Leuten, die sich in einem bestimmten Moment so entschieden haben. Eine andere Jury hätte vielleicht einen anderen Autor ausgezeichnet“, sagt der Schriftsteller, für den Zeit das geeignetste Kriterium für die Qualität seiner Literatur ist. Kegler sieht die Bedeutung des Preises vor allem darin, dass er nicht aus einer der Nischen stammt, in der sich lateinamerikanische Literatur oft bewege, sondern „einfach ein wichtiger Literaturpreis in Deutschland (ist) und nicht zugeschnitten auf eine bestimmte Herkunft oder einen bestimmten Kulturraum.“