Biennale von São Paulo Helen Sebidi: “Salvador sehnt sich nach Afrika”

Mmakgabo Helen Sebidi.
©Mit freundlicher Genehmigung der Everard Read Galerie, Johannesburg.

Ein Gespräch mit der südafrikanischen Künstlerin Helen Sebidi, einer der Höhepunkte der 32. Biennale von São Paulo.
 

Wie der Titel - Lebendige Unsicherheit - bereits sagt, ist die diesjährige Biennale von São Paulo voll mit Werken über die Instabilität der Welt und den Zweifel an der Möglichkeit einer besseren Zukunft. In diesem nebulösen Szenario ist das Diptychon Tränen Afrikas der Künstlerin Mmakgabo Helen Sebidi gewissermaßen eine Erleichterung. Mit diesem Werk aus Kohle, Farbe und Collage (sowie ihren anderen Arbeiten, die im Rahmen einer Künstlerresidenz des Goethe-Instituts in Salvador da Bahia entstanden) setzt Sebidi auf eine Gewissheit: die Notwendigkeit, der übrigen Welt ihre Kultur näherzubringen. Nicht von ungefähr war sie 1986 die erste schwarze Frau mit einer Einzelausstellung in Südafrika. Dort geboren, in dem kleinen Ort Marapyane, hat Sebidi den Bezug zu ihrer Herkunft niemals abgelegt und sieht sich heute als Pilgerin ihrer Kultur.

Wie war ihre Erfahrung in Brasilien?

Es waren zwei sehr verschiedene Momente, jedoch beide besonders. In Salvador, wo ich die meiste Zeit verbracht habe, konnte ich viel Vergleichbares zwischen Afrika und Brasilien feststellen. Es ist unübersehbar: Salvador sehnt sich nach Afrika. Wie auf meinem Kontinent auch, ist dort ein Ort der Liebe anstatt des Hasses. Der Austausch und die Gespräche, die ich dort geführt habe und die zur Grundlage meiner künstlerischen Arbeit wurden, begleiten mich immer noch, und ich glaube, das war erst der Anfang einer Entdeckung. In São Paulo war ich weniger lange, aber die Stadt und die Biennale gaben mir die Möglichkeit, meine Arbeit zu zeigen, was gleichbedeutend ist mit meine Kultur zu zeigen. Meine gesamte Arbeit basiert auf der Idee, sich über meine Geschichte und die meiner Vorfahren mitzuteilen. Und es fehlt in der Stadt nicht an Publikum dafür. Natürlich konnte ich auch Unterschiede feststellen. In meiner Kultur wachsen Kinder manchmal bei den Großeltern auf, in Brasilien scheint mir das nicht so üblich zu sein.
 
  • Mmakgabo Helen Sebidi neben der Skulptur She is greeting (2015-2016), Bronze Edition, 1 von 5. ©Mit freundlicher Genehmigung der Everard Read Galerie, Johannesburg.
  • Ein Mädchen findet ihre spirituellen Eltern (2015-2016), Öl auf Leinwand. ©Mit freundlicher Genehmigung der Everard Read Galerie, Johannesburg.
    Ein Mädchen findet ihre spirituellen Eltern (2015-2016), Öl auf Leinwand.
  • Die Enteigneten (2011-2012), Acryl auf Leinwand. ©Mit freundlicher Genehmigung der Everard Read Galerie, Johannesburg.
    Die Enteigneten (2011-2012), Acryl auf Leinwand.
  • Sie können nicht zurückgehen (2015-2016), Öl auf Leinwand. © Mit freundlicher Genehmigung der Everard Read Galerie, Johannesburg.
    Sie können nicht zurückgehen (2015-2016), Öl auf Leinwand.
 

Sie führen stets ihre Großmutter an. Wie hat sie Ihre Arbeit beeinflusst?

Die Antwort darauf ist etwas umfangreicher. Es war nicht nur sie, die mich beeinflusst hat, sondern es waren alle Großmütter, die ganze Geschichte der Vorfahren meiner Kultur, die von den Älteren weitergegeben wird. Die europäische Kultur hat die Erinnerungen meiner Kindheit zu zerstören versucht und war damit bis zu einem gewissen Moment meines Lebens erfolgreich. Doch als ich begann, meine Arbeit in Johannesburg zu zeigen, gelang es mir durch Kunst und Kommunikation, mir dies wieder anzueignen. 1981, kurz bevor sie starb, schaute sich mich meine Großmutter ernst an und sagte, ich würde nicht in die große Stadt gehen, um für die Weißen zu arbeiten, meine Eltern seien von Weißen unterdrückt worden, doch mir würde das nicht passieren. Sie gab mir eine wichtige Lehre mit: dass ich die Saat, die in mich gelegt wurde, stets bei mir tragen und niemals vergessen soll, wer ich bin.


Ihr Kampf um Akzeptanz in Johannesburg hatte zahlreiche schwierige Momente, nicht wahr? Wurden Sie nicht auch einmal irrtümlich festgenommen?

Als ich noch in meinem Dorf lebte, sangen und tanzten wir immer nach der Arbeit. Dies tat meinem Körper gut und machte ihn kräftig. In der großen Stadt hielt mich einmal ein Polizist an und fragte, warum ich mich so selbstsicher bewegen würde, ich dürfe nicht so stolz sein. Dafür war ich sechs Monate im Gefängnis. Ein anderes Mal, als ich im Krankenhaus war, versuchte eine Frau, mich zu töten. Ich hatte auch Probleme mit Nachbarn, weil sie fanden, wir würden zu laut singen und zu sehr unsere Kultur feiern.

1986 gelang es Ihnen, als erste schwarze Frau eine Einzelausstellung in Südafrika zu bekommen …

Ja, und darauf bin ich sehr stolz. Die Leute verstanden, was ich übermitteln wollte und wurden sehr neugierig. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nicht verstanden, dass Kunst auch eine Einkommensquelle für mich sein könnte, dass ich davon leben könnte. Alle Arbeiten wurden verkauft, und ich begriff, dass dies der Weg war: meine Kultur zu vermitteln und anständig davon zu leben. In diesem Moment war mein Lehrer und Mentor John Koenakeefe Mohl sehr entscheidend. Er hat mir geholfen in diesem ganzen Prozess, Kunst zu meinem Lebensunterhalt zu machen, hat mich den richtigen Leuten vorgestellt und mich vor allem davon überzeugt, dass alles Geld, das ich verdienen würde, an meine Großmutter gehen würde.


Ihre Geschichte ähnelt sehr dem Titel eines Ihrer Bilder: Man kann nicht vor seinen Problemen weglaufen …

Mein Leben war immer Auseinandersetzung und niemals Flucht. Täglich kämpfe ich um meine Bestätigung. Und dazu muss ich mich auf meine Kultur stützen. Meine Großmutter trug einen Namen, der in meiner Kultur „Zaun“ bedeutet. Der Name meines Großvaters bedeutete „Teich“. Und ich gehöre, wie alle Afrikaner, zu diesem behüteten Fluss; wir sind die Fische. Das bedeutet der Name Sebidi. Aber Sie denken wahrscheinlich … was hat das jetzt mit Kunst zu tun?


Was also?

Absolut alles. Dies zu erzählen und von diesen Einflüssen aus zu arbeiten, heißt, diesen Teich zu vergrößern. Mit der Kunst konnte ich die Welt bereisen, mit anderen Menschen zusammen ausstellen, meine Standpunkte mit den Ansichten der anderen vergleichen. All das, um zu zeigen, dass meine Kultur ebenso wichtig wie andere ist.