Jenseits von Folklore Indianer im Kino

V.l. Manduca (Yauenkü Miguee), Theo (Jan Bijvoet), Karamakate (Nilbio Torres). © Andres Cordoba/ Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K.​
© Andres Cordoba/ Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K.​

Der Auftritt von Indianern im Kino hat den Anschein von Folklore endlich verloren. Mit vielen neuen Inhalten, fremd und „originär“ wirkenden Geschichten bereichert das indigene Kino den Markt. Es trifft auf ein neugieriges Publikum, dass sich zum Träumen verführen lassen will – aber ist es auch bereit zuzuhören?

Es ist eine Welle, die sich langsam aufbaut und an Größe und Geschwindigkeit gewinnt: Das indigene Kino ist ein Trend. Das bestätigt Maryanne Redpath, Kuratorin des NATIVe-Programms der Berlinale. Mit der Sonderreihe NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema, widmet sich die Berlinale den filmischen Erzählungen indigener Völker auf der ganzen Welt. 2015 lag Lateinamerika im Fokus. „Gemeinsam mit unseren indigenen Filmberatern und Co-Kuratoren, sind wir die letzten fünf Jahre den Pfaden des indigenen Kinos gefolgt,“ erklärt Redpath. „Das indigene Story-telling kam zur rechten Zeit. Es ist sehr wertvoll für die Filmindustrie mit ihren oft müden und lustlosen Formen und Inhalten. Vor allem geht es darum, sich die eigenen Bilder und Geschichten wieder anzueignen.“

Die eigene Sprache wiederfinden

Was bei Der mit dem Wolf tanzt von Kevin Costner (1990) noch eine kleine Sensation war, nämlich der Gebrauch indianischer Originalsprache, ist heute im indigenen Kino Standard. Der große Reiz dieses Kinos liegt in der Darstellung anderer Realitäten und in der Anerkennung kultureller Differenz. Indianer „treten nicht auf“, ihre Lebens- und Denkweisen sind der Inhalt. Yvy Maraey – Land ohne Übel (2013) von Juan Carlos Valdivia beginnt und endet mit der Frage: „Welche Farbe haben die Dinge? Und woher weißt du, wie ich die Dinge sehe?“

Andrés (der Autor selbst), begibt sich mit Yari (Elio Ortíz, im echten Leben Guarani und Ethnologe) auf einen Roadtrip in die Tiefen des bolivianischen Chaco. Er möchte etwas verfilmen, was nur in der Vorstellungswelt der Leute existiert: das „Land ohne Übel“. Sein Film ist eine Reise ins Innere einer anderen Welt, die auf Mündlichkeit und auf Gemeinschaft basiert. Andrés schreibt. Für ihn ist Schreiben gleich Denken. Für Yari wiederum ist das Fühlen wichtig und für die Guarani ist das Universum selbst der zu entziffernde „Text“. Yvy Maraey ist die Geschichte der Annäherung von Personen und Kulturen, in dem auch die gegenseitige Klischees auf´s Korn genommen werden.

Vermittlungsinstanz Kino

Wenn sie größere Publikumserfolge feiern wollen, müssen indigene Filmemacher, bzw. Filmemacher mit indigenen Themen, Kompromisse eingehen. Dafür darf die Produktion für den nicht-indigenen Zuschauer nicht allzu “exotisch” sein. Ein Dokumentarfilm wie As hipermulheres (2011) von Takumã Kuikuru und Carlos Fausto hat außerhalb seines Kontextes nur beschränkte Reichweite. Andere Community-basierte Ansätze und Doku-Fictions mit sozialem Engagement blieben schon bei der Vorauswahl auf der Strecke. Sie konnten bei der Berlinale nicht laufen, „weil sie den ästhetischen Kriterien nicht genügten oder nicht im digitalen Format vorlagen“, so Amalia Córdova, Co-Kuratorin der NATIVe Berlinale. „Dennoch hat die NATIVe-Berlinale indigenen Erzählungen und Produktionen, die für das Massenpublikum größtenteils noch unverständlich sind, große Sichtbarkeit verschafft und das ist sehr zu begrüßen.“

Indigene Thematiken bedürfen immer noch einer Übersetzung ins Kinoformat, wenn sie Erfolg haben wollen. Ciro Guerras El abrazo de la serpiente ist das gelungen. Der Film kassierte mehrere Preise und wurde für den Oscar nominiert. Mit mächtigen Schwarz-Weiss-Bildern, die den Fotografien des Ethnologen Theodor Koch Grünberg nachgebaut sind, transportiert er uns zurück in die Zeit zwischen 1903 und 1941 zum Rio Negro. Guerra inspirierte sich an den Aufzeichnungen Koch-Grünbergs und des Botanikers Richard Evans Schultes. Beim Übersetzungsprozess der Story für die große Leinwand gehen ein paar historische und ethnographische Details verloren. Gemessen an den geschickt transportierten Botschaften ist das aber verzeihlich.

Wieviel Ufer hat ein Fluss?

Der Film führt vor, wie unterschiedlich die indigene und die abendländische Kultur mit Wissen umgeht: Während es für die Indianer zur persönlichen Entwicklung dient, geht es den Forschern um Klassifikation und Verwertung. Evans wird als potentieller Biopirat gezeigt und der Schamane Karamakate wird zum strengen Lehrer, der dem Weißen zeigt, dass ein Fluss drei, fünf oder sogar 1000 Ufer hat, weil er der Anakonda entstammt. Die Botschaft des Films lautet: „Wenn die Weißen nicht lernen, sind wir verloren.“

Die Hoffnung auf echtes Verstehen und Respekt ist vielleicht die wichtigste Mission des indigenen Kinos überhaupt. „Denn die Weißen kennen uns nicht. Wenn wir in unseren Filmen zeigen, wie wir leben, werden sie anfangen zu begreifen, dass wir eine andere Lebensart haben … und werden beginnen zu respektieren, wie wir leben…“ so drückt es Tadeu Siã im Dokumentarfilm Maê Dami Xinua – Já me transformei em imagem von Zezinho Yube (2008) aus.

Der Großteil der indigenen Produktionen will genau das: Bewußtsein für ihre Lebenssituationen schaffen, von denen ihr Überleben abhängt. Beim Publikum hat die Sehnsucht nach neuen Bildern und Inhalten das Interesse an den anderen Realitäten beflügelt. Bleibt zu hoffen, dass auch echtes Verständnis folgt.