Debatte um Labs Politik von unten nach oben

re:publica
re:publica | Foto (Ausschnitt): Georgia Nicolau

In Berlin und Santos versammeln sich Aktivisten und Spezialisten zu Diskussionen über Innovation, öffentliche Politiken und Bedürfnisse der Zivilgesellschaft.

2015, während der re:publica, einer der größten Konferenzen zu Technologie und Gesellschaft, die seit zehn Jahren jedes Jahr im Mai in Berlin stattfindet, wurde erklärt, die „Zukunft käme aus dem Süden“. Bereits 2013 entstand auf ebenjener re:publica das Netzwerk Global Innovation Gathering (GIG) - eine Gemeinschaft von Innovativen und Machern, zumeist aus dem Umfeld von sozial innovativen und experimentellen Räumen wie makerspaces, hackerspaces, hubs und Laboratorien im Allgemeinen. Mit einem Schwerpunkt auf Ländern des geopolitischen Südens (Lateinamerika, Asien, Afrika) umfasst das GIG heute mehr als 100 Personen aus 30 Ländern mit dem Ziel, den Diskurs und die Entwicklungspraxis auf der Grundlage von Werten wie Gleichheit, Kooperation und Offenheit zu stärken.

Anfang 2016 veranstaltete das GIG eine Umfrage zum Verhältnis seiner meist stark in lokale Kontexte, unabhängige sowie vernetzte Arbeitszusammenhänge eingebundenen Mitglieder zu öffentlichen Innovationspolitiken der jeweiligen Orte, an denen sie leben und arbeiten. Aus den Antworten lässt sich, wenngleich erst vorläufig, herauslesen, dass viele der Herausforderungen, insbesondere in Afrika und Lateinamerika, ähnlich sind: Korruption, überhöhte Importsteuern auf wichtige Innovationsgüter, staatliche Unfähigkeit im Umgang mit Mischformen aus Unternehmen, sozialen Geschäftsformen und Dienstleistungssektor, anhaltende politische und wirtschaftliche Instabilität sowie zahlreiche Fälle von Politik von oben nach unten ohne Beteiligung der Unternehmenden, vor allem der innovativen, die aus genau diesem Grund nicht ausreichend mit der politischen Agenda der Institutionen vernetzt sind.

Dialogräume

Für Maria Caramez Carlotto, Dozentin an der Bundesuniversität der Region ABC (UFABC) mit Forschungsschwerpunkt Wissens-, Technologie-, Wissenschafts- und Innovationssoziologie, ist Innovationspolitik innerhalb der globalen Wirtschaft darauf ausgerichtet, einen, höchstens jedoch zwei Gewinner hervorzubringen. Es handele sich, sagt sie, um einen endlosen Wettlauf, in dem Länder mit mittlerer Wirtschaftsleistung oder sich entwickelnde Länder keine Möglichkeit haben, das Ziel zu erreichen.

Carlotto vertritt die Notwendigkeit, zu hinterfragen, „welche Art von Innovation wir wollen“, was im Grunde die Frage danach ist, welches genau unser Projekt für die Zukunft ist. Doch welche Einflussbereiche und Dialogmöglichkeiten mit öffentlichen Politiken haben wir heute? „Wir brauchen mehr theoretische Formulierungen, um zu zeigen, wer diese Akteure und Innovatoren sind und was sie tun. Auf welchem Gebiet sie welche Aktivitäten vorantreiben. Daten erheben, Forschungen anstellen, uns als soziale Akteure aufstellen, um mehr und besser Einfluss zu nehmen“, fügt die Soziologin hinzu.

Mikropolitische Räume

Und wie können diese Räume, ausgehend von Diversität und dem Experimentieren auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet, andere Diskurse und Handlungsweisen im Bereich der Innovation, der Wissenschaft und der Technologie beeinflussen? „Innovationslaboratorien sind Initiativen von unten nach oben, die auf ihren Gebieten Mikropolitik machen“, findet der Kolumbianer Martín Restrepo, Mitbegründer von Editacuja und Appiario und sozialer Erneuerer.

Restrepo, der ebenfalls Mitglied des GIG ist, betreut für die kolumbianische Regierung den Aufbau von 800 Innovationsräumen in seinem Land, was zu einer Debatte über ein an das Territorium gebundenes Narrativ führt. „Wenn wir von einer Gemeinschaft sprechen, deren wichtigster Wirtschaftszweig der Fischfang ist, müssen wir Inhalte und eine Praxis von Produkten und Dienstleistungen schaffen, die für den Fischfang sinnhaltig sind. Über die Innovation hinaus müssen wir Diskurse und Narrative über diese Innovation schaffen. Dies ist untrennbar verbunden mit dem Territorium“, sagt er.

Mediationsräume

Diskussionslaboratorien sind wichtige Mediationsräume zwischen Bedürfnissen und Lösungen von der Basis der Zivilgesellschaft und der Formulierung zeitgemäße Notwendigkeiten widerspiegelnder und begleitender öffentlicher Politiken. In Santos fand in der letzten Juniwoche 2016 die Internationale Begegnung freier Kultur und zivilgesellschaftlicher Innovation Lab.irinto statt, deren Diskussionen einige Nähe zu denen auf der re:publica geführten aufweisen.

Es waren Vertreter_innen aus Kenia, Ägypten, Spanien Kolumbien, Argentinien, Mexiko und verschiedener brasilianischer Initiativen dort versammelt, um Modelle kollektiver Produktion und zivilgesellschaftlicher Innovation zu diskutieren, welche sich in lokalen Netzwerken bewegen, zugleich aber global vernetzt sind. Wie Raul Oliván von Zaragoza Activa in Spanien schreibt, Camilo Cantador von Colaboratório in Kolumbien zitierend, ist „ein starkes lab ein hub mit multiplen Verbindungen, lokalen und globalen Verbündeten. Es ist der Polyzentrismus, der das Narrativ von ‚Experten‛ ins ‚Allgemeine‛ übersetzt“.

Die ebenfalls in Santos anwesende Wissenschaftlerin Nanjira Sambuli stand jahrelang an der Spitze der Forschungsgruppe IHub, einem der wichtigsten Innovations-hubs in Kenia. Sambuli ist der Ansicht, dass allein der Wille zur Innovation nicht ausreiche. „Es braucht politisches Engagement, denn viel von dem, was wir tun, hängt von diesem Dialog ab. Und es könnte viel mehr davon ausgehen. Genau deswegen haben wir die Forschungsgruppe IHub aufgebaut, um diese Berührungspunkte mit der Politik zu haben. Wir müssen weitere Räume schaffen, in denen wir eine Stimme haben.“

Die Perspektive dieser Innovationsräume geht über ein Format von Räumen digitaler Inklusion, Freizeit, gemeinschaftlicher Zentren oder für Kulturproduktion und –Konsum hinaus. In der Tat sind es Räume multidisziplinären Schaffens und der vom Experiment ausgehenden Erfindung von Zukunft. Und sie wurden geschaffen, um frischen Wind einzubringen in unsere Art zu denken und Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Kunst und Technologie zu betreiben.