32. Biennale von São Paulo “Die Unsicherheit von der Angst trennen”

Jochen Volz. Foto: Sofia Colucci / Fundação Bienal de São Paulo​
Foto: Sofia Colucci / Fundação Bienal de São Paulo​

Ohne Angst vor der Zukunft begreift Jochen Volz, Kurator der 32. Biennale von São Paulo, diese Ausgabe als Gelegenheit, neue Verbindungen zwischen dem Bürger und seiner Umwelt zu schaffen. Die gegenwärtige politische Instabilität Brasiliens und die großen globalen Probleme werden nicht als Hindernis aufgenommen, sondern als Anreiz zum totalen Paradigmenwechsel.
 

Sie haben eine Ausstellung über die Unsicherheit konzipiert, allerdings Unsicherheit, die nichts mit Angst oder Lähmung zu tun hat. Kann man also sagen, das wird eine “optimistische” Biennale?

Incerteza Viva (Lebendige Unsicherheit) geht darum, die Unsicherheit anzunehmen und zu leben. Sie erkennt Unsicherheiten als System schöpferischer Orientierung an und fußt auf der Überzeugung, dass man, um die großen Fragen unserer Zeit objektiv angehen zu können – die globale Klimaerwärmung und ihre Auswirkungen auf unseren Lebensraum, das Aussterben von Arten und den Verlust biologischer wie kultureller Vielfalt, wirtschaftliche und politische Instabilität, ungleiche Verteilung natürlicher Ressourcen auf der Welt, globale Migration und die erschreckende Ausbreitung von Fremdenfeindlichkeit, um nur einige zu nennen –, Unsicherheit von der Angst trennen muss.

Anders als auf anderen Gebieten zielt Unsicherheit in der Kunst jedoch auf Unordnung, lässt sich auf Zweideutigkeit und Widerspruch ein. Die Kunst nährt sich aus Unsicherheit, aus der Chance, der Improvisation, der Spekulation, und versucht zugleich, Unerzählbares zu erzählen, das Unermessliche zu ermessen. Sie lässt den Irrtum, den Zweifel und sogar tiefste Schrecken und Befürchtungen jedes Einzelnen zu, allerdings ohne sie zu manipulieren. Wäre es da nicht an der Zeit, die unterschiedlichen Arten des Denkens und Machens von Kunst auch auf andere Bereiche des öffentlichen Lebens anzuwenden? Mit der Unsicherheit zu leben kann uns auf Lösungen für die Zukunft bringen. Tagtäglich die Bedeutung „Lebendiger Unsicherheit“ zu begreifen heißt, sich darüber bewusst zu bleiben, dass wir in einer von Unsicherheit beherrschten Umgebung leben. So können wir in Zeiten beständiger Veränderung andere Handlungsformen vorschlagen.

Die Werke einiger zur 32. Biennale eingeladenen Künstler hinterfragen die bestehenden politischen Strukturen. Inwiefern spiegeln die gezeigten Werke die gegenwärtige politische Unsicherheit in Brasilien wider? Ist es Aufgabe des Kurators, dazu öffentlich Stellung zu nehmen?

In den letzten Monaten war die Politik in Brasilien von Unsicherheit geprägt. Insofern sehen wir, dass die Fragestellungen, die zu Incerteza Viva geführt haben, eine neue Dimension erhalten haben und zum Widerhall aktueller Politik in Brasilien werden. Wir beobachten aufmerksam die energischen Formen der Mobilisierung, die heute große Teile der Bevölkerung aufbringen, weit über die politische Klasse und erst recht die parlamentarische Politik hinaus. Viele der im Moment auf der Tagesordnung stehenden kulturellen und sozialen Fragen waren bereits Teil der thematischen Erörterungen unseres Projekts und sind nun, in diesem Umfeld der Veränderung, Brennpunkte von zusätzlicher Aktualität. All die Monate lang haben wir ununterbrochen, unter uns und mit vielen Gesprächspartnern, Studenten, Akademikern, Künstlern und Aktivisten, darüber geredet, wie auf diese Situation permanenter Veränderungen zu reagieren ist.

Die heutige Rolle der Biennale ist die einer Plattform, die sich aktiv für Vielfalt, Freiheit und das Experiment einsetzt, indem sie kritisches Denken betreibt und Vorschläge unterbreitet. Unsere Verpflichtung ist die Bewahrung eines pluralistischen Raums, in dem eigenständige Perspektiven untereinander in Dialog treten können. Wir glauben tatsächlich an eine verändernde Rolle der Kunst insofern, als sie eine immanente Integration des Denkens und Handelns, der Reflexion und Aktion darstellt. Wir glauben an das performative Potenzial der Kultur.

Einige Werke nutzen das Thema Unsicherheit, um traditionelle Gebiete des Wissens zu hinterfragen und marginalisierte Handlungsweisen zu stärken, wie etwa das Denken indigener Völker. Läuft man in diesem Zusammenhang nicht Gefahr, eine Art „Ästhetisierung der Erfahrung“ oder „Elitisierung ihres Gebrauchs“ zu betreiben? Wie lassen sich aus Ihrer Sicht solche Risiken vermeiden?

Unsicherheit zu diskutieren bedingt das Begreifen der Vielfalt des Wissens insofern, als das Unbekannte zu beschreiben bedeutet, alles, was wir als bekannt voraussetzen, zu hinterfragen. Es bedeutet auch und darüber hinaus, wissenschaftliche und symbolische Codes als komplementär wertzuschätzen und nicht als ausschließlich. Die Kunst führt zu aktivem Austausch unter Personen, erkennt Unsicherheiten als generative, richtungsweisende und konstruktive Systeme an. Ich verstehe „Ästhetisierung“ nicht notwendigerweise als größtes Risiko, und schon gar nicht die „Elitisierung“. Wir sprechen von marginalisierten Kenntnissen, Narrativen, Praktiken und Kulturen. Die Frage ist also, wie man diesen eine Sichtbarkeit gibt und wie man eine breitere Reflexion über Werte anstößt und über die Notwendigkeit einer Neubewertung unseres Verhaltens.

Kuratoren früherer Biennalen bemühten sich oftmals auf theoretischer Ebene, den Ausstellungsraum in den Ibirapuera-Park zu integrieren, was in der Praxis nicht immer gelang. Inwiefern überwindet die 32. Biennale die Trennung zwischen Privatem (der Ausstellung) und Öffentlichem (dem Park)?

Die 32. Biennale von São Paulo möchte durchlässig und zugänglich sein, sowie aktiv an der kontinuierlichen und kollektiven Konstruktion des Ibirapuera-Parks als öffentlichem Raum teilnehmen, und so seine gemeinschaftliche Aufgabe erweitern. Zahlreiche künstlerische Projekte, wie etwa die Skulptur Arrogação (2016) von Koo Jeong A, die auch als Skatebahn verwendet werden kann, wurden eigens für den Park in Auftrag gegeben. Die Ausstellung selbst sieht sich als Erweiterung des Gartens in den Pavillon hinein. In Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Alvaro Razuk haben wir die Expografie dieser Biennale aufgrund von Reflexionen über die räumliche Logik des Parks entwickelt. Insofern wird der Park zum Modell, sowohl methodisch als auch metaphorisch, für die Vielfalt des Raums und gibt Erfahrungen und Aktivitäten vonseiten des Publikums Vorrang.

Zahlreiche teilnehmende Künstler waren deutlich vor der Eröffnung bereits in São Paulo und haben mit unterschiedlichen lokalen Communities interagiert. Wie ist es zu diesem Prozess gekommen? Können Sie uns Beispiele für Arbeiten nennen, die aus diesem Austausch entstanden sind?

Der Austausch ergibt sich insbesondere aus der Zusammenarbeit, unabhängig davon, ob sich die jeweilige Arbeit streng auf São Paulo oder Brasilien bezieht. Zahlreiche Künstler wurden von Forschern des Botanischen Instituts unterstützt, andere arbeiteten mit lokalen Kunsthandwerkern, wiederum andere recherchierten mit Unterstützung von Agronomen, Archäologen, Anthropologen, Fischern und Tänzerinnen, um nur einige zu nennen. Incerteza Viva ist ein kollektiver Prozess, der vor einem Jahr eingeleitet wurde und Lehrende, Studenten, Künstler, Aktivisten, indigene Repräsentanten, Pädagogen, Wissenschaftler und Denker in São Paulo, Brasilien und außerhalb einbezieht. Doch es ist auch ein kollektiver Prozess, der jetzt erst beginnen muss. So wie Kunst üblicherweise das Denken und Tun, Reflexion und Aktion vereint, wird sich der wahre Reichtum von Incerteza Viva erst durch die Begegnung der Besucher mit den Werken, den vielen Performances und den öffentlichen und pädagogischen Veranstaltungen der Biennale in den kommenden Monaten herausstellen.

Sie waren bereits Mitglied des Kuratorenteams der 27. Biennale von São Paulo, die vor einem Jahrzehnt mit dem alten Ausstellungskonzept brach und sich zum Beispiel von dem Gedanken „nationaler Repräsentation“ verabschiedete. Welche Brüche verspricht die 32. Biennale? Und was gedenkt sie am Ende dieser Ausgabe zu hinterlassen?

Wenn ich sage, dass die 32. Biennale den Park sowohl methodisch wie auch metaphorisch als Modell versteht, das Erfahrungen begünstigen soll, hoffe ich, dass Incerteza Viva ein neues Bewusstsein des Publikums zum Verhältnis jedes Einzelnen zur Umgebung hervorruft, die wir bewohnen und von dem wir als Menschen abhängig sind, um zu überleben. Ja, wir wollen, um den großen Künstler Frans Krajcberg zu zitieren, einen Aufschrei für die Gesundheit des Planeten tun!

Der in Braunschweig geborene Jochen Volz studierte Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilian-Universität München sowie an der Humboldt-Universität Berlin. Als wichtiger Akteur auf dem Gebiet der bildenden Künste war er von 2005 bis 2012 künstlerischer Leiter des „Centro de Arte Contemporânea Inhotim“ (Brumadinho, Minas Gerais). 2006 war er im Kuratorstab der 27. Biennale von São Paulo, drei Jahre später Kurator der 53. Biennale von Venedig. Bevor er die derzeitige Biennale von São Paulo übernahm, war er  verantwortlich für das künstlerische Porgramm der Serpentine Galleries in London.

Biennale von São Paulo: 7.9. bis 11.12. 2016 / Dienstags, mittwochs, freitags, sonngtags und Feiertage: 9 – 19 Uhr (Einlass bis 18h) / Donnerstags, samstags: 9 – 22 Uhr (Einlass bis 21 Uhr / Montags geschlossen / Eintritt frei