Dossier Die Revolution der Bibliotheken in Bogotá

Biblioteca Virgilio Barco
Copyright: BiblioRed Bogotá

BibloRed, das Netzwerk der öffentlichen Bibliotheken in Bogotá, feiert sein 15-jähriges Bestehen: ein Projekt, das die Stadt verändert hat.
 

Seit vor 15 Jahren das Netzwerk BibloRed ins Leben gerufen wurde, haben die 19 beteiligten Bibliotheken positiv zum Stadtleben beigetragen: Sie verschaffen tausenden Menschen einen Zugang zum Wissen und sie wurden als Räume erdacht, in denen die Stadtbewohner ihren Bürgersinn entdecken können. Bogotás Bürgermeister Enrique Peñalosa formuliert den Beitrag der Bibliotheken damit, „dass Bogotá gleichberechtigter und sozial nachhaltiger wird, weil jedem der Zugang zum Wissen offensteht“. Diese Perspektive teilt auch Carlos Hoyos, der Direktor der Bibliothek Virgilio Barco: „Die neue Bibliothek – im Sinne unseres Netzwerks – ist ein Ort der Begegnung und der Gemeinschaftsbildung, aber auch der Unterhaltung. Man kommt nicht mehr nur, um zu arbeiten.“

Ziel der Bibliotheken ist es, mit den sie umgebenden Stadtteilgemeinden Beziehungen aufzubauen. Da reicht es schon zuzusehen, wie ab acht Uhr früh dutzende von Menschen darauf warten, dass die Bibliothek Gabriel García Márquez ihre Pforten öffnet. Manche kommen, um Tageszeitungen zu lesen, andere, um zu lernen. Die Ludothek wird von Vorschulkindern belagert. Gerade den Einkommensschwachen ermöglichen es die öffentlichen Bibliotheken, Computer zu nutzen, Bücher zu konsultieren, die beim Kauf zu teuer wären, oder kostenlose kulturelle Angebote in Anspruch zu nehmen. Die großen Zentralbibliotheken stellen um die fünfzig Computer zur Verfügung, während die kleineren Stadtteilbüchereien mit ein, zwei Dutzend PCs und Laptops aufwarten können. Die Computer gehören zu den meistgenutzten Installationen des Netzwerks.

Die Diversität des Netzwerks


Biblioteca Virgilio Barco Copyright: BiblioRed Bogotá
BibloRed besteht aus sehr unterschiedlichen Einrichtungen. In einer so großen und vielfältigen Stadt wie Bogotá könnte es anders auch nicht sein. Seit 2015 arbeitet das Netzwerk nach einem Prinzip, das die Stadt in fünf unabhängige Kernzonen aufteilt, von denen jede den Namen ihrer Zentralbibliothek trägt. Diese wiederum sind für die Koordinierung der Stadtteilbibliotheken zuständig, wobei die Bedürfnisse der jeweiligen Einwohnergemeinde zu berücksichtigen sind.

Die Verschiedenheit der Stadtteile zeigt sich an den Beständen. „Wir haben beobachtet, dass sehr begehrte Bücher in der Virgilio oder der Julio Mario in anderen Bibliotheken nicht ein einziges Mal aufgeschlagen wurden“, unterstreicht Diana Rey, Direktorin der Stiftung Fundalectura, der die administrative Führung von BibloRed übertragen wurde. Diese Beobachtung hat eines der Schlüsselprinzipien von BibloRed festgesetzt – nämlich niemals vorzugeben, was gelesen werden soll.

Doch die Bibliotheken haben sich nicht nur konzeptuell verändert. Was früher einmal als Zwischenabladegelände der Müllabfuhr diente, gilt seit dem Jahr 2000 als kulturelles und architektonisches Wahrzeichen: die Bibliothek El Tintal Manuel Zapata. Drum herum hat sich der Stadtteil entwickelt. Es entstanden Einkaufszentren, Krankenhäuser und Wohnprojekte. Wo es früher einmal nach Abfall stank, schwingen heute Seniorinnen ihr Tanzbein, belegen Alphabetisierungs- und Computerkurse. Täglich besuchen rund 2.500 Menschen die Bibliothek.

Mehr als ein Bücherlager

So oft es auch aus dem Blickfeld gerät, die Gebäude voller Wörter sind eine Riesenchance. Die Bibliothek ist jene Treppe ins Unendliche, die es möglich macht, gemeinsam eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Ähnlich Borges’ Aleph ist sie jener „Punkt, der alle Punkte in sich enthält“, der Ort, wo sich Wissen und Gedächtnis der Menschheit konzentrieren. Aktuell birgt BibloRed insgesamt eine Sammlung von 653.000 Büchern, die meisten aus öffentlichen Spenden.

Von der Aufwertung des Stadtbilds bis hin zum Empowerment der Stadtteilgemeinden hat BibloRed Entscheidendes bewirkt. „Ein Stadtteil ohne Bibliothek kann die demokratischen Prinzipien nicht erfüllen, denn ohne Zugang zu Information ist es unmöglich, Bürgersinn zu entwickeln“, glaubt die Expertin für Leseförderung Carmen Barvo.

Die Nutzer von BibloRed sind proaktiv, sie fordern nicht nur einen Raum zur Recherche, sondern auch einen Ort zur Erholung. Eine Bibliothek, derer sie sich ermächtigen können. Beispiel dafür ist die vor Kurzem abgehaltene Feier zum 37-jährigen Bestehen der Bibliothek La Victoria im Stadtbezirk San Cristóbal. Dort, in der östlichen Hügelregion Bogotás, tauschten die Nutzer einen Tag lang die Bücher gegen Töpfe mit Sancocho und vergnügten sich beim Nationalsport Tejo, einem Wurfspiel, bei dem es auf Geschicklichkeit ankommt. In einem Viertel wie La Victoria, wo viele Bedürfnisse vernachlässigt bleiben, lernen Kinder durch die Annäherung an andere Realitäten, dass sie sich nicht von ihrem Umfeld bestimmen lassen müssen. Durch Bücher, Filme und Internet würden sie von neuen Möglichkeiten erfahren, unterstreicht Ángela Meza, die in der Bibliothek für die Leseförderung zuständig ist.

Die Angebote des Netzwerks sind vielfältig. Von Yoga, Computerbenutzung und urbaner Landwirtschaft bis zu den traditionellen Lese- und Schreibkursen sowie Brailleschrift ist alles dabei. Auch Kunstausstellungen, Konzerte und Theatervorführungen stehen auf dem Programm. Für die ganz Kleinen gibt es die bebetecas in den Bibliotheken Carlos E. Restrepo und Julio Mario. Diese „Babytheken“ fördern den Kontakt zwischen den Familien.

Die Zukunft des Netzwerks

In den letzten 15 Jahren hat BibloRed seine Strukturen, die landesweit zu den modernsten zählen, gefestigt. Den Daten des Netzwerks zufolge strömen monatlich rund 420.000 Besucher in die Bibliotheken, das sind aufs Jahr gerechnet gut 5 Millionen. Diese Zahl ist jedes Jahr um jeweils ein bis zwei Prozent stetig angestiegen.

Mittlerweile gilt BibloRed als beispielhaft in Lateinamerika. Es wird seine Mission aber solange nicht erfüllen, bis jede einzelne Bibliothek ein treues Spiegelbild der Stadtteilgemeinde liefert, die sie belebt. Germán Patiño ist einer der Nutzer, wie sie sich das Netzwerk wünscht. Er denkt, dass Gesellschaften ohne Bibliotheken verarmen: „Wie soll jemand, der ohne Bücher aufwächst, später ein guter Leser werden? Wenn man die Möglichkeit hat, in eine Bibliothek zu gehen, bleiben einem die Freude am Lesen und alles, was daraus hervorgeht – ein offener Geist und kritisches Denken – für das ganze Leben.“